Eishockey

Marco Sturm: „Ich denke wie ein Spieler“

Der 37-Jährige spricht über seinen Stil als Bundestrainer, die Ziele bei der WM in Russland und seine jungen NHL-Stars.

Marco Sturm kommuniziert viel mit seinen Spielern

Marco Sturm kommuniziert viel mit seinen Spielern

Foto: imago/ActionPictures

Berlin.  Die jüngsten WM-Turniere verliefen für die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) meist ernüchternd. Zwei Bundestrainern, Jakob Kölliker und Pat Cortina, gelang es in den vergangenen vier Jahren nicht, die Mannschaft in das Viertelfinale zu führen. Unter Cortina wurde sogar erstmals die Olympiaqualifikation verpasst.

Mit großen Ambitionen verpflichtete der DEB im vergangenen Sommer nun Marco Sturm. Der 37-Jährige war als Spieler ein Star, ist deutscher Rekordhalter mit 1006 NHL-Partien. In Russland bestreitet Sturm jetzt seine erste WM als Bundestrainer. Dafür steht ihm ein stärkerer Kader zur Verfügung als den Vorgängern.

Berliner Morgenpost: Herr Sturm, Sie leben ja weiterhin in Florida. Ihr Flugmeilenkonto muss inzwischen enorm sein, oder?

Marco Sturm: Als ich aufgehört habe zu spielen, dachte ich, ich könnte die Sache mit dem vielen Fliegen etwas ruhiger angehen lassen. Jetzt ist es genau anders herum, ich war sehr viel unterwegs. Nicht nur von Amerika nach Deutschland und zurück, sondern auch in Amerika. Da macht aber auch Spaß.

„Wir sind auf dem richtigen Weg“

Trotzdem ist es ebenso anstrengend.

Die Zeitumstellung ist das schwierigste. Die Flüge an sich waren für mich immer sehr angenehm, ich konnte entweder die Vor- oder Nachbereitung für meine Aufenthalte machen.

Wie zufrieden sind Sie mit dem, was Sie in der kurzen Zeit als Bundestrainer bislang umsetzen konnten?

Es ist sehr gut gelaufen, wir sind auf dem richtigen Weg, müssen aber trotzdem noch an ein paar Sachen feilen. Jetzt wissen die Jungs, was für eine Linie, was für ein System, was für eine Struktur wir haben.

In wie weit hat sich das Bild bezüglich Ihrer Aufgabenstellung, das Sie vor dem Amtsantritt hatten, bestätigt?

In einigen Dingen konnte ich ein bisschen erahnen, wo die deutsche Mannschaft steht. Es war klar, dass es einiges zu tun gibt, nicht nur im A-Bereich. Gerade im Nachwuchs sind wir noch weit entfernt von anderen Nationen. Das ist ein langfristiges Projekt, aber es hat sich schon viel geändert. Wir müssen hartnäckig sein und daran arbeiten.

„Die Vereine müssen mehr tun, die Trainer müssen besser ausgebildet werden“

Wo liegen die wichtigsten Problemfelder?

Ich finde immer, dass die großen Nationen uns im Nachwuchs weit voraus sind. Da gibt es eine größere Breite an Kindern, sie werden besser ausgebildet, haben mehr Eiszeit. Uns fehlen die Hallen dazu. Mit dem neuen Konzept, dem Fünf-Sterne-Programm, wird es besser, denke ich. Damit ist der Anfang gemacht. Dennoch müssen auch die Vereine mehr tun, die Trainer müssen besser ausgebildet werden. Da sind wir dahinter.

Was war Ihr Hauptbeschäftigungsfeld bei der Nationalmannschaft?

Da geht es ums Taktische. Ich habe meinen Weg, meinen Stil. Aber auch die Freude muss wieder da sein, der Stolz, für die Nationalmannschaft zu spielen. Diese Bereitschaft konnte ich immer feststellen. Das macht mich glücklich.

Vor allem unter Druck einfach zu spielen, gehörte zu den Defiziten.

Das hat sich in der Vorbereitung auch gezeigt. Wir waren manchmal zu kompliziert, sind vom einfachen Spiel total weggekommen und haben die Partie aus der Hand gegeben. Das wurde mit Video nachgearbeitet, damit die Jungs sehen, dass mit einfachem Spiel mehr Erfolge da sind.

War das eine der wichtigsten Lehren aus der Vorbereitung?

Schon, die Jungs versuchen teilweise, den perfekten Pass zu machen oder das perfekte Spiel. Das gibt es nicht. Man muss seiner Rolle und Position treu bleiben, man muss hartnäckig bleiben. Und das 60 Minuten lang durchziehen.

„Wir wollen gerüstet sein für die Olympiaqualifikation im September“

Inwiefern profitieren Sie davon, im Februar nicht wie sonst üblich gespielt, sondern trainiert zu haben?

Für mich war es vom Spielerischen her wichtig. Die meisten Jungs sind jetzt zum Team gestoßen und wussten haargenau, was ich spielen will. Ohne das Training im Februar hätte ich wieder von vorn anfangen müssen. Aber auch außerhalb des Eises ist die Mannschaft damals zusammengewachsen.

Das deutsche Eishockey befindet sich in einem wichtigen Jahr. Wie würden Sie das umreißen?

