Doping

Die Sperre für Russlands Leichtathleten ist erst der Anfang

Der Großmacht droht weiteres Ungemach: Die Forderungen nach einem Komplett-Ausschluss von Olympia in Rio werden immer lauter .

Na sdarowje: Während der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 stießen IOC-Boss Bach (r.)  und Kreml-Chef Putin noch an. Genau diese Spiele sind nun im Visier der Anti-Doping-Agentur

Na sdarowje: Während der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 stießen IOC-Boss Bach (r.) und Kreml-Chef Putin noch an. Genau diese Spiele sind nun im Visier der Anti-Doping-Agentur

Foto: Klimentyev Mikhail / picture alliance / dpa

Wien/Kassel.  Thomas Bach steht vor seiner bislang größten Herausforderung als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Nachdem der Weltverband IAAF Russlands Leichtathleten, die sich systematisch in die Weltspitze gedopt haben, am Freitag von Olympia in Rio ausschloss, wird der Ruf nach einem kompletten Startverbot der Sportgroßmacht lauter. Pikant: Der IOC-Chef hat einen guten Kontakt zu Russlands Präsident Wladimir Putin.

Clemens Prokop, Präisdent des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), fordert angesichts der gravierenden Dopingprobleme, auch in anderen Sportarten und weiteren Ländern eine „neue Front“ zu eröffnen. „Das kann nur der Anfang und darf nicht der Endpunkt für einen weltweiten Kampf gegen Doping sein“, sagte Prokop.

Russland habe in dieser Hinsicht nicht nur ein Problem mit der Leichtathletik, sondern mit der gesamten Sportorganisation des Landes. Es müsse über den „Ausschluss der russischen Mannschaft insgesamt“ bei internationalen Wettkämpfen nachgedacht werden.

„Mir fehlt der Glaube, dass sich ein systemisches Doping in Russland ausschließlich auf die Leichtathletik in diesem Lande beschränkt“, pflichtete DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen seinem Chef bei. Dazu passt: Die Russland-Taskforce der IAAF mit Leiter Rune Andersen empfahl, die seit November 2015 dauernde Suspendierung mit der Begründung zu bestätigen, dass die Anti-Doping-Agentur des Landes (Rusada) erst in 18 bis 24 Monaten voll regelkonform arbeiten wird.

IOC bestätigt Entscheidung der IAAF

Dass in der Russland-Frage Eile geboten ist, zeigte die Entscheidung des IOC, beréits einen Tag nach der Entscheidung von Wien in einer Telefonkonferenz eine Empfehlung für das IOC-Summit am Dienstag in Lausanne abzugeben. Wie nicht anders zu erwarten, hat das IOC darin die weitere Sperre der russischen Leichtathleten und deren Ausschluss von den Olympischen Spielen in Rio begrüßt.

„Diese ist im Einklang mit der seit langem verfolgten Null-Toleranz-Politik des IOC“, hieß es. In Lausanne wird das IOC die pikante Frage diskutieren, ob Russland insgesamt noch olympia-tauglich ist. Dazu wird Bach mit olympischen Interessengruppen über das Problem Kollektivstrafe kontra individuelles Recht von Athleten diskutieren und eine sportpolitische Strategie in der Causa Russland entwickeln.

Schließlich ermittelt eine Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada unter Leitung von Richard McLaren, ob bei den Winterspielen 2014 in Sotschi russische Geheimdienstmitarbeiter positive Proben eigener Sportler im Kontrolllabor tatsächlich ausgetauscht und vertuscht haben. Der Wada-Report soll bis 15. Juli vorliegen. 15 der 33 russischen Medaillengewinner in Sotschi sollen gedopt gewesen sein.

„Es ist nur ein ganz enger Spalt in der Tür“

Die IAAF-Entscheidung könnte auch für das IOC wegweisend sein, da sie einzelnen, nachweislich sauberen Sportlern aus Russland noch ein Schlupfloch zu den Sommerspielen offen gelassen hat. Die Russen wollen so 80 Athleten starten lassen, aber ganz so viele dürften es nicht werden.

„Es ist nur ein ganz enger Spalt in der Tür“, betonte Andersen, dessen IAAF-Taskforce den Bann mit Hintertür empfahl. Um in Rio unter neutraler Fahne starten zu können, braucht es unter anderen den Nachweis, sich außerhalb des „verdorbenen Systems“ bewegt zu haben.

Für Wladimir Putin ist die kollektive Strafe nicht akzeptabel. Er verglich sie mit einer Gefängnisstrafe, die eine „ganze Familie“ treffen würde, wenn ein Verwandter etwas angestellt hätte. Seine guten Kontakte zum IOC-Präsidenten scheinen da allerdings nutzlos.

„Die Startberechtigung von Athleten ist jeweils eine Angelegenheit der internationalen Verbände“, teilte das IOC am Sonnabend unmissverständlich mit.