Euro 2016

Ganz „Bales“ träumt bei der EM 2016 von Heldentaten

Ihr erstes Spiel bei einer EM gewannen die Waliser mit 2:1 gegen die Slowakei. Und bejubelten vor allem ihren Star Gareth Bale.

Gareth Bale (r.) bejubelt seinen Treffer zum 1:0

Gareth Bale (r.) bejubelt seinen Treffer zum 1:0

Foto: Armando Babani / dpa

Bordeaux.  Mit dem Schlusspfiff schrie Gareth Bale seine Freude heraus. Die Pose hatte man erst vor zwei Wochen gesehen, da gewann er mit Real Madrid die Champions League. Diesmal ging es nur um ein 2:1 (1:0) gegen die Slowakei im ersten Gruppenspiel der Europameisterschaft. Nur? Wer sieht, wie Bale in dieser Mannschaft aufgeht, wie er sein Führungstor bejubelte und schließlich den entscheidenden Treffer von Hal Robson-Kanu zehn Minuten vor Schluss – der konnte keine Zweifel haben, was dieser Erfolg bedeutete: es war ein historischer Sieg.

Treffen von zwei EM-Debütanten

In Bordeaux standen sich schließlich zwei EM-Debütanten gegenüber. Sie zeigten über weite Strecken, dass die Erweiterung des Turniers auf 24 Mannschaften keine so schlechte Idee gewesen sein muss. Das Spiel war temporeich und unterhaltsam, auch weil beide Teams über jeweils einen außergewöhnlichen Fußballer verfügen. Bale, klar, den „drei Millionen Waliser mit Haut und Haar lieben“, wie Trainer Chris Coleman später sagte. Bale, der „jedes Mal den Job erledigt, wenn er mit diesem Trikot auf den Platz geht“, wie Spielmacher Joe Allen anmerkte. Und ihm gegenüber: Marek Hamsik.

Der slowakische Spielmacher mit dem Irokesenschnitt zog seine Waffen zuerst. Gleich in der dritten Minute eroberte im Mittelfeld den Ball – gegen Bale –, zog entschlossen zum Tor, ließ durch eine Körpertäuschung zwei walisische Verteidiger ineinander laufen, verlud auch noch den Torwart – und sah, wie sein potenzielles Tor des Jahres vom zurückgeeilten Abwehrspieler Ben Davis verhindert wurde. Schon durch diese spektakuläre Rettung zeigte sich, dass Wales wirklich „together stronger“ ist, wie das Teammotto verkündet: dass hier elf „Brüder“ (Bale) keinen Ball verloren geben.

Flatternder Freistoß mit unklarer Flugkurve

Der 100-Millionen-Euro-Mann war in der 10. Minute mit seinem ersten Auftritt dran. Freistoß aus rund 20 Metern halbrechter Position. Bei Wales gibt es keinen Cristiano Ronaldo, der ihm die Ausführung streitig machen würde. Flatternd mit unklarer Flugkurve schlug der Ball ein, in der linken Torhälfte, aber doch mittig genug für den Versuch einer Reaktion. Dass es sich um einen „typischen Bale-Freistoß“ handelte, wie der slowakische Trainer Jan Kozak später bemerkte, hatte sein Torwart Matus Kozacik aber offenbar verpasst. Der Keeper streckte sich nicht einmal.

Bale lief zur Trainerbank, wo sich die Spieler im Jubel über das erste Turniertor ihrer Nation seit der WM 1958 vereinten. Dann richtete er sich den Zopf. Nicht nur sein Haar ist länger geworden, seit er vor zehn Jahren als 17-Jähriger seine Länderspielkarriere mit einem Freistoßtor gegen die Slowakei begann. Auch Wales ist einen weiten Weg gekommen. Damals reichte Bales Treffer in Cardiff – zu einem 1:5.

„Es gibt nur einen Gary Speed“, singen die Fans

Den Mann, den sie für den ersten Teil des Aufschwungs verantwortlich halten, ließen die rund 20.000 walisischen Fans unter den 37.831 Zuschauern nun hochleben. „Es gibt nur einen Gary Speed“, sangen sie über den Ex-Nationaltrainer, der sich 2011 das Leben nahm. Seine Arbeit führte Chris Coleman fort, der nach dem Spiel gerührt über den neuen Höhepunkt seiner Amtszeit sprach. „Du kannst (von den Spielern) nicht mehr verlangen als alles – und genau das haben sie gegeben.“

Es gab freilich auch Momente, in denen alles nicht genug schien. Die erste Halbzeit hatte Wales mit seinem Forechecking und seinem Direktspiel dominiert, die nächste halbe Stunde gehörte jedoch dem technisch feineren Kombinationsfußball der Slowaken. Insbesondere der ehemalige Nürnberger Robert Mak, inzwischen bei Paok Saloniki angestellt, prägte diese Phase, zunächst mit einer vergebenen Großchance nach herrlichem Pass von Hamsik, dann mit einem entschlossenen Solo auf Rechtsaußen. Seinen Pass in den Rücken der Abwehr verwandelte der eingewechselte Ondrej Duda mit seiner ersten Ballberührung zum Ausgleich (61.).

Trainer Coleman hat eine glückliche Hand

Wales wirkte müde und machte einfache Fehler, doch da waren ja noch die Fans, die „uns zurück brachten, als wir in den Seilen hingen“, wie Allen sagte. Und da war Coleman, der Joe Ledley und Robson-Kanu einwechselte, beide normalerweise Stammspieler, beide jedoch angeschlagen. Ledley passte zu Aaron Ramsay, und der im Stolpern mit letzter Kraft weiter zu Robson-Kanu. Ob dessen Abschluss ins kurze Eck durch die Beine seines Gegenspielers wirklich so gewollt war oder ob er den Ball nicht richtig traf – das sollte bei den rauschenden Siegesfeiern in den Kneipen von Bordeaux und den Straßen von Cardiff keine zentrale Rolle spielen.

Einen „Triumph des Herzens“, feierte Bale, der kämpfte wie ein weiterer Bruder und nie den Superstar heraushängen ließ. Wie es für Wales jetzt noch besser werden kann? Im nächsten Spiel geht es gegen den Nachbarn England. Bale schickte dieser Tage schon mal eine Kampfansage: „Wir haben viel mehr Leidenschaft und Stolz als sie.“