Stuttgart –

Mit 28 fängt das Tennis-Leben neu an

Angelique Kerber gewinnt in Stuttgart. Viel erstaunlicher ist der Auftritt von Laura Siegemund

Stuttgart.  Es ist alles relativ. Und es kommt auf die Perspektive an. „Das Jahr hat schon gut angefangen“, sagte Australian-Open-Siegerin Angelique Kerber, „aber in Stuttgart zu gewinnen, ist was ganz Besonderes.“ Nicht nur, weil die Kielerin zum zweiten Mal einen Sportwagen mitnahm. „Diese Atmosphäre sorgt für Gänsehaut“, sagte sie. 40.000 Besucher waren in den neun Turniertagen gekommen, die meisten wollten Kerber sehen.

Doch auch Laura Siegemund hat mit ihrer erfrischenden Spielweise Fans gewonnen. Am vergangenen Sonnabend hatte sie ihr erstes Match in der Qualifikation zum Porsche-Grand-Prix. Diese Hürde meisterte sie problemlos. Danach stürmte sie bis ins Finale. Als erste Qualifikantin bei der 39. Ausgabe. Zwar unterlag sie dort 4:6, 0:6. „Laura“, lobte Siegerin Kerber trotzdem, „du hast eine unheimliche Woche gespielt.“ Siegemund versprach: „Das ist noch nicht das Ende der langen Reise.“

Die hatte im Jahr 2000 ihren ersten Höhepunkt. Mit zwölf Jahren hat sie in Florida die Orange Bowl gewonnen, das bedeutendste Jugendturnier. Das war kurz nach dem Rücktritt von Steffi Graf. Die junge Schwäbin weckte große Hoffnungen. Danach geriet die Karriere aber ins Stocken. In der Weltrangliste pendelte sie zwischen den Plätzen 200 bis 400. Das ist der Bereich, in dem man sich permanent Gedanken macht, wie es morgen weitergeht. Als sie sich dann auch noch die Bänder im Fuß riss, griff Plan B. Der bedeutete, dass sie mit einem Studium an der Fern-Uni Hagen in Psychologie begann. Und auch abschloss. Der Titel ihrer Bachelorarbeit hatte etwas Autobiografisches: Versagen unter Druck.

„Ich hatte mit dem Tennis abgeschlossen“, sagt die 28-Jährige. Aber nur fast. Immer wieder trat sie bei kleineren Turnieren an. Plötzlich lief es, weil sie nichts mehr erwartete. „Ich bin inzwischen als Mensch gereift“, erzählt sie, „früher wollte ich die Siege zu arg. Das hat mich blockiert.“ Die Lockerheit ist jetzt ihre große Stärke.

Dieser ungewöhnliche Werdegang hat Auswirkungen auf Siegemunds Spielweise. „Ich bin mit Sicherheit anders“, sagt die Frau mit der brünetten Lockenpracht, die in Stuttgart lebt. Auf alle Fälle hat sie in jedem ihrer Spiele die Zuschauer schnell für sich eingenommen. „Meine Art, Tennis zu spielen, scheint die Leute zu begeistern – das ist toll für mich.“ So toll wie die neue Perspektive. Als Nummer 71 war sie in die Turnierwoche gegangen, mit dem Einzug ins Finale und nach den Siegen über drei Top-Ten-Spielerinnen wird sie auf der heute erscheinenden Rangliste an Position 42 geführt.

Wie schon im Halbfinale gegen Petra Kvitova zeigte Angelique Kerber eine unglaubliche Willenskraft. Die gesteigerte Aufmerksamkeit zehrt. Dass sie am Donnerstag einen Ruhetag hatte, genoss sie mit Lesen. Schließlich hat sie in diesem Jahr noch etwas vor. „Mein größtes Ziel, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, habe ich schon erreicht. Jetzt ist eine Olympia-Medaille mein Ziel“, sagt sie.

Dass diese Woche auch bei Laura Siegemund Spuren hinterließ, zeigte sich im Finale. Nach starkem Start unterliefen ihr immer mehr leichte Fehler. Zumal sie auch noch Probleme mit dem Rücken bekam, die von einem Physiotherapeuten behandelt werden mussten. Was sich auch im Ergebnis ablesen lässt. Der erste Satz dauerte 40 Minuten, der zweite war nach einer halben Stunde beendet. „Der Akku war leer“, bekannte sie. Der von Angelique Kerber zwar auch, aber nicht ganz so sehr. Ist eben alles relativ.