Deutschland trifft im zweiten Spiel auf Polen

Verteidigen ist gut, Kontrolle ist besser

Mustafi oder Hummels? Bundestrainer Löw sucht die ideale Ergänzung zum derzeit besten Verteidiger der Welt, Jerome Boateng

Évian-les-Bains.  Dieses Twitter ist schon eine tolle Sache. Lauter wichtige und extrem wichtige Dinge kann man an diesem virtuellen Marktplatz der Gedankenblitze erfahren. Auch herausragende Fotos finden dort ihren Weg in die virtuelle Welt. Zum Beispiel ein bedeutungsschweres Bild von André Schürrle, wie er am Mittwoch im Teamquartier von Évian-les-Bains den Teambus betritt. Oder ein formidables Bild von Lukas Podolski. Den Daumen nach oben gereckt. Wieder beim Eingang des Busses. Thomas Müller. Bastian Schweinsteiger. Sami Khedira. Alle vor dem gleichen Bus. Man kann also festhalten: Die Nationalmannschaft ist mit dem Bus zum Flughafen gefahren, von wo aus es weiter nach Paris ging. Dort steht am Donnerstagabend das zweite ­Vorrundenspiel gegen Polen auf dem Programm (21 Uhr, ZDF).

Selbstverständlich haben auch Jerome Boateng und Shkodran Mustafi das Uefa-Gefährt der Mannschaft gegen 10 Uhr betreten. Auch Mats Hummels. Erstaunlich, dass keiner der drei Innenverteidiger dabei abgelichtet wurde. Die Twitter-Gemeinschaft konnte sich aber zumindest an einem Foto erfreuen, das Hummels liegend im Gang des Busses zeigt. „Sorry … No seat for you!“, schrieb Torhüter Marc-André ter Stegen, der Fotograf, dazu. Kein Platz für Hummels. Ob das nun nur für die Busfahrt oder auch für die Startelf gegen Polen gilt, wollte Joachim Löw nach der Ankunft in Paris nicht verraten. Boateng ist im Abwehrzentrum gesetzt. Offen bleibt, wer sein Nachbar werden soll: der zuletzt starke Mustafi? Oder doch wieder der endlich genesene Hummels?

Bilanz seit der WM 2014:

20 Spiele, 26 Gegentore

Meistens schaut das ganze Land auf seine Stürmer, oft wird das Mittelfeld unter die Lupe genommen. Doch vor dem Wiedersehen mit der in der Offensive herausragend besetzten Polen ist es diesmal Deutschlands Abwehr, die sich besonderer Aufmerksamkeit gewiss sein darf. Das liegt natürlich an Robert Lewandowski (siehe Seite 22) und seinen nicht weniger gefährlichen Sturmpartner Arek Milik. Einerseits. Das liegt aber auch daran, dass in der Zeit nach dem WM-Titel vor zwei Jahren Löws Defensiv-Departement nicht immer so souverän wie erhofft wirkte. Von 20 Spielen blieb der Weltmeister nur in sechs Partien ohne Gegentor. Insgesamt kassierte das Land der Kohler, ­Förster und Schwarzenbeck in dieser Zeit 26 Gegentore.

Das ist insofern verwunderlich, als mit Jerome Boateng und Mats Hummels normalerweise zwei der wohl besten Innenverteidiger der Welt diese Abwehr ordnen. Es bleibt verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Hummels-Vertreter Shkodran Mustafi gegen die Ukraine ein gutes Spiel attestiert wurde, Boateng sogar ein sehr gutes.

Doch Fußball ist ein komplexes Spiel voll von Paradoxa. So ist Deutschlands EM-Qualifikationsspiel gegen Polen in Warschau noch in bester Erinnerung, als der frischgebackene Weltmeister das Spiel im Oktober 2014 fast nach Belieben diktierte, zunächst auch gut verteidigte, dann aber die Kontrolle verlor. 0:2 verlor die Mannschaft. Verteidigen ist gut, weiß Bundestrainer Joachim Löw spätestens seit diesem Herbstabend in Warschau, Kontrolle ist besser. Vielleicht auch deswegen durfte Mats Hummels nach auskuriertem Musfkelfaserriss am Dienstag im Training wieder neben Jerome Boateng, auflaufen.

Dass Deutschland einen genesenen Hummels gut gebrauchen kann, wurde trotz der ordentlichen Leistung seines Vertreters im Spiel gegen die Ukraine deutlich. Auch in Lille dominierte die DFB-Auswahl, verteidigte über weite Strecken gut, verlor aber gegen Ende der ersten Hälfte für zehn Minuten die Kontrolle. „Wir hätten auch das Gegentor zum 1:1 kassieren können“, sagte Mustafi. Gegen die Ukraine darf man sich so eine Phase der Schwäche erlauben. Gegen Polen nicht.

„Mustafi und Boateng haben viele Zweikämpfe gewonnen“, hatte Löw nach dem 2:0 gegen die Ukraine gelobt. Mustafi, der beim BVB als Hummels-Nachfolger im Gespräch sein soll, hatte ein herrliches Tor geköpft, Boateng mit einer artistischen Rettungstat ein Gegentor verhindert.

Die spektakuläre Aktion des gebürtigen Berliners wurde schnell zum Hit. Im Internet. Natürlich dank Twitter. „Mein Rücken tut nicht mehr weh als nach jedem anderen Fußball-Spiel“ sagte Boateng. Nicht weniger lässig beantwortete Boateng die Fragen nach seinem Wiedersehen mit Klub-Kollege Lewandowski. „Ich will nicht verlieren, er will nicht verlieren. Dann rasselt man schon mal aneinander. Und fertig“, ­sagte der Verteidiger.

Ob aber Mustafi oder Hummels ihn unterstützen sollen, verrät Löw erst am Spieltag. Der Bundestrainer sagte gestern Abend: „Ich spreche nach dem Abschlusstraining mit Mats, wie er sich fühlt, ob es Wehwehchen gibt. Ich werde aber auf dieser Position sicher kein Risiko eingehen.“ Die Millionen Bundestrainer in der Heimat werden bis kurz vor dem Anpfiff warten müssen. Dann soll die Aufstellung veröffentlicht werden. Als erstes natürlich via Twitter.