Formel E

Nick Heidfeld: „Ich vermisse die Formel 1 immer weniger“

Der ehemalige Formel-1-Fahrer über den Reiz der Formel E, das Rennen in Berlin und die Probleme in der Königsklasse.

Nick Heidfeld ist derzeit Achter im Gesamtklassement

Nick Heidfeld ist derzeit Achter im Gesamtklassement

Foto: Mahindra Racing / BM

berlin.  Nick Heidfeld (39) ist bekanntester deutscher Fahrer in der Formel E, die heute ihren achten von zehn WM-Läufen auf der Karl-Marx-Allee austrägt (Start 16.04 Uhr). Morgenpost traf den langjährigen Formel-1-Piloten zum Gespräch.

Berliner Morgenpost: Sie sind elf Jahre lang in der Formel 1 und jetzt das zweite Jahr in der Formel E aktiv? Wie ist dieser große Schritt in eine völlig andere Automobilklasse zu erklären?

Nick Heidfeld: Der erste Schritt war, dass ich leider keinen Platz mehr in der Formel 1 gefunden habe, und zu dem Zeitpunkt (2011, d.A.) gab es die Formel E noch nicht. Ich habe danach verschiedene Serien gefahren und das auch ein bisschen genossen, weil man während der Formel 1 Zeit fast keine Möglichkeit hat, andere Rennautos zu bewegen. Ich habe mich dann entschieden, in der WEC Sportwagen-WM weiterzumachen, habe aber parallel auch immer die Entwicklung in der Formel E beobachtet.

„Die Strecken sind fantastisch, alles Stadtkurse, alle sehr herausfordernd“

Ich dachte erst, ich würde daran nicht teilnehmen, weil die WEC mir so viel Spaß macht, aber umso mehr Infos zur Formel E durchsickerten, desto mehr habe ich mir gedacht, dass ich mir das anschauen will, was auch eine gute Entscheidung war, weil es mir extrem viel Spaß macht. Die Strecken sind fantastisch, alles Stadtkurse, alle sehr herausfordernd. Wir haben gute Teams, und dafür, dass es im zweiten Jahr erst stattfindet, ist alles gut organisiert, und hat auch ein gutes Standing. Die Fahrer generell sind sehr hochwertig, und die Locations sind außergewöhnlich.

Im Moment sind Sie Achter: Was ist mit Ihrem Rennstall Mahindra noch möglich?

Ich habe ein Rennen verpasst, weil ich eine Operation am Handgelenk hatte, sonst wäre ich weiter vorne. Immer hundertprozentig das Maximum herausgeholt haben wir nicht, aber es ist ganz gut gelaufen bisher. Dieses Jahr haben wir ja verschiedene Antriebseinheiten bei verschiedenen Teams, dementsprechend gibt es auch nicht mehr so eine große Chancengleichheit. Bisher haben wir bis auf die letzten beiden Rennen immer Renault vorne gehabt, und die sind normalerweise gesetzt. Auch Abt ist sehr stark. Und das heißt, dass da von der Papierform schon ein paar Autos sind, die vor einem sind. Ich hoffe, dass wir im dritten Jahr weiter vorne sind und mittelfristig gewinnen können.

„Das letzte Jahr in Tempelhof hat mir gut gefallen“

Wie groß ist die Freude über Berlin?

Die ist groß. Das letzte Jahr in Tempelhof hat mir gut gefallen, weil es von der Atmosphäre etwas anderes war. Es war zwar mitten in der Stadt, aber nicht so wie in London oder Paris. Sondern mit mehr Fläche auf dem Flugplatz. Das war auch für die Zuschauer sehr toll, weil die so eine gute Übersicht hatten. Generell freue ich mich aber immer über neue Strecken, weil es immer eine neue Herausforderung ist. Selbst in den besten Autos ist es immer langweilig, wenn Du immer auf der gleichen Strecke fährst. Also habe ich nichts dagegen, wenn wir in Berlin bleiben, was eine fantastische Stadt ist, aber man kann die Strecke jedes Jahr ändern.

