Berlin –

Ausgerechnet Wagner

Hertha verliert gegen Darmstadt durch ein Tor des Ex-Berliners. Dardai verärgert über sein Team

Berlin.  Papierkugeln flogen, Bierbecher wurden geworfen, ohrenbetäubendes Pfeifkonzert. Sandro Wagner genoss es, die Emotionen auf sich zu ziehen. Provozierend feierte er vor der Ostkurve, ließ all’ die Wurfgeschosse an sich abprallen. Die Gelbe Karte nahm der Ex-Herthaner in Kauf, er zelebrierte sein Tor zum 2:1 (1:1) – den Treffer, der dem SV Darmstadt den Klassenerhalt brachte. Hertha BSC hingegen ist nach der Niederlage am 33. Bundesliga-Spieltag nur noch Sechster. Und liegt lediglich wegen eines Tores vor dem punktgleichen Siebten, dem FC Schalke. Damit hat Hertha am letzten Spieltag beim FSV Mainz ein Endspiel um Europa. Alles ist möglich zwischen Rang fünf und dem ungeliebten Platz sieben – für den Liga-Siebten beginnt die Saison 2016/17 mit der Qualifikationsrunde zur Europa League (28. Juli) vier Wochen früher.

Hertha-Trainer Pal Dardai sagte: „Mit Darmstadt hat die cleverere Mannschaft gewonnen, die mit den Wettkampf-Typen. Ich habe meine Mannschaft das ganze Jahr in Schutz genommen, aber das geht jetzt nicht mehr. Wir sind zu nett, zu intelligent, zu brav. Ich muss es so deutlich sagen: Wir haben Angst vor dem Erfolg.“

Was festzuhalten bleibt: Diesen Verlauf hat sich Hertha selbst zuzuschreiben. Im Kleinen bekam Maximilian Mittelstädt die verschiedenen Gesichter der Bundesliga im Schnelldurchgang gezeigt. Der 19-Jährige, zum zweiten Mal in der Startformation, durchschritt in nur neun Minuten die Höhen und Tiefen, die das Geschäft bereithält. Zunächst setzte der Youngster bei einem Hertha-Angriff nach. Seine Flanke senkte sich am zweiten Pfosten, Vladimir Darida setzte den Ball unter die Latte, 1:0 (15.) – Mittelstädts erste Torvorlage im Profigeschäft.

Hertha-Chaoten werden imletzten Moment gestoppt

Die andere Seite der Branche bekam Mittelstädt wenig später zu spüren. Diesmal war er als linker Verteidiger im Einsatz für den Gelb-gesperrten Marvin Plattenhardt und sich ein wenig zu weit von seiner Position herauslocken lassen. Sofort ging in seinem Rücken die Rallye ab, der schnelle Marcel Heller spurtete in Richtung Hertha-Strafraum. Mittelstädt konnte nicht mehr eingreifen, Heller bediente Jerome Gondorf, der aus neun Metern ins linke Eck abschloss, 1:1 (24.).

Im Großen bekam Hertha vorgeführt, wie eng es im oberen Drittel zugeht. Mit der Führung lag Hertha auf Platz vier, jenem Rang, der zur Champions-League-Qualifikation berechtigt. Gladbach lag gegen Leverkusen zurück und drei Zähler hinter Hertha. Herthas Vorsprung auf Mainz – zurückliegend in Stuttgart – betrug vier Punkte.

Als Schiedsrichter Felix Brych die Partie abpfiff, sah die Bundesliga-Welt anders aus. Feldüberlegen waren die Hausherren, doch bei aller Dominanz tat sich Hertha wie schon seit Wochen schwer, Chancen herauszuarbeiten. Das machten die Gäste besser. In Minute 65 hielt Torwart Rune Jarstein mit einer Glanzparade Hertha im Spiel. Eine Minute später köpfte Wagner nur haarscharf übers Tor. Aber nach 83 Minuten war es so weit, der Stürmer spitzelte den Ball ins Berliner Tor, 1:2.

Nun kochten die Emotionen hoch. Wagner sah nach seiner Jubel-Arie vor der Hertha-Kurve Gelb. „Das war vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber es war ein besonderes Spiel für mich, auch wenn es heute nicht danach ausgesehen hat. Ich habe den Fans viel zu verdanken, vor allem der Ostkurve“, sagte Wagner. Und kündigte fast schon seinen Abschied an: „Vielleicht war das heute mein letztes Spiel für Darmstadt.“ Denn am letzten Spieltag muss er zuschauen, weil er zwei Minuten nach dem Tor nach einem Foul gegen Mitchell Weiser mit Ampelkarte vom Platz flog. Wagner hatte natürlich alle Zeit der Welt, gefühlt dauerte es eine Ewigkeit, bis er in einem Orkan von Pfiffen den Platz verlassen hatte, nicht, ohne noch drei mal drauf zu spucken. Hertha konnte auch mit fünf Minuten Nachspielzeit nichts anfangen.

Die 5000 Darmstädter Fans unter den 60.280 Besuchern feierten euphorisch den Klassenerhalt des Aufsteigers, am lautstärksten Sandro Wagner. Bei einer Handvoll Hertha-Fans platzte die Hutschnur, sie sprangen in den Innenraum und wollten in Richtung Gästeblock. Ordner fingen die Heißsporne auf der Hälfte der Distanz ab, schickten sie zurück in die Ostkurve.

Es bleibt dabei: Nach zwei formidablen Dritteln der Saison geht dem Hauptstadt-Klub der Sprit aus (ein Remis, fünf Niederlagen). Trainer Dardai sagte zum Endspiel um Europa: „Im letzten Spiel will ich keinen Fußball sehen, ich will Aggressivität sehen.“ Da trifft es sich schlecht, dass der robusteste Herthaner, Vedad Ibisevic, in Mainz Gelb-gesperrt zuschauen muss.