Berlin –

Die Bundesliga im Blick

Jens Keller erhält bei Union einen Vertrag bis 2018 und soll mit dem Team den Aufstieg meistern

Berlin. Erst am Sonntagabend ließ Jens Keller im TV-Sender Sky durchblicken, dass sich in den nächsten Tagen entscheidet, ob er ab Sommer wieder auf einer Trainerbank sitzen wird. Er wird, das steht seit Montagmorgen fest. Der 45-Jährige übernimmt ab dem 1. Juli das Amt des Cheftrainers beim 1. FC Union. Der Berliner Fußball-Zweitligist und der ehemalige Coach von Schalke 04 – eine Liaison, die eine ganz klare Richtung vorgibt: den erhofften Aufstieg in Bundesliga, und zwar so schnell wie möglich.

Spätestens 2018 soll der von Klubchef Dirk Zingler angekündigte Sprung in die Top 20 des deutschen Fußballs geschafft sein. Bis dahin läuft Kellers Vertrag. „Die Erwartungshaltung des Vereins an meine Arbeit ist klar formuliert worden, und genau das war auch mein Wunsch. Um erfolgreich arbeiten zu können, brauche ich ein Ziel und professionelle Partner an meiner Seite, mit denen der Weg dahin beschritten werden kann. All das habe ich hier vorgefunden“, sagte Keller.

An seiner Seite wird der Däne Henrik Pedersen (38) neuer Co-Trainer neben Sebastian Bönig (34) werden. André Hofschneider (45), der den Chefposten am 22. Februar nach dem Aus von Sascha Lewandowski (Burnout) übernommen hatte, beginnt im Juni mit der Ausbildung zum Fußballlehrer. Ob er im Frühjahr nächsten Jahres in Unions Trainerstab zurückkehren wird, ist offen.

Bobic lobt ihn als brutalenArbeiter mit klarer Meinung

Die Spieler wurden von der Personalie regelrecht überrascht. „In der letzten Zeit wurde viel spekuliert. Aber keiner lag richtig“, sagte Kapitän Benjamin Kessel: „Wir freuen uns darauf, mit so einem erfahrenen Trainer arbeiten zu dürfen.“ Unions Geschäftsführer Sport, Lutz Munack, informierte die Mannschaft am Montagmorgen. „Jens Keller hat seine Fähigkeiten sowohl im Nachwuchs als auch im Profibereich auf höchsten Niveau bewiesen. Wir haben in mehreren Gesprächen die Überzeugung gewonnen, dass sich unsere sportlichen Ansätze und Ziele decken und eine sehr gute Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit besteht“, erklärte Munack.

Doch was haben die Unioner von Jens Keller zu erwarten? Die Morgenpost erkundigte sich bei Fredi Bobic, der Keller im Oktober 2010 beim VfB Stuttgart als Nachfolger von Christian Gross zum Trainerdebüt verhalf. „Als Typ passt er sehr gut zu Union“, sagte Bobic, damals VfB-Sportdirektor: „Er ist ein brutaler Arbeiter, und das rund um die Uhr. Er ist ehrlich, loyal, und – ob das allen gefällt oder nicht – er hat auch immer eine klare Meinung. Auf Schalke hat er nachgewiesen, dass er auch unter großem Druck ruhig und fokussiert arbeiten kann.“

Tatsächlich hat er in Gelsenkirchen herausragende Resultate abgeliefert, obwohl er immer in der Kritik gestanden hatte. Zweimal führte er Schalke 04 in die Champions League (2013, 2014), zudem ist er bei den Königsblauen der Trainer mit der drittbesten Punkteausbeute (1,76) hinter Mirko Slomka (1,85) und Ralf Rangnick (1,82). Hinzu kommen 256 Profi-Einsätze (u.a. Stuttgart, Wolfsburg, Köln, Frankfurt).

Da mutet im ersten Moment das Union-Engagement wie ein Rückschritt für Keller an. „Es geht jedoch nicht immer darum, das Größte zu bekommen, sondern etwas, an das man glauben kann“, verdeutlichte Bobic. Und Keller glaubt offenbar an das Projekt Union. Die Köpenicker sind längst ein etablierter Zweitligist, der im Grunde genommen mit dem Abstieg nichts zu tun hat. Da ist es nur logisch, dass man auch mal an die Tür zur Bundesliga klopfen möchte.

Insofern passt Union auch in das Schema der Klubs, bei denen Keller sich ein Engagement nach seiner Entlassung auf Schalke im Oktober 2014 vorstellen konnte. Klar, die Bundesliga war das primäre Ziel, aber einen „Zweitligisten mit Perspektive würde ich nicht per se ausschließen“, hatte Keller noch im vergangenen Herbst wissen lassen. Zweitligisten im dauerhaften Abstiegskampf oder noch weiter runter, in die Dritte Liga, kam für den gebürtigen Stuttgarter nicht in Frage. Auch wenn er diesen einen Schritt zurück als Spieler oft getan hat, um zwei Schritte nach vorn gehen zu können.

Keller selbst sieht sich als eher ruhigen Trainer, der „aber auch mal rumpoltern kann – jedoch nur intern“. Da er dabei stets sachlich ist, wie er von sich sagt, bringen ihm Spieler und Klubverantwortliche durchaus Respekt entgegen. Dass er nicht jene schillernde Persönlichkeit ist, die man sich zum Beispiel auf Schalke immer wieder wünscht, hat zuweilen das Bild eines farblosen und zerstreut wirkenden Mannes entstehen lassen.

Einen Hampelmann wird es auch in Köpenick nicht geben

„Ich bin keiner, der vor Kameras den Hampelmann macht“, so Keller. Diese für manche schon mal leidenschaftslos wirkende Besonnenheit spricht ebenso für ihn wie der Umstand, dass er seine Zeit auf Schalke dennoch hinterfragt hat. So durchlief er vor einem Jahr einen Sportmanagement-Kurs, bei dem es ihm vor allem auf drei Bereiche ankam, die dort vermittelt wurden: Führung im Sport, Selbstvermarktung und Verhandlungsgeschick. Laut Keller seien „diese Themen für einen Trainer sehr wichtig“.

Fakt ist: Union hat bereits jetzt, fünf Spieltage vor dem Ende der laufenden Saison, die Latte für die kommende Spielzeit höher denn je gelegt. Sport-Geschäftsführer Munack spricht von einer „enormen Herausforderung für den gesamten Verein“. Und falls es mit Keller nicht klappen sollte? Keller: „Im Profi-Geschäft sitzt man immer auf gepackten Koffern. Bei einem Verein etwas früher, beim anderen später.“ Bei Union hofft man, dass Keller lange mehr als nur einen Koffer in Berlin hat.