Leichtathletik

Vom merkwürdigen Leben zwischen Angst und Adrenalin

Wie Robert Harting und Christina Schwanitz nach ihren Verletzungen die Rückkehr in die Olympia-Saison erleben.

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Berlin.  Wenn zwei gestandene Athleten jenseits der Dreißig vor Deutschen Meisterschaften noch mal richtig aufgeregt sind, muss ihre Situation eine besondere sein. Oder das Jahr. Oder sogar beides. Auf Christina Schwanitz, Welt- und Europameisterin mit der Kugel, und Robert Harting, Olympiasieger, dreimaliger Welt- und zweimaliger Europameister mit dem Diskus, trifft das eine wie das andere zu.

Es ist die Olympia-Saison. Und beide waren zu Beginn des Jahres unsicher, ob sie bis zu den Spielen im August in Rio de Janeiro überhaupt fit sein würden. Nun wollen sie am nächsten Wochenende in Kassel das Ticket buchen: mit Titelgewinn und Erfüllung der Olympia-Norm.

„Ich gehe davon aus, dass die Weite kein Problem wird“, sagt die Dresdnerin. 17,75 Meter sollten kein Thema sein, wo ihre Bestweite bei 20,77 liegt. Obwohl sie gerade neun Monate ohne Wettkampf hinter sich hat. Am Sonnabend gab sie ihr Comeback bei den Mitteldeutschen Meisterschaften in Gotha. Schwanitz hat ihren Optimismus wiedergefunden, nachdem sie sich im Januar eine schwere Schulterverletzung zugezogen hatte.

Die 30-Jährige musste vorübergehend eine ruhigere Kugel schieben, stoßen konnte sie zumindest keine. Dann trat sie erstmals zur Übung wieder in den Ring, wo ein ungutes Gefühl sie beschlich. „Du legst die Kugel an den Hals und denkst: So, und jetzt? Die Gewohnheit war weg.“ Das Selbstverständliche, der automatische Bewegungsablauf, über Jahre antrainiert. Da steigt der Puls.

„Man verliert einen Teil seiner Identität“

Harting kann davon ebenfalls ein Lied singen. Ungeduldig mit sich selbst sind beide. Aber der Berliner ist noch mehr Grübler als seine Kollegin. Erschwerend kommt hinzu, dass er sich bereits Ende 2014 beim Joggen einen Kreuzbandriss zuzog, also weit länger außer Gefecht war.

Anfang dieses Jahres kehrte er zurück und gewann gleich das Hallen-Istaf. Dann aber bremsten ihn erneut Knie und Brustmuskelprobleme – gerade als er sich auf gutem Wege wähnte. „So habe ich einen wichtigen Teil der Wettkampfphase verpasst, wo die Technik so automatisiert wird, dass man nicht mehr nachdenkt.“

Was ihn noch mehr quälte: „Man verliert so ein bisschen das, was man ist, einen Teil seiner Identität.“ Er ist Diskuswerfer, über Jahre der beste der Welt. „Im Geist ist man es noch, aber plötzlich reagiert der Körper ganz anders“, sagt er, „jahrelang trainiert man bis zur Perfektion, um vielleicht Olympiasieger zu werden. Dann war man verletzt und soll das in ein paar Wochen hinkriegen. Da ist schon Angst dabei.“ Die Angst, es nicht zu schaffen.

Harting nur auf Rang fünf der Bestenliste

Er musste nicht nur manches neu lernen, sondern sich sogar hinten anstellen. Denn die Krux bei Robert Har­ting ist: Während Christina Schwanitz national quasi konkurrenzlos antritt, sieht sich der 31-Jährige plötzlich einem Stall voll jüngerer Kerle gegenüber, die alle an seiner Stelle nach Brasilien wollen.

Und in dieser Saison Weiten hingelegt haben, die solche Ansprüche rechtfertigen. Er, der Dominator der Welt, liegt mit seiner Weite von 65,97 Metern, vor einer Woche in Birmingham erzielt, nur noch auf Platz fünf. In Deutschland.

Doch der Riese klagt nicht, er frohlockt. „Das werden die geilsten Deutschen Meisterschaften meines Lebens. Immer habe ich mir gewünscht, dass so viel Leistungsdichte da ist“, sagt er, „und jeder jeden schlagen kann.“ Zweieinhalb Jahre habe er mehr oder weniger alles gewonnen, der Reiz war fast weg. Die veränderte Lage fordere ihn in seinem „innersten Kern heraus. Das ist das Coole an dieser Situation“.

„Wichtig ist, wer wann weit wirft“

Die neue Lust, sich zu messen. Mit seinem sechs Jahre jüngeren Bruder Christoph (Saisonbestweite 68,06), Martin Wierig (Magdeburg/67,60), Daniel Jasinski (Leverkusen/67,16) und Markus Münch (Potsdam/66,78). Die Herausforderung, es ihnen noch einmal zu zeigen. Psychospiele gehören dazu.

„Christoph hat auf jeden Fall die besten Karten, ein riesiges Leistungsvermögen und ist physisch absolut der Stärkste.“ Wenn bei dem ein Wurf richtig passe, sagt Harting, der Ältere, „dann können alle anderen zugucken. Aber so muss es ja nicht kommen. Bei Meisterschaften ist es nicht immer am wichtigsten, wer am weitesten werfen kann. Sondern wer wann weit wirft.“

Zumindest äußerlich keine Spur Nachlassen beim Verfolgen des Zieles, eine olympische Medaille zu gewinnen, Verletzungen hin oder her. „Rio ist absolut realistisch“, sagt Schwanitz, die zuvor schon bei den Europameisterschaften in Amsterdam (6. bis 10. Juli) als erste Frau ihren Titel mit Erfolg verteidigen will: „Ich hab vor, noch ein bisschen Geschichte zu schreiben.“ Während für Harting der Fokus wegen der härteren Konkurrenz zunächst ganz auf Kassel liegt. „Wenn ich Deutscher Meister werde und die Quali-Weite von 65 Metern schaffe, bin ich in Rio. Deshalb gibt es keine Alternative dazu zu gewinnen.“

Lange will er sich auch nicht mehr den Spott anhören, weil seine Freundin Julia Fischer in dieser Saison den Diskus schon über 68 Meter geschleudert hat, also weiter als er. „Ja, ja, sie trägt jetzt die schweren Taschen, weil sie stärker ist als ich“, sagt Harting grinsend. Humor ist nicht der schlechteste Weg, seine Angst zu besiegen.