Leipzig –

Bierdusche im Brauseklub

RB Leipzig erreicht nach nur sieben Jahren die Bundesliga und will auch dort mutig angreifen

Leipzig. Die Brille hatte Ralf Rangnick rechtzeitig abgenommen. Nein, die Sehhilfe sollte bei der Jubelarie in der Leipziger Arena nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Ungeschoren kam der Trainer und Manager von RB Leipzig dann aber doch nicht davon, als sich der überschäumende Jubel in der schon üblichen Bierdusche eines Bundesliga-Aufsteigers entlud. Im Sprint wollte der 57-Jährige dem kühlen Nass entkommen, doch bei der Flucht vor Stürmer Davie Selke und dem vollen Glas machte der linke hintere Oberschenkelmuskel zu. Rangnick stürzte und musste die Taufe für seinen dritten Aufstieg nach 2002 (Hannover 96) und 2008 (TSG Hoffenheim) über sich ergehen lassen.

Leipzig wird ab August wieder erstklassigen Fußball sehen. Dank des 2:0 (0:0) gegen den Karlsruher SC am 33. Spieltag der Zweiten Liga. Und dank des Plans, mit dem der 2009 gegründete Klub vor sieben Jahren angetreten war. Ein Klub, der dank der Alimentierung durch den österreichischen Brausehersteller Red Bull schon bei seinem Start in der fünftklassigen Oberliga – nach der Übernahme der Spiellizenz vom SSV Markranstädt – finanziell, vor allem aber strukturell klar im Vorteil gewesen ist.

Während der SC Freiburg mit einem 2:0 (0:0) gegen Heidenheim nach dem Aufstieg auch die Zweitliga-Meisterschaft perfekt machte, feierten 42.559 Zuschauer in der ausverkauften WM-Arena von 2006, darunter Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz höchstpersönlich, nicht nur die Tore von Emil Forsberg (52.) und Marcel Halstenberg (87., unter gütiger Mithilfe von KSC-Torwart René Vollath). Sie feierten vor allem sich selbst. In „Wir sind Eins“-Shirts tanzten die Spieler auf dem Rasen.

Bau eines neuen Stadionsaußerhalb Leipzigs wird geprüft

„Es gibt nichts Schöneres. Wir haben hart gearbeitet und mussten sehr viele Widerstände brechen“, sagte Verteidiger Marvin Compper: „Aber wir sind verdient aufgestiegen. Was man hier heute gespürt hat ist erstligareif.“ Vom 55. Verein in der Bundesliga-Geschichte könne man „ganz viel Willen, Power und Arbeit erwarten. Wir wissen, dass uns nichts geschenkt werden wird“.

Keine Frage, RB Leipzig wird auch in Liga eins angreifen. Und dabei den Fußballstandort Leipzig weiter manifestieren. Die Führungsebene wird breiter aufgestellt. Das Personal von derzeit 124 Angestellten wird aufgestockt. „Einerseits soll der Spielbetrieb gesichert, andererseits die Potenziale abgeschöpft werden, die der Verein mitbringt“, erklärte Oliver Mintzlaff, der Vorstandsvorsitzende des Klubs.

Die Sorge vieler Fans, RB Leipzig würde gleich eine ähnlich dominante Rolle einnehmen wie der Bruderklub Red Bull Salzburg, der sich gerade den dritten Meistertitel in Österreich gesichert hat (den siebten seit 2006), versuchte Mintzlaff gar nicht erst aufkommen zu lassen. „Wir diskutieren über jeden Euro, den wir ausgeben. Es ist ja nicht so, wie oft kolportiert wird, dass es bei uns wie bei Dagobert einen großen Speicher gibt, der immer voll ist“, sagte Klubchef Mintzlaff. Man gehe sensibel mit den Ressourcen um.

Dafür sollen die Einnahmen aus Sponsorengeldern und Werbung erhöht werden. Schon jetzt sind die Vip-Logen im Stadion fast ausverkauft, das Fernsehgeld wird von sechs auf 20 Millionen Euro mehr als verdreifacht. Zudem ist eine neue Machbarkeitsstudie zur Erweiterung der Stadionkapazität auf 57.000 Zuschauer schon fertig. Geprüft wird auch ein Neubau außerhalb von Leipzig.

Die Qualität des Fußballs, das hat die Saison gezeigt, dürfte eine Bereicherung für die Bundesliga werden. Und dank des für 35 Millionen Euro errichteten modernsten Fußballinternats Deutschlands erhalten Talente beste Trainings- und Reha-Maßnahmen.

Über den Verein, zu dem viele eher traditionalistisch veranlagte Fußball-Fans ein angespanntes Verhältnis haben, sagte Handball-Legende Stefan Kretzschmar: „Für den gesamten Osten ist es großartig, dass so ein Projekt auch nachhaltig eine Rolle in der Bundesliga spielen wird. Für die Stadt Leipzig ist es ein Segen, da sie kein Geld zuschießen muss.“ RB Leipzig sei der einzige Verein, „vor dem die Bayern wirklich Angst haben“.

Mit Trainer Ralph Hasenhüttl (FC Ingolstadt) soll der Weg nach oben ab Sommer fortgesetzt werden. Aufstiegscoach Rangnick wird sich wieder auf sein Amt als Sportdirektor konzentrieren. Die Pressekonferenz nach dem Aufstieg ließ er schon mal sausen – der Oberschenkel machte nicht mit.