Island ärgert den Weltfussballer

Ronaldo als schlechter Verlierer

Portugals Star kritisiert die harte Gangart der Nordmänner, doch die wissen sich auch mit Worten robust zu wehren. Teamgeist ist der Schlüssel zum Erfolg

Saint-Étienne. Das wird dauern, sagte der isländische Zeugwart, als er weit nach Spielschluss als erstes Mitglied seiner Delegation aus der Kabine kam. Es dauerte dann wirklich, und man konnte sich gut vorstellen, wie Islands mächtige Kerle sich erstmals noch ein paar dieser Wikinger-Umarmungen geben mussten, mit denen sie schon auf dem Rasen begonnen hatten. Wie sie am Telefon all die Glückwünsche der 95 Prozent Landesbevölkerung entgegennahmen, die nicht sowieso im Stade Geoffroy Guichard dabei war.

Es dauerte jedenfalls so lange, dass erst einmal Cristiano Ronaldo kam mit seiner ganz eigenen Interpretation dieses Fußball-Märchens.

Auf Portugiesisch gab er sich noch halbwegs routiniert. Der krasse Außenseiter Island habe Glück gehabt bei diesem 1:1. „Es bleibt immer ein schlechter Nachgeschmack, wenn du überlegen bist und nicht gewinnst.“ Auf Englisch legte er dann los, und ja, sein Englisch ist nach vielen Jahren bei seinem Ex-Klub Manchester United und noch mehr im internationalen Jetset allemal gut genug, um alles so zu meinen, wie er es sagte. „So wie sie gefeiert haben, dachte ich, sie hätten die Europameisterschaft gewonnen. Sie haben nicht versucht zu spielen, sondern nur verteidigt, verteidigt, verteidigt. Das zeigt eine kleine Mentalität, so werden sie in diesem Turnier nichts reißen.“ Sprach’s und entstapfte in die Nacht, um den Hals seine goldenen Kopfhörer.

Die Mittel des Außenseiters reichen für den Weltstar CR7

Wahrscheinlich wird es bei dieser Europameisterschaft keinen größeren Kontrast mehr geben. Hier der dreifache Weltfußballer Ronaldo mit seinen über 200 Millionen Fans in den sozialen Netzwerken. Dort die Isländer mit ihren rund 330.000 Einwohnern. Sie hatten Ronaldo vorher ein bisschen provoziert, das schon. Trainer Lars Lagerbäck sprach von einem „effizienten Schauspieler“. Aber auf dem Platz hatten sie ihn nicht unter der Gürtellinie traktiert.

Sie traten einfach nur körperlich auf, die Isländer sind ausgesprochen stolz darauf, ein so unangenehmer Gegner zu sein. Sie nutzten die Mittel des Außenseiters. Trotzdem verweigerte Ronaldo schon den Trikottausch nach der Gratulation. Und blieb dermaßen in der CR7-Welt gefangen, dass er nicht mal für einen winzigen Moment reflektiert bekam, was doch so offensichtlich war. Kleine Mentalität? Natürlich. Kleines Land. „Er war wohl einfach nur irritiert, dass er nicht gegen eine Nation von 330.000 Einwohnern gewinnen konnte“, stichelte der starke Torwart Hannes Halldórsson, zuletzt beim norwegischen Tabellen-14. Bodö/Glimt aktiv. „Er ist einfach nur ein schlechter Verlierer“, ergänzte Innenverteidiger Kári Árnason (Malmö FF). „Was erwartet er denn? Dass Island gegen ihn wie Barcelona spielt?” Diese Mannschaft kann sich mit Worten genauso robust wehren wie auf dem Platz, das wurde schnell klar: „Er nestelt rum und fällt durch die Gegend“, so erlebte Árnason den Weltfußballer.

In jedem Dorf auf der Insel gibt es eine Rasenhalle

Selbst die von Ronaldo angezettelte Debatte schaffte es letztlich aber nicht, das eigentliche Thema von Saint-Étienne zu verdrängen. Wenn man Spaß daran hat, im Sport von Historie zu sprechen, so gab es den historischen ersten Punkt im historischen ersten Spiel mit dem historischen ersten Tor durch Birgir Bjarnason. „Das ist ein Privileg für mich“, sagte der Schütze, der mit seinem krachenden Volleyschuss in der 50. Minute ein typisch isländisches Stilmittel veredelte – die weite Flanke von einem der beiden Außenbahnspieler, in diesem Fall Johan Gudmundsson, auf den anderen, Bjarnason. Hoch und höher, so wie eben üblich hoch im Norden.

Die älteren Spieler wie Árnason (33) haben Fußball schließlich noch unter denkbar unwirtlichen Bedingungen erlernt. Nur rund vier Monate im Jahr konnte man in Island auf Rasen spielen. Überhaupt zu spielen, war schon eine Herausforderung: „Als ich ein Junge war, bekamen wir in meinem Verein nicht mal elf Spieler zusammen. Wir mussten Freunde anrufen, um das Team aufzufüllen – oft konnten sie nicht mal Fußball spielen.“ Aber als Kind träumt man doch trotzdem immer von Momenten wie diesen? „Ehrlich gesagt, nein. Das wäre schon arg an den Haaren herbei gezogen gewesen.“

Das Märchen begann ganz unromantisch: mit Strukturen. Die Insel investierte in beheizbare Rasenhallen und die Trainerausbildung. Heute kann in jedem Dorf Islands ganzjährig auf großem Feld unter Anleitung eines Coaches mit Uefa-Lizenz gespielt werden. „Ein Klassiker in der Analyse unserer Aufschwungs“, wie Halldórsson sagt, sie haben das alles ja jetzt schon ein paar Mal erzählt, spätestens seit der überraschenden Qualifikation, die sie als Gruppenzweiter hinter Tschechien, aber vor der Türkei und Holland beendet hatten. Das hätte den Portugiesen eigentlich Warnung genug sein müssen. Keeper Halldórsson betonte zur Abwechslung deshalb mal den Teamgeist: „Das ist wie Magie, manchmal ist er einfach da, und dann geht einer für den anderen die Extrameile – wir haben Ronaldo als Freunde gestoppt.“

Schwerer als gegen Portugal dürfte es nun erst mal nicht werden, gegen Ungarn und Österreich. „Der Himmel ist unsere Grenze“, erklärte Halldórson, während sich draußen die Fans, von denen die meisten Familie, Freunde oder zumindest Bekannte der Spieler sind, immer noch ihr „Uh – Uh“ entgegenriefen, die traditionelle Anfeuerung. Das Stadion in der Hauptstadt Reykjavik ist so weitläufig, dass man früher schreien musste. Früher, als sie in Island beim Fußball noch weniger waren als heute.