EM 2016

England holt Last-Minute-Sieg gegen Wales

Reparatur in letzter Minute: Mit seinem Siegtor gegen Wales in der Nachspielzeit sorgte Daniel Sturridge für eine Gefühlsexplosion.

Englands Daniel Sturridge jubelt

Englands Daniel Sturridge jubelt

Foto: Christian Hartmann / REUTERS

Darüber, in welcher Form sich Joe Hart bei Jamie Vardy und Daniel Sturridge erkenntlich zeigen wird, lässt sich nur spekulieren, aber er wird sich sicher nicht lumpen lassen. Ausgerechnet in der prestigeträchtigen „Battle of Britain“ gegen Wales hatte sich Englands Nationaltorwart einen schweren Patzer erlaubt, doch dank der beiden Joker blieb ihm und den „Three Lions“ eine Schmach gegen den kleinen Nachbarn erspart. Leicester-Angreifer Vardy egalisierte den Führungstreffer von Superstar Gareth Bale, ehe Liverpools Sturridge mit seinem Siegtor in der Nachspielzeit für eine wahre Gefühlsexplosion sorgte. Die Häme über Hart wird sich also in Grenzen halten. Stattdessen wurde mit Sturridge ein neuer Held geboren.

„Es ging beim Tor so schnell“, sagte der 26-Jährige, „ich bin wahnsinnig glücklich, dass ich dem Team helfen konnte.“ Dank seines Treffers übernahm England in der Gruppe B die Führung . Die Waliser indes müssen bei ihrer ersten EM um den Sprung unter die besten 16 bangen. Sie treffen im abschließenden Gruppenspiel auf Russland. „Wir sind extrem enttäuscht“, räumte Torschütze Bale ein, „aber auch sehr stolz. Wir haben alles gegeben und müssen uns nichts vorwerfen.“

Die Engländer mussten sich hingegen vorwerfen, lange Zeit keine Durchschlagskraft entwickelt zu haben. Schon in den ersten 45 Minuten dominierte der Favorit, erspielte sich aber kaum eine nennenswerte Torchance. Gary Cahill köpfte den Ball in den Arme von Torwart Wayne Hennessey (26.), Chris Smalling zehn Minuten später knapp am Pfosten vorbei (35.). Beide Gelegenheiten waren das Resultat ruhender Bälle, jeweils ausgeführt von Kapitän Wayne Rooney.

Joe Hart leistet sich mal wieder einen Torwartfehler

Wie man effizienter mit Standards umgeht, demonstrierte Bale, der im Vorfeld eifrig gegen England gestichelt hatte. Aus 32 Metern drosch er das Spielgerät über die englische Mauer, druckvoll und platziert zwar, aber keineswegs unhaltbar. Hart tauchte in die linke Torecke ab und berührte den Ball noch, ließ ihn aber dann doch passieren – 0:1 (32.). Es war die nächste Episode in einer lange Reihe von Patzern englischer Torhüter bei großen Turnieren, dabei wähnten die Briten mit Hart inzwischen einen stabilen Schlussmann zwischen den Pfosten. Aber so kann man sich halt irren.

Die Waliser unter den 34.033 Zuschauern schienen also recht zu behalten. „You’re going home, England’s going home“, hatten sie vor Anpfiff skandiert. Doch sie freuten sich zu früh. Nach der Pause brachte Englands Trainer Roy Hodgson Vardy und Sturridge für die enttäuschenden Stürmer Harry Kane und Raheem Sterling. Zwei Wechsel, die sich schon elf Minuten später bezahlt machten. Eine Hereingabe von Sturridge verlängerte Wales’ Kapitän George Williams, Vardy verwandelte aus kurzer Distanz. Es war sein viertes Tor in den vergangenen fünf Länderspielen. Bale reklamierte zwar vehement eine Abseitsstellung, doch der deutsche Schiedsrichter Felix Brych gab den Treffer und lag damit richtig – genauso wie in der ersten Halbzeit, als die Engländer einen Handelfmeter gefordert hatten (32.).

Das 1:1 verlieh England neuen Schwung. Der Favorit erhöhte nochmals den Druck, spielte jedoch nach wie vor nicht zwingend genug. Auch die Einwechslung des jungen Marcus Rashford verpuffte. Immerhin: Der 18-Jährige ist nun der jüngste Spieler dieses Turniers.

Erst als alle schon mit einem Remis rechneten, kam Sturridge (90.+2) mit dem Glück des Tüchtigen. Auf Hodgson, den Mann mit dem glücklichen Händchen, wirkte der Last-Minute-Sieg wie ein Jungbrunnen. „Ich fühle mich jünger denn je“, sagte der 68-Jährige schmunzelnd, „zumindest, wenn ich Spiegeln aus dem Weg gehe.“ Im ersten Gruppenspiel gegen Russland hatte England in der Nachspielzeit den Ausgleichstreffer hinnehmen müssen.

Die befürchteten Ausschreitungen zwischen britischen Fans blieben übrigens aus. Stattdessen herrschte ausgelassene Party-Stimmung in Lens. Selbst für die Waliser gab es keinen Grund, die Köpfe hängen zu lassen, zumindest aus Bales Sicht. „Wir genießen es, hier zu sein“, sagte der EM-Debütant, „und wir sind noch im Rennen.“

England - Wales 2:1 (0:1)

England: Hart - Walker, Cahill, Smalling, Rose - Dier- Alli, Rooney - Lallana (73. Rashford, Kane (46. Vardy), Sterling (46. Sturridge.
Wales: Hennessey - Chester, Ashley Williams, Davies - Gunter, Taylor - Allen, Ledley (67. Edwards) - Ramsey, Bale - Robson-Kanu (72. J. Williams.
Tore: 0:1 Bale (42.), 1:1 Vardy (56.), 2:1 Sturridge (90.+2). - Schiedsrichter: Brych (München). - Zuschauer: 34.033. Gelbe Karten: Davies.