Tennis

Ein Bambi aus Spanien mit Killerinstinkt

Garbine Muguruza hat das Zeug, die neue Nummer eins im Tennis zu werden. Ihre Karriere hat auch etwas mit Sabine Lisicki zu tun.

Foto: Etienne Laurent / dpa

Paris/Berlin.  Olivier van Lindonk weiß, was in einer Tenniskarriere richtig laufen kann. Oder schief. Van Lindonk ist Topmanager beim Vermarktungsriesen IMG. 2013 war er noch enger Weggefährte von Sabine Lisicki. Er saß in deren Spielerbox, damals beim Wimbledon-Finale.

Die Berlinerin verlor erst das Endspiel, später den klaren Kopf für ihren Berufsweg. Irgendwann trennte sie sich von IMG, wechselte zu einem deutschen Interessenvertreter, der sich auch um Oliver Pocher und Cindy aus Marzahn kümmerte. Gut möglich, dass sie dem freiwilligen Abschied des IMG-Managers zuvorkam.

Am Sonnabend konnte man van Lindonk wieder in prominenter Lage erleben. Er saß in Paris neben Trainer Sam Sumyk. Van Lindonk und Sumyk – das sind die wichtigsten Vertrauten der Frau, die sich an diesem 4. Juni 2016 als neuer Machtfaktor im Tennis etablierte.

“Ich wollte unbedingt diesen letzten Schritt zum Titel gehen“

Auch sie, Garbine Muguruza, die French-Open-Königin, stand schon einmal im Wimbledon-Finale. 2015 war das, also vor elf Monaten, sie war gewissermaßen die Nachnachfolgerin von Lisicki als geschlagene Endspielteilnehmerin. Sie verlor die Partie gegen Serena Williams, doch bei der 22-Jährigen war der große Erfolgsmoment bei einem Major-Wettbewerb damit nur aufgeschoben, nicht aufgehoben.

In Paris stand ihr wieder Williams gegenüber, von Beklemmung war aber nichts zu spüren bei diesem Wiedersehen. Muguruza zeigte bei ihrem beinahe makellosen 7:5, 6:4-Sieg nichts weniger als die Qualitäten einer Championesse.

Zu bestaunen war eine junge Frau, die nicht zurückzuckte, sondern ihre große Chance mit großer Entschlossenheit wahrnahm. Und die mit extrem guten Nerven sogar nach vier ausgelassenen Matchbällen den Erfolg sicherte.

„Ich wollte unbedingt diesen letzten Schritt zum Titel gehen“, sagte sie, „das ist der Sieg, der in Spanien zählt.“ Viele, viele Jahre für einen gewissen Rafael Nadal. Nun, bei Abwesenheit des verletzten Matadors, eben für Muguruza. „Ihr Potenzial ist beeindruckend“, sagt von Lindonk.

„Sie hat auch in schwierigen Situationen immer Lösungen parat“

Vor zwei Jahren hatte sie in Paris das erste Mal auf sich aufmerksam gemacht – mit einem Sieg gegen Williams. 6:2, 6:2 lautete die Abfuhr für die Frontfrau. Schon da wurde Muguruza als Versprechen für die Zukunft gehandelt.

Sie hat ja alles im Paket, was im Tennisbetrieb für Spitzenplätze gebraucht wird: Die Fitness, die Athletik, die Variabilität, das Gespür, die richtigen Bälle im wichtigen Moment zu spielen. Muguruza gewann ihren ersten Major-Titel nun zwar auf dem roten Pariser Sand.

Doch sie ist eine starke Allrounderin, die sich auf allen Belägen zurechtfindet. „Sie hat auch in schwierigen Situationen immer Lösungen parat“, sagt ihre langjährige Mentorin Conchita Martinez. Die Kompromisslosigkeit, ihr meist schnörkelloser Stil, verbindet sie mit dem Idol aus Kindertagen, Pete Sampras. Treffsicher nannte die „SZ“ die in Venezuela geborene Muguruza „Bambi mit Killerinstinkt“.

Letzten Herbst sprang Muguruza schon mal auf Platz 3 der Weltrangliste vor, dann verlor sie an Boden. Nun katapultiert sie der Triumph unterm Eiffelturm auf Platz 2, als erste Herausfordererin von Serena Williams. „Überragend“ habe Muguruza gespielt, bekannte die Amerikanerin. Gut möglich, dass die 34-Jährige dabei über ihre Nachfolgerin gesprochen hat.