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Russen-Politiker verteidigt brutale Hooligans: "Gut gemacht"

Während neun gewalttätige Fans mehrmonatige Haftstrafen erhalten, verärgert Russlands Parlaments-Vize. Die Kritik an der Uefa wächst.

Russische Hooligans bei ihrem Gewaltzug durch Marseille

Russische Hooligans bei ihrem Gewaltzug durch Marseille

Foto: Carl Court / Getty Images

Marseille/Paris.  Sechs Fußball-Fans aus England, zwei aus Frankreich und einer aus Österreich sind zwei Tage nach den schweren Krawallen in Marseille zu Haftstrafen verurteilt worden. Gegen alle Männer wurde in Schnellverfahren zudem ein zweijähriges Einreiseverbot verhängt.

Ein weiterer Franzose kam mit einer Bewährungsstrafe davon. Am längsten muss ein 29 Jahre alter Franzose ins Gefängnis, der wegen Diebstahls und Gewalt zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Der Österreicher muss fünf Monate absitzen.

Ein Engländer muss für zwei Monate in Haft, weil er einen Plastikbecher geworfen haben soll und Mitgliedern der Gendarmerie den Mittelfinger gezeigt. Für fast alle Rowdys ist es die erste Haftstrafe. Die Ausschreitungen hatten sich am Sonnabend rund um das EM-Spiel zwischen England und Russland ereignet. Dabei wurden 35 Menschen verletzt, vier davon schwer.

Russischer Politiker ermutigt Hooligans

Russische Hooligans waren bei den schweren Ausschreitungen hingegen nicht in Gewahrsam genommen worden, dabei waren rund 150 von ihnen an den Ausschreitungen beteiligt. Diese „extrem trainierten“ Gewalttäter hätten sehr schnell gehandelt und seien dann wieder verschwunden, sagte Staatsanwalt Brice Robin. Inzwischen dürften sie weit weg sein oder – schlimmer – auf dem Weg zum nächsten EM-Spiel der Russen gegen die Slowakei am Mittwoch in Lille.

Während die Krawalle europaweit verurteilt wurden, hat sich der russische Parlaments-Vizepräsident Igor Lebedew zu skandalösen Äußerungen hinreißen lassen. „Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Im Gegenteil, gut gemacht Jungs. Weiter so!“, schrieb der Politiker der nationalistischen Liberaldemokraten beim Kurznachrichtendienst Twitter.

Die Hooligans hätten „die Ehre ihres Landes verteidigt und es den englischen Fans nicht gestattet, unser Land zu entweihen“. Lebedew ist auch Vorstandsmitglied des russischen Fußball-Verbandes.

Rooney und Hodgson appellieren an Fans

Was passiert sei, „ist nicht die Schuld der Fans, sondern die Unfähigkeit der Polizei, solche Events angemessen zu organisieren“, betonte Lebedew weiter. 2018 ist Russland Gastgeberland der Fußball-Weltmeisterschaft.

Das russische Nationalteam blockte alle Fragen zu nichtsportlichen Themen am Montag konsequent ab. Englands Auswahl richtete indes einen eindringlichen Videoappell an seine Fans – angeführt von Kapitän Wayne Rooney und Trainer Roy Hodgson.

Als Organisator des EM-Turniers gerät der europäische Fußballverband Uefa durch die neu entflammte Diskussion um die Hooligangewalt immer mehr in die Kritik. Am Montag kündigte der Verband eine Aufstockung des Sicherheitspersonals für alle Spiele an, außerdem setzen zumindest die Städte Lyon und Toulouse auf Einschränkungen beim Verkauf von Alkohol.

Uefa-Verfahren gegen russischen Verband

Innenminister Bernard Cazeneuve hatte die örtlichen Behörden nach den Gewaltszenen von Marseille aufgefordert, in „sensiblen Bereichen“ Alkoholverbote zu verhängen. Zuvor hatte die Uefa England und Russland bereits mit einem Turnierausschluss gedroht.

Weil russische Hooligans nicht nur außerhalb, sondern auch in der Arena randalierten, hat die Disziplinarkommission der Uefa ein Verfahren gegen den russischen Verband eingeleitet. Ein Urteil soll am Dienstagnachmittag verkündet werden. Gerechnet wird mit einer saftigen Geldstrafe und einem Punktabzug auf Bewährung.

Der deutsche Fanforscher Harald Lange sprach sich unterdessen kategorisch gegen einen Ausschluss einzelner Mannschaften aus. Ein Spielverbot wäre der allergrößte Erfolg für Hooligangruppen, sagte der Professor der Universität Würzburg. Dies würde ihnen die Bestätigung vermitteln, großen Einfluss zu besitzen.