Leichtathletik

Ulrike Meyfarth: Ein Wunderkind feiert 60. Geburtstag

Die Hochspringerin wurde 1972 und 1984 Olympiasiegerin. Heute fordert sie eine härtere Gangart bei der Dopingbekämpfung.

Ulrike Nasse-Meyfarth wird die Olympischen Spiele in Rio nur am Fernseher verfolgen

Ulrike Nasse-Meyfarth wird die Olympischen Spiele in Rio nur am Fernseher verfolgen

Foto: Arne Dedert / dpa

Essen.  Sport ist immer noch wichtiger Teil ihres Lebens. Ulrike Nasse-Meyfarth, die an diesem Mittwoch 60. Geburtstag feiert, hält sich mit Joggen und Radeln fit. Nur eines kann sie sich nicht vorstellen: noch einmal über die Hochsprunglatte zu floppen. Wie sie es tat, als sie die Nation bei Olympia in München 1972 und zwölf Jahre später in Los Angeles mit goldenen Sprüngen in den Bann zog.

„Das reizt mich überhaupt nicht“, sagt sie. „Es wäre auch gefährlich. Die Bewegung ist für immer in meinem Kleinhirn abgespeichert, doch weil ich nicht mehr die Kraft von früher habe, würde ich mir die Muskeln oder Knochen kaputt machen.“ An ihren letzten Hochsprung kann sie sich kaum noch erinnern: „Das muss 1985 oder 1986 gewesen sein.“

Nasse-Meyfarth, wie sie seit der Heirat 1987 heißt, ist der Leichtathletik verbunden geblieben. Als Trainerin kümmert sie sich um den Nachwuchs bei Bayer Leverkusen. Mit Spaß auf beiden Seiten. Ob eine neue Ulrike Meyfarth dabei ist, muss sich noch zeigen.

Immer noch Faszination für die Leichtathletik

Gebrauchen könnte die deutsche Leichtathletik eine Top­springerin, denn „im Moment hat der Hochsprung bei uns ein wenig schlapp gemacht“, wie es die Mutter von Alexandra (27) und Antonia (23) ausdrückt.

Vor vier Jahren zog es die Familie noch zu Olympia nach London. Die Spiele in Rio (ab 5. August) wird sie wegen der weiten Reise nur vor dem Fernseher verfolgen. Die Faszination der Leichtathletik sitzt für immer tief in ihr. Doch trotzdem ist ihr Blick auf die Königin der olympischen Sportarten nicht verklärt.

Im Gegenteil: Bei aller Liebe sieht sie auch die Schattenseiten. Was unter Lamine Diack, dem früheren Präsidenten des Weltverbandes IAAF, passiert ist, mache sie wütend. „Dopingtests sind manipuliert worden, es herrschte Vetternwirtschaft und Korruption. Das ist eine große Schande“, sagt sie. „Ich habe auch große Zweifel, dass Diacks Nachfolger Sebastian Coe jetzt den Laden richtig aufräumen wird.“

Wenn es nach ihr geht, würden die russischen Leichtathleten von den Olympischen Spielen in Rio ausgesperrt: „Das wäre ein gutes Zeichen. Wir brauchen funktionierende Anti­-Doping-Systeme in allen Ländern.“

Der Sieg in München 1972 wurde für die 16-Jährige zum Trauma

Nasse-­Meyfarth hat 2015 wegen der Skandale sogar die Aufnahme in die Rumheshalle der IAAF abgelehnt. Verdient hätte sie einen Platz in der Hall of Fame wie kaum eine andere. Meyfarth wurde 1972 von einer Minute zur anderen von einer unbekannten Schülerin aus Wesseling zum Wunderkind, zur Goldspringerin.

Angereist als Außenseiterin wuchs sie über sich hinaus, bezwang mit ihrer jugendlichen Lockerheit die Konkurrenz und stellte mit 1,92 Metern den Weltrekord ein. Das Sportmärchen nahm jedoch nicht seinen geraden Verlauf. Es war nicht einfach für sie, dieses unverhoffte Gold von 1972 zu verarbeiten.

Der Sieg wurde zum Trauma, der nicht beflügelte, sondern lähmte. Aber zwölf Jahre später krönte sie als gereifte Sportlerin ihre Karriere. 1984 gewann sie in Los Angeles mit 2,02 Metern ein zweites Mal Olympia-­Gold. „Der Sieg 1972 ist mir zugefallen. Das Gold von 1984 habe ich mir erarbeitet“, sagt Nasse-Meyfarth, die heute im kleinen Familienkreis feiern wird.