Schwimmen

„Doping bei den Briten wäre für mich sehr frustrierend“

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Andreas Morbach
Adam Peaty ist die Olympiahoffnung der Briten

Adam Peaty ist die Olympiahoffnung der Briten

Foto: Clive Rose / Getty Images

Für den deutschen Schwimmtrainer Henning Lambertz stehen auch westliche Länder unter Generalverdacht in Sachen Doping.

London/Köln.  Adam Peaty schaute überrascht, als er nach dem Finale über 100 Meter Brust aus dem Wasser stieg. Der EM-Titel in seiner Vorzeigedisziplin war Formsache, die Siegerzeit von 58,36 Sekunden machte den 21-Jährigen aus der Grafschaft Staffordshire allerdings baff.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich unter einer Minute bleiben würde“, kommentierte Peaty im Londoner Aquatics Centre. „Jetzt habe ich das in einer Woche gleich zweimal geschafft – das zeigt, wo ich in meiner Vorbereitung gerade bin.“ Nämlich auf bestem Wege zum Olympiasieg in Rio.

Den Weltrekord stellte er im April 2015 an gleicher Stelle in 57,92 Sekunden auf. Als „Beamon-mäßig“ bezeichnete der „Guardian“ die Darbietung des Briten damals – in Anlehnung an den Fabelweltrekord des US-Weitspringers Bob Beamon bei den Spielen 1968 in Mexiko.

Britische Schwimmer erhalten im Monat 2500 Euro

Kein Schwimmer hatte diese Strecke je zuvor unter 58 Sekunden bewältigt. Und Adam Peaty avancierte mit seiner Leistung zum Star des starken britischen Teams, das an den ersten zwei Finaltagen je zweimal Gold, Silber und Bronze aus dem EM-Pool fischte. Dabei lag Peatys internationaler Einstand bei der Kurzbahn-EM 2013 am Tag seines Weltrekords gerade mal 16 Monate zurück.

Henning Lambertz wurde in den letzten Jahren nicht müde, die rasanten Fortschritte der Konkurrenz aus dem Vereinigten Königreich zu loben – und deren fulminante Unterstützung. „Da muss man Parallelen zur tollen Förderung ziehen“, betonte der Chefbundestrainer.

Bei der WM im vergangenen August kamen ihm dann die entsprechenden Zahlen zu Ohren: Lambertz berichtete von monatlichen Zahlungen für britische Podium-Schwimmer in Höhe von 2500 Euro. Anwärter auf einen Platz auf dem Podest erhalten demnach 2000 Euro, der finanzielle Anreiz für einen Olympiasieg soll im fast siebenstelligen Bereich liegen.

„Für mich wäre das sehr schockierend und frustrierend“

Glänzende Aussichten für Athleten von der Insel – beängstigend waren dagegen die Zahlen, die ein Investigativ-Team der ARD und der „Sunday Times“ Anfang April im Zusammenhang mit dem Arzt Mark Bonar ans Tageslicht brachte.

Vor versteckter Kamera berichtete der Londoner Gynäkologe von Doping-Praktiken, über die Jahre hinweg zählten angeblich 150 britische Spitzensportler zu seinen Klienten. „So ziemlich aus jedem Sport“, wurde Bonar zitiert. Auf offizielle Nachfrage revidierte der Mediziner seine Aussagen später. Ein mulmiges Gefühl aber bleibt. Auch bei Lambertz.

„Vom Zeitpunkt her lief es für die Briten sicher extrem blöd – weil damals gerade die ganze Problematik mit Meldonium auftauchte. Gottseidank ist mir bislang nicht bekannt, dass auch Schwimmer dabei waren. Ich kenne aber auch nicht alle Namen, also kann es durchaus passiert sein“, sagt Deutschlands Schwimmer-Chef und fügt hinzu: „Für mich wäre das sehr schockierend und frustrierend.“

Hoffen auf einen Einzelfall

Schließlich habe er Großbritannien, ähnlich wie Deutschland, immer ein wenig als Vorzeigenation im Anti-Doping-Kampf gesehen. „Und natürlich tut es weh“, betont Lambertz, „wenn man bei so einer Nation, mit der man sich in dem Bereich sehr stark verbunden gefühlt hat, auf einmal feststellt: Tja, auch bei denen sind leider Gottes sehr viele Trainer und sehr viele Top-Athleten – 150 ist ja nicht gerade eine kleine Summe – auf den Zug der unerlaubten Leistungssteigerung aufgesprungen. Das ist sehr beklemmend und schade.“

Er hoffe, Mark Bonar sei ein Einzelfall und daher immer noch etwas anders zu betrachten als staatlich gefördertes oder zumindest vertuschtes Doping. „Es war ein Arzt, der leider sehr negativ für den Sport gehandelt hat“, sagt Lambertz, der diese einzelnen schwarzen Schafe allerdings „überall“ vermutet.

Sei es unter Athleten, Trainern oder Ärzten – und ganz egal, in welchem Land man nachschaue. „Davon kann sich keiner freimachen“, erklärt der Chef der DSV-Schwimmer. „Und niemand kann behaupten, dass das in Deutschland unmöglich wäre.“