Berlin –

„Für Gold müsste es eine Million geben“

Cheftrainer Lambertz über Olympiachancen deutscher Schwimmer, Training in der Nacht und fehlende Anreize

Berlin. Bei den Olympischen Spielen 2012 in London blieben die deutschen Schwimmer erstmals seit 80 Jahren ohne Edelmetall. In Rio sollen es im August zwei bis vier Medaillen werden. Vor den Deutschen Meisterschaften von Donnerstag bis Sonntag in Berlin spricht Bundestrainer Henning Lambertz über die Goldchance von Weltmeister Marco Koch, das letzte Rennen von Paul Biedermann und er fordert eine Million Euro als Prämie für deutsche Olympiasieger.

Berliner Morgenpost: Vor vier Jahren sind Sie als Chef-Bundestrainer nach dem schwachen Abschneiden des deutschen Teams bei Olympia angetreten. Decken sich Ihre damaligen Erwartungen mit Ihrer heutigen Bestandsaufnahme? Oder haben Sie sich noch mehr erhofft?

Henning Lambertz: Klar, in einigen Punkten hätte ich noch mehr erhofft. Das war aber unter dem damaligen Blickwinkel unrealistisch. Jetzt merkt man, und das meine ich positiv, welch großes Tankerschiff der Deutsche Schwimm-Verband ist. Das wendet man nicht so einfach. Dies dauert einige Jahre. Es ist nun aber umgedreht und wir sind wieder auf Kurs.

Woran hapert es noch?

Um einen Athleten so aufzubauen, wie sich das unser Expertengremium unter meinem Vorsitz vorstellt, und ihn an die Weltspitze heranzuführen, dauert es acht bis zehn Jahre. Man braucht ungefähr 10.000 Trainingsstunden. Wer fleißig ist, schafft es in acht Jahren, normal sind zehn. Die Talente, die vor dreieinhalb Jahren mit unserem Konzept begonnen haben, werden bis zu den Olympischen Spielen 2020 so weit sein, um ein Ergebnis zu erzielen, wie ich es mir vorstelle. Derzeit sind die Schwimmer aus unserem Perspektiv-Team noch „halbfertig“.

Wie sehen Ihre Ansprüche für 2020 aus?

Deutschland ist eine große Schwimm-Nation. Deshalb sind die Ansprüche hoch. Allerdings darf ich von der Politik nicht allein gelassen werden. Der Sport muss mehr bejaht werden. Wir sollten wieder unter die besten drei Nationen in Europa und die stärksten fünf bis acht auf der Welt kommen. Wir waren schon bis Platz 20 abgerutscht. Viele Punkte müssen auf dem Weg zurück zur Spitze noch erfüllt werden.

Zum Beispiel?

Gerne wiederhole ich den Wunsch, eine Million Euro als Prämie für einen Olympiasieg auszuloben. Das hört sich gewaltig an, aber es sind letztlich relativ geringe Summen. Wenn wir bei jeden Spielen 20 Olympiasieger aus Deutschland hätten, wäre es eine sensationelle Bilanz. Das hieße, pro Jahr wären fünf Millionen Euro nötig, um die 20 in vier Jahren „anzusparen“. Und das in einem so reichen Land. Es ist nicht eine Frage des Könnens, sondern des Wollens. Wollen wir Leistungssport oder nicht?

Was soll die Millionen-Prämie bewirken?

Es ist für mich eine imaginäre Grenze. Der Sportler wäre dann Millionär. Das wäre ein riesiger Anreiz. Wir gehen im Moment noch mit der Gießkanne herum. Jeder Kader-Sportler bekommt 100 bis 300 Euro pro Monat. Mit der Millionen-Prämie würden nur die belohnt, die bis zum Ende alles gegeben und das nötige Talent mitgebracht haben. Es wäre Motivation für alle aufgrund der entstehenden Sogwirkung.

Und welchem Deutschen könnte in Rio diese Million entgehen?

