Schwimmen

Abschied vom DDR-Rekord und eine 20-jährige Entdeckung

Was Olympia-Fans über die Deutschen Meisterschaften der Schwimmer in Berlin wissen müssen. Die Ergebnisse machen Hoffnung für Rio.

Foto: Rainer Jensen / dpa

Berlin.  Vor vier Jahren in London gewann das deutsche Schwimm-Team zum ersten Mal seit 80 Jahren keine Medaille bei Olympischen Spielen. Muss die aktuelle Mannschaft im August in Rio erneut Angst vor solch einem Desaster haben? Eine Analyse nach den 128. Deutschen Meisterschaften an der Landsberger Allee.

Wurde seit dem Debakel von London einen Schritt nach vorn gemacht?
Ja. Seitdem 2012 Henning Lambertz als Chef-Bundestrainer übernahm, geht es vorwärts, in kleinen Schritten. Bei den Titelkämpfen in Berlin hat sich gezeigt, dass die Breite etwas größer geworden ist. Lambertz hat nie große Sprüche herausposaunt. Bis zu Tokio 2020 will er allerdings das deutsche Schwimm-Team wieder ganz nach vorne bringen.

Kann die vom Deutschen Olympischen Sportbund ausgegebene Zielprognose von zwei bis vier Medaillen im August in Rio erfüllt werden?
Ja. Allerdings müssen die wenigen Hoffnungsträger gesund bleiben. Mit Weltmeister Marco Koch über 200 Meter Brust, Weltrekordler Paul Biedermann über 200 Meter Freistil und der Zweiten der Weltjahresbestenliste über 200 Meter Schmetterling, Franziska Hentke, gibt es drei potenzielle Medaillenkandidaten.

In Berlin konnten insgesamt 16 Schwimmer (zehn Männer und sechs Frauen) die Normen sowohl für den Vorlauf als auch für das Finale erfüllen. Zu ihnen zählt auch Lisa Graf von der SG Neukölln, die über 200 Meter Rücken in 2:08,98 Minuten den Titel gewann. Bei einem zweiten Wettkampf – entweder die Mare-Nostrum-Tour in Canet oder Barcelona im Juni oder die German Open in Berlin vom 5. bis 8. Juli – müssen die Schwimmer ihre Berliner Leistung bestätigen. Die Zeiten sind allerdings mit einem Aufschlag von 1,5 Prozent versehen, umdas Training für Rio nicht zu sehr zu stören.

Ist Marco Koch ein Gold-Kandidat?
Ja. Der Weltmeister aus Darmstadt bestätigte seine Rolle als deutscher Vorschwimmer. Über 200 Meter Brust kam er in 2:07,88 Minuten nahe an seine eigene Weltjahresbestleistung heran. Im Vorlauf hatte der 26-Jährige noch über Schulterprobleme geklagt. „Im Finale habe ich es nicht so sehr gespürt“, sagte er: „Bis Rio werde ich das in den Griff bekommen.“

Bundestrainer Lambertz beschrieb Kochs Probleme so: „Es ist wie eine lästige Fliege. Es tut nicht weh, aber es nervt.“ Der Darmstädter wird jetzt erst einmal zwei, drei Tage Pause machen und dann nach einer Unterredung mit seinem Arzt entscheiden, ob er in der übernächsten Woche bei der EM in London an den Start gehen kann.

Wird Paul Biedermann bei seinem letzten Olympia-Auftritt endlich seine erste Medaille holen?
Der 29-Jährige hat fraglos Chancen. Über 200 Meter Freistil holte er sich beim Abschied auf nationaler Ebene noch einmal den Titel in 1:45,45 Minuten und schob sich auf Platz zwei der Weltjahresbestenliste.

„Um in Rio in der Nähe des Metalls zu kommen, muss ich noch einen Tick schneller werden“, weiß der Hallenser. „Aber es lief schon ganz gut. Besonders freue ich mich, dass die Jungs hinter mir auch schnell unterwegs waren. So fahren wir mit einer richtig starken Staffel über 4x200 Meter Freistil nach Rio.“

Wer war die größte Entdeckung der Meisterschaften in Berlin?
Damian Wierling. Der 20-Jährige aus Essen ist nun der schnellste Schwimmer Deutschlands. Erst entthronte der Student Paul Biedermann (48,65) als Meister über 100 Meter Freistil in 48,54 Sekunden, dann setzte er am Sonntag über 50 Meter Freistil einen drauf. Im Vorlauf schraubte er den acht Jahre alten deutschen Rekord auf 21,81 Sekunden, im Finale gewann er souverän in 21,84 Sekunden.

Gab es weitere Rekorde?
Ja. Alexandra Wenk stellte gleich vier deutsche Rekorde auf. Jeweils in Vor- und Endläufen über 200 Meter Lagen und 100 Meter Schmetterling. Die Münchnerin knackte dabei den ältesten deutschen Rekord. Über 200 Meter Lagen löste sie nach 35 Jahren Ute Geweniger ab, die ihre Bestleistung noch zu dopingbelasteten DDR-Zeiten geschwommen war.

Einen Tag später steigerte die 21-jährige Wenk über 100 Meter Schmetterling die Rekorde auf 57,76 und 57,70 Sekunden. „Das waren Traumtage“, sagte sie. „Aber jetzt ist der Ofen aus. Bis Rio habe ich ja noch drei Monate Zeit.“