Tennis

1:1 im Fed-Cup – Angelique Kerber überzeugt mit neuer Kraft

Die Australian-Open-Siegerin ist wieder auf dem Weg nach oben. Das zeigt ihr starker Auftritt beim Fed Cup in Rumänien.

Geschafft: Angelique Kerber bringt Deutschland in Rumänien durch einen souveränen Sieg gegen Irina-Camelia Begu mit 1:0 in Front

Geschafft: Angelique Kerber bringt Deutschland in Rumänien durch einen souveränen Sieg gegen Irina-Camelia Begu mit 1:0 in Front

Foto: Robert Ghement / dpa

Berlin. Es ist noch keinen Monat her, da tauchte Angelique Kerber Arm in Arm zwischen zwei Legenden auf. Fotostopp. Rechts neben ihr Steffi Graf, links neben ihr Andre Agassi. Der entspannt dreinblickende Tennis-­Dreier kam gerade vom Platz. Kerber trug ein T-­Shirt mit der Aufschrift „Geboren für etwas Größeres“.

Eine klare Ansage. In den nächsten Wochen werden sich ihr einige Gelegenheiten bieten, um sich selbst und den deutschen Zuschauern zu beweisen, dass ihre kleine Flaute nach dem überraschenden Grand­-Slam-­Erfolg Anfang des Jahres in Australien nur ein Zwischentief war.

Als da wären: Das Fed­-Cup­Spiel gegen den Abstieg aus der Weltgruppe dieses Wochenende im rumänischen Cluj. Das Turnier in Stuttgart ab Montag. Im Mai dann Nürnberg und danach Roland Garros, das erste Grand-­Slam-­Turnier nach Kerbers sagenhaftem Australien-­Triumphzug.

Trainingslager unter Palmen

Ein strammes Programm, bei dem etwas Fürsorge durch zwei frühere Weltstars, die noch dazu die Branche verstehen, nicht verkehrt sein kann. Vor allem, wenn man kürzlich über Nacht vom überschaubar bekannten Sportler zur großen Hoffnung einer Tennis­-Nation aufgestiegen ist.

„Es tut mir gut, mich mit den beiden auszutauschen“, sagt Kerber im Gespräch mit der Morgenpost. Schon im vergangenen Jahr habe ihr das Intensivprogramm für Körper und Geist bei Familie Graf/­Agassi im fernen Las Vegas viel gebracht. Deshalb die Wiederholung.

Offenbar hat die 28­-Jährige bei ihrem Trainingslager unter Palmen eine Extraportion von Steffi Grafs Ehrgeiz und Andre Agassis Spielwitz serviert bekommen. Prompt zog sie nach einigen enttäuschenden Erstrunden ­Niederlagen wieder in zwei Halbfinals ein. Dass sie in Charleston vor einer Woche am Ende entkräftet aufgeben musste, hat sie abgehakt.

„Ich fühle mich wieder gut“, sagt sie vor dem ersten Aufschlag beim Fed Cup in Rumänien. Zwei Tage hat sie sich zwischen den USA und Rumänien bei ihren Großeltern in Polen erholt, immerhin. Sie wird ihre Fitness brauchen, denn das deutsche Team steht unter Druck. Sollte Deutschland verlieren und aus der Weltgruppe segeln, könnten Kerber und Co. frühestens 2018 wieder nach dem ersehnten Titel im Mannschaftswettbewerb greifen.

„Das war eine mega Atmosphäre“

Und dem Druck hielt sie tatsächlich stand: Im Hexenkessel von Cluj ließ sich die wiedererstarkte Australian-Open-Gewinnerin auch von 7350 lautstarken rumänischen Fans nicht beirren und brachte das deutsche Fed-Cup-Team gegen die Gastgeberinnen mit 1:0 in Führung.

Sie wurde ihrer Favoritenstellung beim 6:2, 6:3 gegen Irina-Camelia Begu gerecht und wirkte in jeder Phase souverän. „Das war eine mega Atmosphäre, ich habe es genossen. Der Schlüssel war, dass ich aggressiv gespielt und das Match selbst diktiert habe“, sagte Kerber, die mit viel Applaus empfangen wurde.

Ein schöner Moment für die Weltranglistendritte, deren Tennis-­Jahr schon jetzt überfrachtet ist mit Erfahrungen, Triumphen und auch Rückschlägen. Wenn es so weitergeht, würde es keinen wundern, wenn Kerber am Jahresende beantragen will, dass ihr persönlicher Kalender ausnahmsweise aufgestockt wird. Weil das alles einfach nicht in zwölf Monate passt.

Kein Platz für den Siegerpokal aus Australien

„Die Aufmerksamkeit ist nach meinem Grand-­Slam-­Titel viel größer als früher. Zwischendurch war die Belastung sehr hoch“, sagt die gebürtige Bremerin und gibt zu, dass sie dieses öffentliche Interesse an ihrer Person durchaus auch genießen kann: „Ich habe etwas Besonderes geschafft und möchte jeden dazugehörigen Aspekt auskosten.“

Manche Dinge bleiben dabei auf der Strecke. Etwa die Suche nach dem perfekten Platz für den Australien-­Pokal, der erst kürzlich in der Heimat eingetroffen und so groß ist, dass er nicht mal eben im Bücherregal geparkt werden kann. Benötigt wird ein Ehrenplatz. Doch es gibt dringendere Angelegenheiten.

Ziel ist das Siegerauto in Stuttgart

Zunächst gilt Kerbers volle Konzentration dem Fed Cup, wo sie am Sonntag auf die Weltranglistensechste Simona Halep trifft. Die gewann am Sonnabendnachmittag das zweite Einzel gegen Andrea Petkovic 6:4, 6:7, 6:4. Das (möglichweise entscheidende) abschließende Doppel bestreiten dann am Sonntag Julia Görges und Annika Beck.

Auf den Fed Cup zu verzichten und dem Körper vor den Wochen der Wahrheit noch etwas Ruhe zu gönnen, war keine Option: „Mir ist es sehr wichtig, in einem Team sein Land zu repräsentieren.“ Ab Montag schlägt Kerber als Titelverteidigerin in Stuttgart auf. Erstmals wird sie sich als Grand-­Slam-­Champion vor heimischem Publikum bei einem WTA­-Turnier zeigen.

Sie will dabei neben dem Preisgeld von gut 100.000 Euro auch einen Sportwagen gewinnen, den es traditionellerweise in Stuttgart für die Siegerin zusätzlich gibt. „Die Stimmung dort ist sensationell. Ich will die Halle im Sieger-­Porsche verlassen“, sagt sie. Steffi Graf und André Agassi würde dieser Satz gefallen.