Euro2016

Warum ist Joachim Löw eigentlich so entspannt?

Bundestrainer Joachim Löw lächelt die Kritik weg. Es ist Teil seiner Verwandlung zu einem Mann, den nichts mehr aus der Ruhe bringt.

Zaubern kann Joachim Löw sicher nicht, aber ein paar Tricks hat der Trainer des Weltmeisterlich sicherlich drauf

Zaubern kann Joachim Löw sicher nicht, aber ein paar Tricks hat der Trainer des Weltmeisterlich sicherlich drauf

Foto: Clive Mason / Getty Images

Évian-les-Bains.  Es hat eine Verwandlung stattgefunden. Wann genau sie begann, und ob darin nicht auch eine Gefahr steckt, das konnte bisher noch nicht abschließend ermittelt werden. Nur dass da oben auf den Bühnen für Pressekonferenzen bei der EM jetzt ein Mann sitzt, der zwar immer noch so aussieht wie Joachim Löw, aber längst nicht mehr so klingt, das ist seit Beginn des Turniers nicht zu übersehen. Eine Metamorphose kann man das nennen. Und sie hat dazu geführt, dass jetzt in Frankreich sehr viel gelacht wird.

Das läuft dann so wie am Sonnabend, zwei Tage nach dem ernüchternden 0:0 der deutschen Nationalelf gegen Polen, das viele in der Heimat keineswegs zum Lachen fanden. Da saß Löw auf der Pressekonferenz und beantwortete 43 Minuten lang Fragen. Zum Beispiel, ob ihn die Schärfe der Kritik überrasche, die viele Medien und – besonders scharf – der Veteran Michael Ballack vorgetragen hatten („der Elf fehlt Persönlichkeit und Charakter“).

Der Bundestrainer antwortete: „Das zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. Die Debatte über Führungsspieler gab es schon 2014. Dann sind wir Weltmeister geworden, und plötzlich waren all die Kritisierten die großartigen Leader in der Mannschaft. Und jetzt spielen wir einmal 0:0, und die Diskussion kommt wieder?“ Großes Gelächter im Saal.

Das Löw-Bild der EM: das des Witzeerzählers von Evian

Aber Löw hat die aufkommende Kritik an ihm und seiner Elf nicht nur weggelächelt. Ihr hatte er nach der Rückkehr aus Paris in einer Analyse des Polen-Spiels die offensiven Defizite vorgeführt, bevor er ihr den Sonnabend frei gab, „um mal den Kopf frei zu kriegen“. Der 56-Jährige reagierte so, wie er bisher auf alles reagiert hat, was ihm seit Beginn der EM-Vorbereitung begegnet ist: mit einer demonstrativen Gelassenheit, die in seinem Repertoire bei den Turnieren zuvor so nicht zu finden war.

Das Löw-Bild der WM 2014 ist das des einsamen Läufers vom Strand in Santo André. Eine Sonnenbrille trug er auf der Nase, Kopfhörer im Ohr. Die Welt blieb draußen, während drinnen in ihm ein Kampf über die richtige Aufstellung tobte. Löw machte sich in Brasilien so rar wie niemals zuvor: Nur zweimal in fünf Wochen erschien er auf einer Pressekonferenz, zu der er nicht durch das Reglement gezwungen war wie am Tag vor einem Spiel. Nur zwei Interviews gab er. Es war für ihn auch das Turnier der Anspannung. Nach dem EM-Aus 2012 gegen Italien trauten ihm nicht mehr viele zu, jemals einen Titel zu gewinnen. Löw wollte es beweisen.

Der WM-Titel hat den Bundestrainer verändert

Das Löw-Bild der EM in Frankreich bisher ist das des Witzeerzählers von Evian. Bei jedem einzelnen Auftritt brachte er die Journalisten zum Lachen: Einmal neckte er den DFB-Präsidenten und ehemaligen Schatzmeister Reinhard Grindel, dass finanziell gesehen ein frühes Ausscheiden wohl besser für den Verband wäre. Ein anderes Mal fragte er einen deutschen Reporter, ob der ihm nicht die auf Ukrainisch gestellte Frage eines Kollegen übersetzen können.

Und selbst in der heikelsten Lage, als sein Fehlgriff abseits des Spielfeldes und Schweißflecken auf seinem Shirt Spott und Empörung hervorriefen, machte sich Löw einen Spaß und versprach, ein anderes Shirt zu tragen, auf dem die Schweißränder nicht zu sehen seien würden. Ganz entspannt entschuldigte er sich danach noch für seinen Fauxpas. Und nach dem 0:0 gegen Polen, als schon die Kritik durch die TV-Reporter vorgetragen wurde, erschien Löw auf der Pressekonferenz mit den Worten: „Alles, was ihr wollt.“

Es scheint, als habe der WM-Titel Löw erhaben gemacht. Er begegnet dieser Welt der schnellen Bewertung seiner Arbeit zunehmend mit der Distanz eines Mannes, der allen bereits gegeben hat, was sie wollten. Nun ist er frei.

Nüchterne Analyse statt Überheblichkeit

Entscheidend bei dieser Verwandlung ist allerdings, ob sie zu Hybris führt, die den Blick auf die Realität verstellt und das neue Ziel EM-Titel in Gefahr bringt. Am Sonnabend wirkte Löw nicht überheblich: „Wir haben die Laufwege und die Geschwindigkeit zum Tor vermissen lassen“, analysierte er. Das sei ein wichtiger Ansatzpunkt, an dem er mit dem Team arbeiten werde.

Aber das Problem sei keineswegs die Frage, ob Mario Götze oder Mario Gomez im Sturm spiele: „Wir waren zu wenige Spieler im Strafraum. Entscheidend ist, dass wir mit Tempo ins Zentrum gehen“, sagte Löw. Er sehe das aber nicht als grundsätzliches Problem.

Was Löw nicht sagte: Seine Mannschaft begleitet diese Ziellosigkeit im Angriff schon deutlich länger als nur 90 Minuten. Fast die komplette EM-Qualifikation schlug sie sich damit rum. Damals waren wenigstens noch die Chancen da, und nur der Abschluss mangelhaft. Nun sind auch die Chancen verschwunden, und Löw muss sie wieder hervortreten lassen.

Der Coach kennt nur einen Weg: den nach Lille

Dass ihm das gelingt, daran hat er keinen Zweifel: „Ich bin absolut entspannt“, sagte Löw. Er könne sich zwar sehr gut vorstellen, gegen Nordirland im abschließenden Gruppenspiel am Dienstag ein paar personelle Änderungen vorzunehmen, was stark danach klang, als würde Gomez beginnen. Er wollte das aber nicht als Reaktion auf die Kritik verstanden wissen, sondern als ohnehin geplantes Manöver.

Wohin sein Team reisen müsse, wenn es wider Erwarten nicht Gruppenerster werden würde, wurde Löw gefragt: „Wir wollen gegen Nordirland gewinnen, wir werden gewinnen und dann nach Lille zum Achtelfinale fahren. Einen anderen Weg kenne ich nicht.“

Dann war diese außerordentlich lange Pressekonferenz vorbei, und die Journalisten schon auf dem Weg nach draußen, da beugte sich Löw noch einmal zum Mikrofon vor: „Schwerpunkt beim Training morgen ist wie heute in der PK: die Offensive“, sagte er und lächelte. Es war ein Witz.