Champions League

Guardiola vor Spiel gegen Atlético: "Ich bin noch nicht tot"

In der Champions League trifft am Dienstagabend Bayern München auf Atlético Madrid. Dabei geht es um deutlich mehr als nur ein Tor.

Pep Guardiola (l.) hat bei Bayern München aqlle Möglichkeiten, doch Diego Simeone kann ihm mit Atlético Madrid den ganz großen Triumph vermiesen

Pep Guardiola (l.) hat bei Bayern München aqlle Möglichkeiten, doch Diego Simeone kann ihm mit Atlético Madrid den ganz großen Triumph vermiesen

Foto: Juan Carlos Hidalgo / dpa

Wenn am Dienstag kurz vor dem Anpfiff die beiden Trainer aus den Katakomben zu ihren Bänken schreiten, wird man die Anspannung in der Allianz Arena spüren, in den Gesichtern sehen, das Knistern spüren, den Angstschweiß riechen. Neben der Champions-League-Hymne könnte die Uefa vor dem zweiten und entscheidenden Duell zwischen Pep Guardiola und Diego Simeone auch noch durch den Song „Do not forsake me, oh my darlin’ (Verlass’ mich nicht, mein Liebling) anspielen: das Titellied des Westerns „High Noon“ (Zwölf Uhr mittags) aus dem Jahr 1952. Der Film, der auf ewig symbolhaft für einen Zweikampf unter echten Männern steht.

Im Duell an diesem Dienstag (20.45 Uhr, ZDF und Sky) kann es auch nur einen (Finalisten) geben: den FC Bayern oder Atlético Madrid, nur einen Trainer-Triumphator: Guardiola oder Simeone. Im ersten Aufeinandertreffen hat der Argentinier schneller gezogen, Madrid gewann 1:0, nun muss der Spanier den entscheidenden Treffer setzen. „Ich habe noch eine Kugel“, hatte Guardiola am Freitag kampfeslustig gesagt. Nach dem Hinspiel war er heftig wegen seiner Aufstellung ohne Thomas Müller und Franck Ribéry kritisiert worden. „You killed me. Eyerybody killed me“, sagte er in einem emotionalen Sprachen-Gemisch, „aber ich bin noch nicht tot. Wir haben noch ein Spiel, ich habe noch eine Patrone.“ Seine letzte Patrone. Der Schuss muss sitzen.


Die Bayern wollen ihr zehntes Endspiel des wichtigsten europäischen Vereinswettbewerbs im Fußball erreichen, am 28. Mai in Mailand gegen Real Madrid oder Manchester City um Europas Thron spielen. Für Guardiola ist es der dritte Anlauf. 2014 scheiterte er mit den Bayern an Real Madrid, 2015 am FC Barcelona – und nun? Schafft es Bayern nicht, wäre der 45-Jährige trotz der nationalen Titel (bisher drei, maximal fünf) ein Unvollendeter.

Als Nachfolger von Jupp Heynckes, dem Triple-Gewinner 2013, wurde Guardiola geholt, um den FC Bayern zur Nummer eins in Europa zu machen. Oh ja, Pep ist bewusst, dass es nicht reicht, die Münchner zur vierten Meisterschaft nacheinander – fürwahr ein historischer Triumph - zu führen. „Ich weiß, in welchem Verein ich bin. Es ist nicht genug, Meister zu sein hier. Es ist nicht genug, Pokalsieger zu sein hier. Nur das Triple ist genug.“

Es sind Sätze aus dem Frühjahr 2015, der Spanier hatte das bayerische Selbstverständnis schnell verinnerlicht, formulierte es jedoch oft sarkastisch. „Es war auch manchmal ein harter Kampf hier, aber vom Lerneffekt her spektakulär“, meinte er am Montag.

Er sieht sich als Künstler

Pep Guardiolas Wirken in München war all die Monate, jede einzelne Stunde, getrieben von der Besessenheit, es sich und der gesamten Welt zu beweisen, nicht nur mit dem FC Barcelona die Königsklasse gewinnen zu können (wie 2009 und 2011), sondern auch mit dem FC Bayern – in einer fremden Umgebung, in einer fremden Sprache, mit einer anderen Mannschaft. Aber von Anfang an fühlte sich der Spanier missverstanden – bei Fans, Medien und den Verantwortlichen. Seine Philosophie, sein Ballbesitzfußball, das dadurch erzwungene Dominieren des Gegners wurde ganz banal an Ergebnissen gemessen. Guardiola akzeptierte es, wirkte aber auch gekränkt. Er sieht sich als Künstler. Und da zählt es nicht allein, wie hoch die Summe ist, die ein Käufer für ein Werk bezahlen möchte.

Gegen Atlético steigt der Showdown ums Finale. Guardiolas Aufstellung muss sitzen. Thomas Müller (32 Saisontore) ließ er im Hinspiel draußen. Der Vorzeigebayer soll und muss die Zuschauer mitreißen. „Wir werden Gas geben und einen raushauen, ein Feuerwerk abbrennen“, betonte Müller. „Wir haben aus dem Hinspiel gelernt, dass wir vor allem auch die Zweikämpfe gewinnen müssen“, betonte Guardiola.

Mischung aus Ballbesitz- und Leidenschaftsfußball

Die schlimme Anfangsphase bei der Aufholjagd 2014 gegen Real Madrid, als es nach 34 Minuten schon 0:3 stand, noch im Kopf, mahnte Kapitän Philipp Lahm: „Wir haben 90 Minuten Zeit.“ Noch unsicher sind die Startelf-Einsätze von Franck Ribéry (zuletzt Rückenbeschwerden) und Rückkehrer Jerome Boateng. Tendenz: Beide spielen. Volles Risiko also.

Ebenso wichtig wird die Mischung aus kontrolliertem Ballbesitz- und dem von der Mannschaft geschätzten Leidenschaftsfußball, den der Trainer zuletzt mehr und mehr akzeptiert hat. „Ich bin - wow, voller Energie“, rief Guardiola. Erst wenn es nicht klappe, könne man ihn, so sagte er, „killen“.