Gibt es denn eine Lieblingsstrecke in der Formel E?

Letztes Jahr war das Moskau. Weil es eine sehr schwierige Strecke ist, man muss sehr konzentriert den Kurvenkombinationen folgen, sie waren sehr stimmig, sehr passend, sehr flüssig, obwohl schwierig, war es fahrbar.

„Als ich dort fuhr, war das eine der besten Zeiten der Formel 1“

Gibt es denn noch eine Sehnsucht nach der Formel 1?

Immer weniger, am Anfang war es sehr schwer, als ich keinen Platz mehr gefunden habe, aber mittlerweile ist genug Gras darüber gewachsen.

Fehlt Ihnen nicht der Glamour der Motosport-Königsklasse, der Sound der Verbrennungsmotoren oder die Grid Girls?

Die haben mich nie interessiert. ..

Hat Ihre Abkehr auch mit der Entwicklung der Formel 1 zu tun?

Nein, ich denke, man bekommt mit der Zeit auch genug Abstand, und man muss sich den Umständen ergeben. Wäre die Formel 1 die beste aller Zeiten, dann würde ich mich mehr ärgern. Aber als ich dort fuhr, da war das eine der besten Zeiten der Formel 1.

Es gibt ein paar Entwicklungen, die kritikwürdig sind wie der verstellbare Heckflügel und der Hybridantrieb. Wie sieht Ihre Meinung dazu aus?

Ich finde es für die Formel 1 nicht richtig zu sagen, wir müssen Energie sparen, wie das ja bei den Sportwagen der Fall ist. Da macht das ja vielleicht auf der Langstrecke durchaus Sinn. Für mich heißt Formel 1 immer Vollgas, immer ans Limit gehen. Und es gefällt mir nicht mit den verstellbaren Heckflügeln, weil es teilweise das Überholen zu leicht macht. Auf der anderen Seite war es wichtig, etwas einzuführen, bevor man gar keine Überholmanöver mehr hat. Das Beste und Spannendste ist, wenn man sich Ende der Geraden auf der letzten Rille daneben- und vorbeibremst. Aber so wie es jetzt ist mit Ausscheren und gleich wieder Einscheren, das finde ich auch nicht so schön anzuschauen.

Und der Hybridantrieb? Der passt doch eigentlich besser zur Formel E?

Würde ich nicht sagen, ich würde schon sagen, dass es passend sein kann. Wir sehen auch bei den Sportwagen, dass die Hybridautos leistungsstärker sind und schon weit über 1000 PS haben. Die nutzen am Anfang über die ganze Gerade den Speedvorteil, also das ist auch schon performancemäßig sinnvoll.

„Ich würde mir wünschen, dass mehr Teams um Siege kämpfen können“

Was muss sich in der Formel 1 ändern, damit Sie zurückkehren?

Mich stört der Sound, da spreche ich wohl den meisten anderen Fans aus der Seele, wenn man sich alte Filme auf Youtube anschaut, da geht einem die Seele auf. Ich würde mir wünschen, dass mehr Teams um Siege kämpfen können, aber eine gewisse Dominanz, wie momentan von Mercedes gab es früher auch, beispielsweise von McLaren, Ferrari, Red Bull oder auch Williams. Es wäre natürlich wünschenswert, dass es auf der Strecke mehr natürliche Überholmanöver gibt.

Holt Nico Rosberg den Titel? Oder doch wieder Hamilton?

Ich denke, er hat sehr gute Chancen nach den ersten Siegen, Hamilton hat zwar auch ein bisschen Pech gehabt, aber Rosberg war auch einfach sehr schnell. Er hat das auch schon in den letzten Rennen der vergangenen Saison gezeigt, und so wie er sich da nach seinen Problemen in den Qualifikationen gesteigert hat, hat er da wohl den Schlüssel gefunden.