Marco Koch kann über 200 Meter Brust sicher ein ganz großes Wort mitsprechen. Rein statistisch hat der Weltmeister des Vorjahres eine Chance von 50 Prozent auf den Olympiasieg. Also stehen die Vorzeichen günstig. Er wird alles abrufen. Jetzt kommt es auf die Konkurrenz an. Bisher ist keiner an seine Zeit in diesem Jahr herangekommen.

Haben Sie vor vier Jahren Marco Koch diese Entwicklung zugetraut?

Doch, es hat sich angedeutet. Bereits 2009 hat er starke Leistungen gezeigt. 2012 hat er in London nicht das umgesetzt, was er drauf hatte. Aber es ist eine wichtige Erfahrung. Er weiß jetzt, dass er zum Beispiel erst ganz spät an den Wettkampfort anreisen darf. Ansonsten verliert er die Spannung. Deshalb wird er nur drei, vier Tage vor seinen Rennen aus dem Trainingsort Florianapolis nach Rio kommen.

Wer kann noch eine Medaille gewinnen?

Paul Biedermann. Nur diese olympische Medaille fehlt ihm noch in seiner Laufbahn. Aber über 200 Meter Freistil ist die Konkurrenz riesig. Das ist das Königsrennen der Sommerspiele. Wenn sich Franziska Hentke über 200 Meter Schmetterling noch ein wenig verbessert, dann kann es auch bei ihr für eine Medaille reichen.

Und Steffen Deibler?

Ich denke eher nicht. Das ist aktuell unrealistisch und es würde ihn auch unnötig unter Druck setzen. Leider konnte sich Steffen seit Platz vier in London nicht verbessern, während die Konkurrenten schneller geworden sind. Um vorne zu sein, muss man eine Zeit von 50,5 Sekunden über 100 Meter Schmetterling schwimmen. Seine Bestzeit ist 51,1 Sekunden. Zuletzt ist er immer um die 51,7 geschwommen. Steffen hat eine sehr große Begabung und ein tolles Wassergefühl, aber ist im Kinder- und Jugendbereich nicht optimal nach meinen Vorstellungen ausgebildet worden. Das ist kein Vorwurf, aber ein Fakt, der heute die Probleme in der Belastungsverträglichkeit erklärt.

Die Deutschen Meisterschaften stehen an. Wie zuversichtlich sind Sie, dass es gute Leistungen in Berlin geben wird?

Sehr. Wir werden ein großes Team nach Rio schicken. Mit den Staffeln könnten es 30 Schwimmer werden.

In Rio werden zu ungewöhnlichen Zeiten die Vorläufe und Finals ausgetragen. Die Endläufe sind wegen der Ausrichtung aufs US-Fernsehen oft erst nach Mitternacht beendet. Wir bereiten Sie sich auf diese Bedingungen vor?

Wir haben an unseren Stützpunkten Wochen des Übens durchgeführt und zu den olympischen Zeiten trainiert. Von 13 bis 15 Uhr wurden die Vorläufe, von 22 Uhr bis Mitternacht die Finals simuliert. Mit unserem Arzt haben wir die Ergebnisse analysiert. So wissen wir, dass nach drei bis vier Tagen ein Leistungsloch auftritt. Also werden wir an dieser Stelle die Belastung im Training herunterschrauben. Wir werden uns zweieinhalb Wochen vor den Spielen in Brasilien, in Florianapolis an die Bedingungen anpassen.

Im Juni fällt die Entscheidung, ob die russischen Leichtathleten in Rio starten dürfen. Sie haben gesagt, dass es die Dopingproblematik sicher auch im Schwimmen gibt. Was erwarten Sie?

Ich hoffe, dass Welt-Anti-Dopingagentur und Schwimm-Weltverband die härtesten Sanktionen aussprechen, wenn die Faktenlage eindeutig ist. Es gibt eine Regel, die besagt, wenn in einer Nation eine bestimmte Zahl von Dopingfällen pro Saison erreicht ist, kann diese Nation gesperrt werden. Jetzt muss man genau evaluieren und entscheiden. Bei der Russin Julia Efimowa scheint die Faktenlage eindeutig. Sie war schon aufgefallen und wurde erneut positiv getestet. Bestätigt sich dies, sollte sie lebenslang vom Wettkampf ausgeschlossen werden.