Leichtathletik

Diskuswerferin Fischer: „Teile des Sports sind verkommen“

Die Berliner Diskuswerferin Julia Fischer spricht im Morgenpost-Interview über ihre Olympiaträume und den russischen Dopingskandal.

Julia Fischer will mit ihrem Freund Robert Harting nach Rio

Julia Fischer will mit ihrem Freund Robert Harting nach Rio

Foto: BREUEL-BILD/Daniel Hinz / picture alliance / BREUEL-BILD

Berlin.  Julia Fischer (26) wurde 2015 erstmals Deutsche Meisterin im Diskuswerfen, bei der WM in Peking erreichte die Freundin und Trainingsgruppenkollegin von Olympiasieger Robert Harting dann Platz fünf. In dieser Saison will die Sportlerin des SCC Berlin bei den Olympischen Spielen in Rio eine Medaille gewinnen.

Berliner Morgenpost: Im vergangenen halben Jahr waren Sie zweimal in Südafrika im Trainingslager, danach in der Türkei, in Florida und zuletzt in Portugal. Haben Sie mal darüber nachgedacht, Ihre Wohnung unterzuvermieten?

Julia Fischer: Nein, auch wenn wir in letzter Zeit wirklich viel unterwegs waren (lacht). Zum Glück haben wir eine gute Freundin, die Blumen gießt und Post rausholt. Sonst würde der Briefkasten überlaufen. Wir kriegen viel Post, Robert ist sehr geschäftstätig.

Sie sind gerade von der portugiesischen Algarve zurückgekehrt. Wie war’s?

Toll. Die Bedingungen dort unten sind hervorragend. Das Stadion liegt an der Küste direkt an den Klippen – sehr malerisch. Kurz vor dem Saisonstart haben wir noch einmal sehr viel geworfen, um die Belastung zu simulieren. An die 500 Würfe werden das in den zwei Wochen schon gewesen sein. Jetzt freue ich mich auf die Wettkämpfe. Meine Werte sind besser als im Vorjahr. Ich habe das Gefühl, dass die Zusammenarbeit mit Trainer Torsten Schmidt endlich so richtig fruchtet.

Woran machen Sie das fest?

Körperlich war ich schon immer gut gewesen, aber Kraft allein ist eben nicht alles. Ich will das Diskuswerfen beherrschen. Unter meinem neuen Coach habe ich mich auch technisch deutlich verbessert. Ich kenne keine Werferin, die mir so ähnlich ist, dass ich mich an Ihrer Technik orientieren könnte. Daher ist es viel Eigenarbeit.

Ihre ersten beiden Wettkämpfe absolvieren Sie am Sonntag in Wiesbaden und eine Woche darauf in Halle. Mit welchen Erwartungen reisen Sie dort hin?

Wiesbaden und Halle sind immer wie nach Hause zu kommen. Seit ich 14 bin, starte ich dort, es ist wie ein großes Familientreffen der Werfer. Auch in diesem Jahr ist wieder die gesamte deutsche Spitze am Start, da möchte ich natürlich gleich ein Ausrufezeichen setzen. Ich bin gut drauf. Ich glaube, es kann in Richtung Bestleistung gehen.

Diese steht bei 66,46 Meter. Um sich gegen die nationale Konkurrenz durchzusetzen, sind solche Weiten auch nötig, denn fast in keiner anderen Disziplin sind die Olympiatickets so hart umkämpft. Im Vorjahr schafften sechs Werferinnen die WM-Norm. Nur drei können nach Rio.

Ich möchte nicht in der Haut des Bundestrainers stecken. Es tut mir schon jetzt leid für diejenigen, die am Ende zu Hause bleiben müssen. Aber mein Ziel ist eine Medaille in Rio. Dann muss ich in der Lage sein, mich national durchzusetzen.

Haben Sie sich eine bestimmte Medaillenfarbe vorgenommen?

Ich bin nicht so vermessen zu sagen, dass Gold mein Ziel ist. Die Kubanerin Denia Caballero und die Kroatin Sandra Perkovic (die Olympiasiegerin von 2012 warf gestern in Shanghai mit 70,88 Metern Weltjahresbestleistung, d.Red.) sind zurzeit einfach besser, sie haben ein Leistungsvermögen von 70 Metern und mehr. Ich traue mir 67 oder 68 Meter zu. Damit hätte man im Kampf um die Medaillen gute Chancen. Aber letztendlich entscheidet in einem Olympiafinale auch immer der Kopf.

Gerade in diesem Bereich wirkten Sie 2015 deutlich gefestigter als in den Vorjahren. Wie groß ist der Anteil Ihres Mentaltrainers Markus Flemming am Erfolg?

Er ist ein ganz wichtiger Pfeiler und ich möchte ihn nicht mehr missen. Ich hatte zeitweise ein wenig das Selbstvertrauen verloren, weil ich bei den Erwachsenen nicht mehr so erfolgreich war wie in der Jugend. In dieser schwierigen Phase ist ein Stück von mir verloren gegangen. Markus half mir, meine Leichtigkeit zurückzugewinnen, mein altes Ich wiederzufinden.

Ziel ist eine Olympiamedaille. Aber könnten Sie sich angesichts ständig neuer Enthüllungen über Dopingskandale in Russland überhaupt noch darüber freuen?

Ich bin Idealistin und ich liebe meinen Sport. Es war hart zu begreifen, wie verkommen Teile dieser Sportart sind, die ich so liebe. Aber wenn wir Sportler uns nicht mehr über unsere ehrlich erkämpften Erfolge freuen können, dann haben wir den Kampf verloren. Das dürfen wir uns nicht nehmen lassen. Wenn ich das nicht mehr könnte, hätte ich schon längst aufgehört.

Deutsche Athleten fordern nach Berichten über Dopingmanipulationen in Sotschi Russlands Ausschluss in Rio - Sie auch?

Wenn der im US-Exil lebende Laborchef nicht nur finanzielle Beweggründe hat und es tatsächlich Beweise gibt, muss es einen Ausschluss geben. Sonst verstehen die Russen das nicht, wie sehr sie den Sport zerstören.

Sie setzen trotz allem voll auf den Sport. Ihr Jurastudium liegt derzeit auf Eis.

Ich bin jemand, der viel trainieren muss, sonst funktioniert es nicht. Ich brauche zwei Einheiten am Tag. Man kann sich vorstellen, dass Jura da vielleicht nicht das Richtige ist. Nach den Spielen werde ich stattdessen ein Fernstudium beginnen, wahrscheinlich der Politikwissenschaften. Das kommt meinem Alltag mehr entgegen.

Wie geht es ansonsten weiter: Ist Hochzeit ein Thema im Hause Fischer/Harting?

Derzeit nicht. Unser beider Fokus gilt vorerst ganz und gar den Olympischen Spielen in Rio. Alles andere hat Zeit.

Ihr Freund Robert Harting wollte eigentlich ebenfalls in Wiesbaden werfen, musste seinen Saisoneinstieg aber wegen eines Muskelfaserrisses im Brustmuskel und einer Entzündung im rechten Knie auf unbestimmte Zeit verschieben. Wie sehr nimmt Sie das mit?

Das ist schlimmer als selbst verletzt zu sein. Man ist machtlos, weil man dem Partner nicht wirklich helfen kann. Robert ist allerdings anders als jeder andere Sportler, den ich kenne. Er ist ein Kämpfer ohnegleichen, aussichtslose Situationen sind sein Spezialgebiet. Wenn es einer schaffen kann, dann er.