Champions League

Wolfsburgs Traum ist real

Wolfsburg kann auch verblüffen: Im eigenen Stadion fertigte der VfL im Champions-League-Viertelfinale Real Madrid mit 2:0 ab.

Reals Casemiro (r.) und Wolfsburgs Andre Schürrle im Duell. Jubeln durfte nur der Wolfsburger

Reals Casemiro (r.) und Wolfsburgs Andre Schürrle im Duell. Jubeln durfte nur der Wolfsburger

Foto: Stuart Franklin / Bongarts/Getty Images

Wolfsburg. Real Madrid in der Stadt – Wolfsburg im Ausnahmezustand. Doch für das Skeptakel sorgte nicht der hohe Favorit, in dieser Saison in der Champions League zuvor ungeschlagen, sondern der VfL. Der Bundesligist setzte sich mit einer verblüffenden Leistung im Viertelfinal-Hinspiel gegen Real mit 2:0 (2:0) durch. „Wir wissen, was auf uns wartet. Aber wnn uns Madrid die Tür aufmacht, dann müssen wir durchgehen“, sagte Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking.

Spiel des Jahres, Spiel der Vereinshistorie – an Superlativen war kein Mangel beim VfL Wolfsburg vor dem (vermeintlich) letzten Heimspiel für einige Zeit in der Königsklasse. Als kleiner Vorgucker, was Hertha BSC ab September erwarten könnte, falls die Berliner das Ticket zur Champions League lösen: Für Real Madrid war es der ganz normale Wahnsinn. Das Hotel der Königlichen war umlagert von Hunderten Fans. Die aber außer dem schneeweißen Mannschaftsbus nichts zu sehen bekamen.

Die Königlichen scheitern an ihrer Überheblichkeit

Das Wunder von Wolfsburg
Das Wunder von Wolfsburg

Wolfsburg war verspottet worden in dieser Saison für das geringe Zuschaueraufkommen. Diesmal war die Arena ausverkauft, 26.000 füllten die Arena, mehr lassen die Uefa-Auflagen nicht zu. Und siehe da: Auch der VfL kann Stimmung. Beide Mannschaften gaben Zutaten zu großem Kino. Real mit Gareth Bale, dem teuersten Fußballer der Welt, mit Weltmeister Toni Kroos und mit Cristiano Ronaldo, verlegte sich zunächst auf Überheblichkeit. Ronaldo fuchtelte oberlehrerhaft mit dem Zeigefinger, als sein Tor wegen Abseits nicht anerkant wurde. Dann saß er fast eine Minute schmollend auf dem Po, als der Schiedsrichter es gewagt hatte, einen Ballverlust bei ihm nicht mit Freistoß zu ahnden.

Wolfsburg konzentrierte sich auf Fußball. Andre Schürrle wurde bei einem Konter im Real-Strafraum von Casemiro von den Beinen geholt – Elfmeter. Den verwandelte Ricardo Rodriguez ungeachtet der Faxen, die Madrids Torwart Keylor Navas veranstaltete, 1:0 (18.). Das erste Gegentor quittierte Real-Trainer Zinedine Zidane noch mit einem aufmuternden Klatschen an sein Starensemble. Sieben Minuten später hob der Franzose ratlos die Hände – was ist los, Jungs?

VfL-Kollege Hecking hatte auf die überragende Geschwindigkeit, über welche die Real-Offensive verfügt, seinerseits mit Tempo gekontert. „Wir hatten mit Henrique eine Waffe im Spiel, die Real nicht auf der Rechnung hatte“, freute er sich. Dann lief der schnelle Julian Draxler auf der linken Seite seinen Bewachern davon, flankte auf rechts, wo Henrique den Ball rasch in die Mitte passte – aus fünf Metern schob Maximilian Arnold den Ball ins Netz, 2:0 (25.). Nun suchte die vermeintliche Über-Mannschaft den Umschaltknopf. Ronaldo über links, Bale mit einem 17-Meter-Freistoß (44.) – Real legte zu, aber der VfL wehrte sich.

Schürrle hätte das Resultat noch höher schrauben können

Auch die zweite Hälfte bot reichlich Drama. Madrid deutlich feldüberlegen, den Hausherren boten sich Kontermöglichkeiten. Schürrle vergab zwei freistehend (61./68.). Real versuchte, Elfmeter zu schinden (Jesé/58.). Rudelbildung mit zwölf, 15 Beteiligten – der italienische Schiedsrichter Ginaluce Rocchi nahm die salomonische Lösung mit je einem gelben Karton für Arnold und Bale (69.). VfL-Torwart Diego Benaglio hielt stark gegen Ronaldo (71.).

Die Zeit verrann, Real fiel nichts mehr ein. Der VfL hat sich eine unerwartet gute Ausgangsposition erarbeitet für das Rückspiel im Bernabeuu-Stadion am Dienstag. „Wir haben alles getan, worüber wir gesprochen haben: Wir haben mutig nach vorne gespielt und waren ballsicher“, sagte Wolfsburgs Manager Klaus Allofs, „diesen Abend kann uns keiner nehmen.“ Torschütze Arnold warnte: „Das war atemberaubend. Aber wir müssen die Kirche im Dorf lassen. Wir haben erst 50 Prozent geschafft.“