Japanisches Brettspiel

Der Berliner Johannes Obenaus wartet auf das Go zur Karriere

Warum der Berliner Johannes Obenhaus mit Geld aus China zum Go-Profi aufgebaut werden soll. In Berlin startet jetzt der Grand Slam.

Johannes Obenaus vor dem Go-Brett

Johannes Obenaus vor dem Go-Brett

Foto: privat / BM

Berlin.  Johannes Obenaus aus Kreuzberg könnte einer der ersten Go-Profis in Europa werden. Er ist einer der Auserwählten einer Initiative, mit der chinesische Geschäftsleute das Brettspiel, dem in Ostasien Hunderte Millionen frönen, in Europa auf ein höheres Niveau heben wollen.

Jährlich investieren sie eine sechsstellige Summe, um Trainer nach Europa zu schicken und für eine Serie von Profiturnieren. Mit 10.000 Euro für den Sieger am besten dotiert ist der European Grand Slam, der von Donnerstag bis Sonntagin Berlin im Chinazentrum in Tiergarten ausgetragen wird und aus sportlicher Sicht wichtiger als die EM ist.

Obenaus ist diesmal zwar noch nicht unter den Eingeladenen, sondern wird im Nebenturnier um den China Cup antreten. Aber er ist einer der Stipendiaten, die gerade fünf Monate in einer Go-Akademie in Peking trainieren durften. Zwölf Stunden pro Tag, freie Tage waren nicht vorgesehen.

Match zwischen Mensch und Maschine

Während sich die europäischen Stipendiaten wenigstens öfter freinahmen, um Fußball oder Basketball zu spielen, widmeten sich die zwischen fünf und 18 Jahre alten Chinesen permanent dem Brettspiel. „Zeit für eine richtige Schule kann da eigentlich nicht geblieben sein“, erzählt Obenaus.

Dass Go derzeit so angesagt ist, führt er auf ein vielbeachtetes Match zwischen Mensch und Maschine zurück. Im März konnte der Computer AlphaGo dank der Auswertung von Millionen Meisterzügen den wohl weltweit besten Go-Spieler Lee Sedol in Seoul mit 4:1 besiegen - immerhin 19 Jahre später als Deep Blue dank brachialer Rechenkraft den damaligen Schach-Weltmeister Garri Kasparow schlug.

Im Kampf um die Kontrolle über die 19x19 Spielfelder sind viele Fehler möglich. Anders als etwa im modernen Schach fallen sie oft zunächst nicht gleich auf. Siege von Amateuren gegen Profis sind dadurch sehr selten. Unentschieden gibt es fast nie, und – ein weiterer Unterschied zum Schach – es beginnt stets Schwarz.

Alles begann in der Kreuzberger Martha-Gemeinde

Im Go klaffen Welten zwischen Ostasien und Europa, schildert Obenaus. Eine Handvoll Europäer und Amerikaner sind in Asien Profis geworden. Bei Turnieren seien Plätze für Europäer in der Qualifikation reserviert, doch weit habe es noch keiner gebracht.

In den Ranglisten habe noch nie ein Nichtasiate auf einem nennenswerten Platz gestanden. In Japan, China und Korea leben Hunderte gut allein vom Go. Schwächere Profis finden ein Auskommen als Go-Lehrer. „Kinder zum Go-Unterricht zu schicken ist in China so normal wie hier die Musikschule“, sagt Obenaus.

Selbst fand er zum Go über die Kreuzberger Martha-Gemeinde, wo er sich erst zum Tischtennis verabredete. Dort traf er den Go-Lehrer Kalli Balduin, der sein Potenzial entdeckte und förderte. „Kalli erzählt, dass ich mal einige Monate nicht mehr kam, und er in der Zeit ganz traurig war.“

Warum Obenaus ein typischer Go-Spieler ist

Zum Go kommen in Europa viele erst über ihr Interesse an Ostasien. Bei Obenaus war es allerdings genau umgekehrt. Um die Go-Literatur besser zu verstehen, lernte er Chinesisch. Mit 16 ging er für drei Monate nach Japan, das er wegen der Etikette und dem Respekt zwischen Go-Spielern besonders schätzt. Zwei Mathe-Semester studierte er in Taiwan, wo er allerdings wenig Anschluss an die Goszene gefunden habe.

Wo sieht er sich in fünf Jahren? „Ich werde Go spielen, aber wahrscheinlich nicht als Profi.“ Selbst der Abstand zu den besten Europäern sei einfach zu groß, markiert Obenaus Realismus. Außerdem ist er mit dem Mathestudium bald fertig und sieht gute Berufsaussichten für sich.

Ruhiges Naturell, analytisch, Mathematiker - damit sei er eigentlich ein typischer Go-Spieler, findet Obenaus. Auch Informatiker gäbe es viele. Und Naturwissenschaftler wie seine Freundin Vivian Scheuplein. Die Biochemikerin ist kürzlich nach Berlin gezogen.

Frisch aus Peking zurück, wo Scheuplein ihren Freund am Ende besuchte, nahmen sie vor zwei Wochen in Brünn an der EM im Paar-Go teil und wurden Zweite. Immerhin.