Testspiel gegen Ungarn

Deutschland fährt mit einem guten Gefühl nach Frankreich

Die Auswahl von Bundestrainer Joachim Löw setzte sich am Sonnabendabend gegen Ungarn mit 2:0 (1:0) durch.

Mario Götze beim Testspiel gegen Ungarn

Mario Götze beim Testspiel gegen Ungarn

Foto: Marius Becker / dpa

Bastian Schwein­steiger war endlich angekommen, wo er hinwollte. An der Seitenlinie stand er und wartete auf seine Einwechslung. Dann durfte er rein ins Testspiel gegen Ungarn. Bei der deutschen Nationalelf kam er für Andreas Hinkel.

Fast auf den Tag genau zwölf Jahre ist das her. Damals gab Schweinsteiger mit 19 im letzten Testspiel vor der Europameisterschaft 2004 gegen Ungarn (0:2) sein Länderspieldebüt. Es war seine Ankunft auf der großen Fußballbühne. Am Sonnabend, wieder ein letzter Test vor einer EM gegen Ungarn, sollte es in gleicher Manier seine Rückkehr werden. Seit dem 20. März hatte der mittlerweile 31-Jährige nicht gespielt. Zwei Knieverletzungen hatten große Zweifel aufkommen lassen, ob Schweinsteiger es zur am Freitag beginnenden EM schaffen würde.

Der Kapitän fühlt sich fitter als vor der WM in Brasilien

Neben dem guten Gefühl, nach den Toren von Mario Götze (39. Minute) und Thomas Müller (63.) mit einem 2:0 (1:0) in der Generalprobe nach Frankreich fahren zu können, hat dieser letzte Test für Bundestrainer Joachim Löw vor allem die Erkenntnis gebracht, dass Schweinsteiger wieder einsatzfähig ist. In der 68. Minute wurde er eingewechselt, nachdem er erst am Montag ins Mannschaftstraining eingestiegen war. 22 Minuten Spielpraxis für den Kapitän, 22 Minuten gegen die Zweifel. „Ich bin definitiv fitter als vor der WM 2014, da konnte ich fast nix machen, jetzt schon einiges“, sagte er. Das Spiel gegen die viel zu schwachen Ungarn sollte ansonsten auch psychologisch wertvoll sein: „Der Sieg gibt Stabilität und ein gutes Gefühl. Es war auch wichtig, zu Null zu spielen. Ein paar Dinge müssen wir aber noch nachjustieren“, sagte Löw.

Es wird dem Bundestrainer nicht darum gegangen sein, den 52.104 Zuschauern in Gelsenkirchen einen Gefallen zu tun, als er sich für Benedikt Höwedes als Rechtsverteidiger entschied. Der Schalker Kapitän hatte schon bei der WM 2014 als Außenverteidiger überzeugt – damals links. Aber weil nun rechts die größte Suchaktion der Republik läuft, probierte Löw diesmal eben Höwedes dort aus. Darüber hinaus durfte der Ex-Schalker Julian Draxler links im Mittelfeld starten. Doch er sollte glücklos bleiben.

Schon nach nur 56 Sekunden hätte Draxler Argumente für eine weitere Startelfzugehörigkeit sammeln können: Götze spielte quer durch die ungarische Abwehr, und Draxler schob ein. Schiedsrichter Martin Strömbergsson (Schweden) fand, dass der 22-Jährige im Abseits stand, hatte das jedoch exklusiv. Es sollte dennoch der Beginn einer recht stürmischen deutschen Anfangsphase sein: Müller testete aus 30 Metern, ob der frühere Hertha-Keeper Gabor Kiraly mit nunmehr 40 Jahren noch ein guter Schlussmann ist. Ist er (11.). Bei einer Ecke vergab Antonio Rüdiger per Kopf. Der gebürtige Berliner vertrat den angeschlagenen Mats Hummels im Abwehrzentrum. Weil der auch zu Turnierbeginn nicht fit sein wird und Rüdiger sein Werk solide verrichtete, dürfte man ihn auch gegen die Ukraine wiedersehen.

Die Abwehrbollwerke der Gegner reißen

Wie Löw in der EM-Gruppenphase gegen zumeist destruktive Gegner (neben der Ukraine noch Polen und Nordirland) agieren will, zeigte sich prächtig gegen Ungarn: Müller und Draxler auf den Flügeln zogen immer wieder nach innen und schafften so Platz für die aufrückenden Außenverteidiger Jonas Hector und Höwedes. Damit will Löw Löcher in die erwarteten Abwehrbollwerke der Gegner reißen, und gegen das vom ehemaligen Hertha-Co-Trainer Bernd Storck betreute Ungarn klappte das zumindest links. Draxler schob den Ball aus dem Zentrum nach außen auf Hector, der legte zurück, Götze musste nur noch einschieben, 1:0 (39.). Ob der zwar bemühte, aber defensiv ausgerichtete Höwedes dies rechts wird leisten können, darf man jedoch bezweifeln.

In der zweiten Hälfte, zu der Sami Khedira wegen eines Schlags auf den Fuß nicht mehr erschien (Vorsichtsmaßnahme), zeigte sich darüber hinaus, dass nunmehr zum Repertoire des flachpassliebenden Bundestrainers auch der lange Pass aus der Abwehr gehört: Jerome Boateng hob den Ball über 40 Meter auf den eingewechselten Mario Gomez, dessen abgewehrter Kopfball sprang zu Müller, und der staubte ab. 2:0 (63.).

Dabei blieb es. Nach dem Dämpfer gegen die Slowakei vor einer Woche (1:3) reist Deutschland am Dienstag mit einem Erfolgserlebnis ins EM-Quartier in Evian – und der Erkenntnis, dass Bastian Schweinsteiger zurück ist. „Es ist wichtig für uns, dass er zurück ist“, sagte Boateng. „Er ist unser Kapitän, er gibt den Takt an. Er ist zwar noch nicht wieder bei 100 Prozent, aber er ist sehr wichtig für uns.“