München –

Selbst die Bayern tadeln Vidal

Gurdiola und Co. verurteilen Schwalbe des Chilenen, eine Strafe muss er aber nicht befürchten

München.  Am Tag nach dem erfolgreichen Einzug ins DFB-Pokalfinale durch das 2:0 gegen Werder Bremen startete der FC Bayern eine Medienoffensive. An der Säbener Straße waren spanischsprachige Reporter eingeladen, um mit Javi Martínez, Xabi Alonso, Thiago und Juan Bernat über das nächste wichtige Halbfinale zu sprechen: Die Duelle in der Champions League mit Atlético Madrid kommenden Mittwoch in Madrid und am 3. April in der eigenen Arena. Dort präsentierte der Verein auch einen neuen Sponsor. Ein US-Gigant für Rasierer, Haarwaschmittel und Zahnbürsten. Was man bei diesem Termin im Vereinsmuseum nicht alles erfuhr?

Trainer dankt für die zusätzliche Woche vor dem Abschied

Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge etwa verriet, dass er „heute Nassrasierer“ ist. Mario Götze wurde von einem Barbier auf der Bühne trocken rasiert, obwohl er am Morgen schon selbst Hand angelegt hatte. Thomas Müller witzelte wie immer, brachte die Zahnseide ins Spiel, um damit „zwischen die Linien“ zu kommen. Und ein Vertreter des Sponsors fragte die Spieler tatsächlich: „Wie putzt Ihr denn Eure Zähne?“ Manuel Neuer: „Mit Zahnpasta.“ Und auf welche Art? Neuer: „Zu Hause mit elektrischer Zahnbürste, auf Reisen ist im Kulturbeutel auch eine normale. Schöner kicken.

Und vielleicht auch sauberer? Siehe Arturo Vidals Schwalbe am Abend zuvor gegen Werder, die zum 2:0 führte. „Da lag der Schiedsrichter leider daneben“, sagte Rummenigge und erklärte leicht vorwurfsvoll Richtung Vidal, den Schummelflieger: „Das ist nicht das, was der FC Bayern haben will.“ Denn man sei „nicht unbedingt bekannt dafür, dass wir Schwalben produzieren“ und Vidal „grundsätzlich ein fairer Spieler“. Auch Trainer Pep Guardiola („Die Spieler haben mir eine Woche mehr Zusammenarbeit geschenkt, ein großes Geschenk“) rügte das Täuschungsmanöver seinen Profi öffentlich: „Der Elfmeter war kein Elfmeter. Ich mag es nicht, so das zweite Tor zu schießen.“

Tatsächlich war es ein Witz. Werders Abwehrspieler Janek Sternberg muss sich lediglich den Vorwurf gefallen lassen, zu heftig – sprich: mit den Sohlen voraus – in den Zweikampf gesprungen zu sein, doch er berührte den Chilenen nicht. Schiedsrichter Tobias Stieler war nach Ansicht der TV-Bilder bedient und räumte „eine Fehlentscheidung“ ein. „Es tut mir leid“, sagte der 34-Jährige, „das geht so schnell, und ich stand so gut. Ich habe einen Kontakt gesehen, aber es war keiner.“ Die Bremer hätten sich „sehr fair“ verhalten. In der Tat fielen die Proteste erstaunlich gemäßigt aus.

„Das 2:0 ist ärgerlich, denn es war in einer Phase, in der wir sehr gut im Spiel waren“, lamentierte Werder-Kapitän Clemens Fritz, „man hatte das Gefühl, dass hier noch etwas gehen könnte.“ Thomas Müller, der nach 71 Minuten den Elfer zum 2:0 vollstreckte, meinte nach seinem 32. Treffer im 43.Pflichtspiel: „Das war nah dran an einem Foul, aber es war kein Foul. Natürlich war es eine Schwalbe. Reinmachen muss ich den Elfmeter trotzdem.“

Und Vidal? Wollte am späten Abend nicht über seine Sünde sprechen, war lediglich für Nachfragen zum Champions-League-Halbfinale zu haben. Eine Entschuldigung wegen seiner Flugnummer? Nix, nada. Gesperrt werden kann der 28-Jährige nachträglich nicht, wie am Tag danach landesweit im Internet gefordert. Der Grund: Der Schiedsrichter hat die Szene gesehen. Stieler habe somit eine „nicht angreifbare Tatsachenentscheidung“ getroffen. Deshalb ist die Einleitung eines sportgerichtlichen Verfahrens durch den DFB-Kontrollausschuss nicht möglich. Zudem wies der Verband auf den Unterschied zur „Mutter aller Schwalben“ von Andreas Möller im April 1995 hin. Damals sei kein Gegenspieler in der Nähe gewesen. Dirk Schuster (Karlsruhe) konnte nur staunen, wie der Nationalspieler von Borussia Dortmund trotz Sicherheitsabstands im Strafraum wie vom Hammer getroffen fiel. Möller wurde für zwei Spiele gesperrt, musste 10.000 Mark Strafe bezahlen. Vidal kommt nun aber davon.

Studie belegt, dass Referees starke Teams gern bevorzugen

Gab es also einen Bayern-Bonus? Wurden die Münchner wie schon beim 2:1 im September gegen Augsburg bevorteilt, als ein harmloses Blocken gegen Douglas Costa am Ende der Partie zum siegbringenden Elfmeter führte? Was ist dran am angeblichen Bayern-Bonus?

Wissenschaftler haben unlängst bewiesen: Schiedsrichter bevorzugen unbewusst starke Mannschaften. Dabei wurden Tor- und Elfmeterentscheidungen in allen 4248 Bundesliga-Spielen zwischen 2000 und 2013/14 ausgewertet. Die „ewige Tabelle“ (seit 1963/64) sollte dabei zeigen, wer als Top-Team gilt und wer als Außenseiter. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein zu Unrecht nicht gegebener Elfmeter das schwache Team betrifft, ist viel größer als jene, dass er das starke Team betrifft“, sagt Eberhard Fees von der Frankfurt School of Finance & Management. Und: Während gegen Außenseiter in 15 Prozent der Fälle ein Elfmeter hätte gegeben werden müssen, kam Bayern hier nur auf fünf Prozent. Doch das wird Bremen jetzt nicht sonderlich trösten.