Wir wollen uns gut präsentieren bei der WM und dort solche Fortschritte machen, dass wir gerüstet sind für die Olympiaqualifikation im September und dann für die Heim-WM im nächsten Jahr. Wenn man sieht, wie die Olympiaqualifikation vor drei Jahren verpasst worden ist, das war für den Verband auch finanziell nicht so schön. Das ist dieses Jahr das Highlight.

Große Ziele geht man am besten mit einer guten Stimmung an. Spüren Sie eine Aufbruchsstimmung im Team.

Ich merke das. Die Jungs sind mit Freude dabei, sind diszipliniert, arbeiten wirklich hart.

Wie viel hängt davon mit Ihnen zusammen? Ihre Vorgänger hatten einige Probleme mit der Ausstrahlung und kassierten reihenweise Absagen.

Schwer zu sagen. Ich denke, dass ein Trainer einiges verändern kann und soll. Darum wurde ich auch verpflichtet. Für mich ist es normal, dass der Trainer antreibt, motiviert, begeistert. Aber letztlich sind wir nur gemeinsam stark.

Vier NHL-Spieler gehören in Russland zum Kader, der damit stärker ist als in den vergangenen Jahren. Erleichtert das Ihre Aufgabe?

Ich kenne nur den Kader vom Vorjahr, im Vergleich dazu ist er jetzt besser. Besonders bei den Stürmern habe ich sehr gute Auswahl. In der Abwehr hilft es natürlich, dass Christian Ehrhoff und Korbinian Holzer dabei sind, ich bin zufrieden.

„Es ist unglaublich, wie Draisaitl und Rieder schon mit der Scheibe umgehen“

Die wichtigsten Profis in der Offensive sind die jungen NHL-Spieler Leon Draisaitl und Tobias Rieder. Was bedeutet es für Sie, mit solchen Talenten arbeiten zu können?

Für mich ist es eine schöne Sache, wenn ich die Jugend trainieren darf. Beide haben sehr gute Qualitäten, es ist unglaublich, wie sie in diesen jungen Jahren schon mit der Scheibe umgehen. Ich hoffe, dass sie durch mich etwas dazulernen. Sie sind in der gleichen Position wie ich früher. Daher weiß ich, wie man Spieler unterstützt. Das gebe ich auch weiter.

Sie müssen beiden eine Führungsrolle vermitteln. Worauf achten Sie dabei?

Wenn man in der NHL spielt, hat man sowieso den täglichen Druck wie kein anderer. Hier bei der Nationalmannschaft sollen sie einfach so spielen, wie sie können. Die Gefahr ist manchmal, dass sie teilweise etwas zu viel wollen und denken, sie müssen mehr und mehr machen. Aber ganz so ist es nicht. Sie sind unsere besten Spieler, keine Frage, aber sie sollen die Typen bleiben, die sie sind und einfach mit Freude spielen.

Sie sind selbst noch ein junger Trainer. Was konnten Sie aus dem Dreivierteljahr bislang mitnehmen?

Ich lerne bei jedem Training, bei jedem Spiel. Es ist wichtig, ein Trainerteam um sich herum zu haben, das teilweise auch mal eine andere Meinung vertritt. Wir tauschen uns gut aus. Ich denke mehr wie ein Spieler, sie mehr wie Trainer. Das macht Spaß.

Welche konkrete Zielsetzung verfolgen Sie für die WM?

Wir stehen zu Recht auf Platz 13 der Weltrangliste. Mein Ziel ist es, dass wir von da wegkommen. Dafür zählt jeder Punkt, jeder Sieg. Dass wir als Ausrichter der nächsten WM nicht absteigen können, sehe ich eher im positiven Sinn. Wir haben nichts zu verlieren, können befreit aufspielen. Wenn die Jungs umsetzen, was sie im Training zeigen, habe ich ohnehin keine Bedenken.

Für Sie wird es die erste WM als Trainer. Wie sieht es mit Ihrer Gefühlswelt aus?

Was sich nie ändern wird, ist die grundsätzliche Nervosität, die man hat, die ich auch bei meinem letzten Spiel als Profi hatte. Die wird genauso beim ersten WM-Spiel als Trainer da sein.

Das müssen Sie über die WM wissen

Nach vielen Enttäuschungen sehnt der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) bei der Weltmeisterschaft in Russland ein positiveres Abschneiden herbei als bei den vergangenen Turnieren. Zuletzt stand die Mannschaft 2011 im Viertelfinale, damals noch mit Eisbären-Coach Uwe Krupp an der Bande.

Hoffnungsträger ist Marco Sturm, der 2015 als Bundestrainer und General Manager installiert wurde. In Russland führt der einstige NHL-Star das Team erstmals als Trainer bei einer WM. Vier NHL-Profis sagten für die WM zu. Seit 2008 war kein deutscher WM-Kader mehr so prominent besetzt.

Spielplan Bei der WM tritt die DEB-Auswahl in St. Petersburg an und trifft in den Gruppenspielen auf Frankreich (Sa., 15.15 Uhr), Finnland (So., 15.15), die Slowakei (10. Mai, 15.15), Kanada (12. Mai, 19.15), Weißrussland (13. Mai, 19.15), die USA (15. Mai, 15.15) und Ungarn (16. Mai, 19.15, alle Spiele live bei Sport1).