Boxen

Graciano Rocchigiani und der Traum vom letzten großen Kampf

Ex-Weltmeister Graciano Rocchigiani spricht im Morgenpost-Interview über die deutsche Box-Krise und seine Rückkehr in den Ring.

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Berlin.  Graciano Rocchigiani ist immer für eine Überraschung gut – und für klare Worte. Der 52-jährige Ex-Weltmeister sprach mit der Berliner Morgenpost über eine Rückkehr in den Ring, Felix Sturms Dopingfall und den Zustand des Boxens in Deutschland.

Berliner Morgenpost: Herr Rocchigiani, war Ihre Comeback-Ankündigung ernst gemeint, oder war es nur ein netter Gag?

Graciano Rocchigiani: Ich will kein Comeback versuchen, sondern nur einen Kampf bestreiten. Ich habe einfach noch einmal Bock darauf. Und um da nicht lange rumzuquatschen: Ich wünsche mir Roy Jones als Gegner. Ich will, dass wir beide dabei auch Geld verdienen. Ich hoffe, dass die Sache bis Oktober perfekt ist. Bis dahin gibt es noch viel zu klären, deswegen bin ich froh, dass noch kein Bohei drum gemacht wird. Das war’s!

Glauben Sie, dass die Fans einen 52 Jahre alten Ex-Boxer und einen 47-Jährigen, der auch schon bessere Tage erlebt hat, sehen wollen? Es dürfte doch den Vorwurf geben, zwei abgehalfterte Ex-Champions wollen noch mal schnelle Kohle machen.

Wenn wir das so hinkriegen, wie ich es mir vorstelle, dann glaube ich an mehr als fünf Millionen Fans vor dem Fernseher. Und was das Geld angeht: Es ist niemand gezwungen zuzuschauen.

Fünf Millionen wäre eine Ohrfeige für die hiesige Elite. Selbst vier Millionen sind – außer bei Wladimir Klitschko – momentan kaum zu erreichen. Die Quoten sinken seit geraumer Zeit. Warum sollte das bei Ihnen anders sein?

Es gibt noch keinen Grund für mich, mehr über meinen Wunsch zu sagen. Wir stehen ja erst am Anfang. Dass bei uns das Boxen immer mehr am Stock geht, sage ich schon lange.

Erklären Sie es noch einmal, bitte.

Das Boxen steht kopf. Es wimmelt von völlig sinnlosen Titelkämpfen, es wimmelt von Pseudo-Champions, die früher bei einer Amateurmeisterschaft die erste Runde nur mit einem Freilos überstanden hätten. Die großen Verbände schieben die Boxer in den Ranglisten hin und her, wie sie Lust haben. Das ist nur noch Geschäft. War es zwar zu meiner Zeit auch oft, aber die Zahl der Titelkämpfe war viel geringer und die Boxer oft besser, weil eine EM noch Wert hatte, weil eine WM etwas Besonderes war. Heute schleppt jeder halbwegs talentierte Boxer irgendwann einen fetten Gürtel für einen Pillepalle-Kampf nach Hause. Es gibt Titelkämpfe für Leute, die erst fünf- oder sechsmal im Ring gestanden haben.

Austeilen können Sie noch ...

Es gibt ja noch mehr Gründe, warum sich viele Fans abwenden. Wir haben in Deutschland viermal Abraham-Stieglitz und viermal Huck-Afolabi gehabt. Jedes Mal wurde es als die tolle Revanche verkauft, jedes mal als Pseudo-Knaller. Und viele Leute sind genervt von viel zu vielen komischen Punkturteilen.

Konkret?

Um nur einen zu nennen: Vincent Feigenbutzs Sieg im ersten Kampf gegen den Italiener de Carolis.

Bei aller Kritik: Profiboxen und Fernsehen sind untrennbar verbunden, ohne TV sind große Kampftage nicht machbar, und die Fernsehmacher wollen Titelkämpfe. Da ist es doch egal, ob am Ende der Sieger einen dieser mehr oder wenigen geschmackvollen Gürtel umgeschnallt bekommt.

Das sehe ich anders. Zu viele Gürtel mindern den Wert der wenigen wirklich wichtigen. Ich habe gesagt, das Boxen steht Kopf. Wo funktioniert es denn noch gut? Bei den kleinen Veranstaltungen, wo fünf- oder sechshundert Leute kommen, ihren Spaß haben. Da können die Talente was lernen, können Erfahrung sammeln und auch ein bisschen Geld verdienen. Da kann man aber auch mal verlieren, und das ist bei uns verboten. Bloß keine Niederlage im Rekord, dafür lieber eine Latte mit leichten Siegen. Und wenn es dann mal schief geht, ist das Geheule groß. Die besten Boxer aller Zeiten haben Niederlagen erlitten und sind oft dadurch besser geworden.

Sehen Sie in Deutschland momentan einen absoluten Weltklasseboxer?

Nein!

Einen, der in absehbarer Zeit den Sprung schafft?

Nein!

Wo gehören Felix Sturm, Jürgen Brähmer oder Arthur Abraham für sie hin?

Zu denen, die es sich verdient haben, mit einem prallen Konto in absehbarer Zeit in den Ruhestand zu gehen.

Sturm wird vermutlich nach den Dopingvorwürfen nicht viel anderes übrig bleiben. Glauben Sie, dass er gedopt hat?

Mir kommt das komisch vor, wenn wie bei ihm erst so lange nach einem Kampf ein Ergebnis kommt. Eigentlich halte ich ihn nicht für so blöd, weil das ja wohl ein Bodybuilding-Mittel war. Das kannste als Boxer nicht gebrauchen.

Und wie sieht es bei den Amateuren aus?

Das Amateurboxen ist in Deutschland tot. Die kleinen Vereinsveranstaltungen nehme ich mal aus. Da gilt für mich dasselbe wie bei den Profis: Unten funktioniert es noch ganz gut.

Die Amateure öffnen die Olympischen Spiele für Profis, kokettieren mit dem Namen Wladimir Klitschko. Ist das clever?

Das ist eine Bankrotterklärung. Wer sich als deutscher Amateur für Olympia qualifizieren will, wird bei Lehrgängen und Qualifikationsturnieren durch den Wolf gedreht, um am Ende von den Profi-Amateuren aus Kuba, Russland oder Kasachstan verprügelt zu werden. Die Aiba (Weltverband der Amateure, d.R.) hofft wahrscheinlich auf Fernsehgelder, wenn sie große Namen präsentieren kann. Vorher erzählen sie jahrzehntelang die Geschichten von den geldgierigen Profis, die nur betrügen.

Würden sie Wladimir Klitschko eine Olympiateilnahme empfehlen?

Ich bin nicht sicher, ob das geht oder PR-Blabla ist. Wenn er boxen würde, müsste er Gold gewinnen, sonst wäre er blamiert. Würde er Gold gewinnen, sagen alle, dass das klar war. Außerdem muss er ja erst mal zum Rückkampf gegen Tyson Fury antreten. Wenn er wieder verliert, sollte er aufhören.

Dann könnten Sie ihn zum Trost zu Ihrem Kampf einladen oder gegen ihn boxen.

Ich würde mich freuen, wenn er käme. Die Klitschkos waren mehr als zehn Jahre die besten Boxer im Schwergewicht. Klar, sie haben viele Pfeifen geboxt, die Don King angeschleppt hat. Und später angefressene Cruisergewichtler verhauen. Aber sie haben auch große Namen besiegt und vor allem ihr eigenes Ding durchgezogen. Als Gegner ist Wladimir viel zu jung. Ich boxe doch nicht gegen Kinder.