Berlin –

Trügerische Umarmung

Jürgen Klopp kehrt nach Dortmund zurück. Die vielen Emotionen bergen dabei Gefahren

Berlin.  Es wird ein Abend, der die Emotionen im oft so emotionslosen Geschäft Profifußball außerhalb jeder Skala hochschlagen lassen wird. Der jene Romantiker bedient und bestätigt, die Spielern und Trainern nach jahrelangen Diensten für und unzähligen Verdiensten um ihren Klub ein riesiges Denkmal bauen wollen. Am liebsten würden sie ihre Helden gleich in den Adelsstand erheben. Jürgen Klopp (48) gilt nach seinen sieben teils höchst erfolgreichen Jahren längst als König von Dortmund. So wird die Rückkehr des Königs in sein einstiges Reich triumphal werden – zumindest vor dem Viertelfinal-Hinspiel Borussia Dortmunds am Donnerstag gegen den FC Liverpool (21.05 Uhr, Sport1 und Sky).

Der König, der die Reds seit Oktober vergangenen Jahres im Sturm eroberte, ist auf der britischen Insel flugs zum „Kaiser von der Kop“, Liverpools legendärer Fantribüne, aufgestiegen. Für Englands Idol Gary Lineker ist Klopp „außergewöhnlich, er hat Emotion, Kompetenz und Leidenschaft“.

Frotzeleien über Watzkes„Verhaltenskodex“

Es ist eben diese Mischung, die die Menschen mitnimmt. Immer wieder. Ein Dreiklang, mit dem er als Dortmunder Trainer dem großen FC Bayern jahrelang mehr als nur Paroli geboten hat. Und der ihn nun für sein altes Königreich so gefährlich macht. „Dortmund spielt die stabilere, bessere Saison als wir. Sie können noch Deutscher Meister werden, auch Pokalsieger und sogar ein historisches Triple gewinnen“, sagte Klopp.

Da ist er wieder, der Menschenfänger, gar nicht Kaiser oder König, wie er da in der Pressekonferenz sitzt, sondern nur allzu bodenständig, im dunkelblauen Kapuzenpulli und mit Vollbart. „Weil die B1 nicht zu war, waren wir früher da. Und ich konnte die 20 Minuten mehr Zeit nutzen, um mich sehr nett zu unterhalten“, erzählte Klopp. BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke „hat uns ja einen Verhaltenskodex mitgegeben. Wäre schön, wenn die Leute, die ich morgen nicht mehr grüßen darf, ein Schild tragen würden.“ Watzke mahnt schon seit Tagen: „Wir sollten im Wettkampfmodus und nicht im Umarmungsmodus sein. Er will unsere Fans und unsere Mannschaft einlullen.“ Die Fans „sollten erst nach dem Spiel“ ihren einstigen Meistertrainer feiern.

Die Frage ist nur, ob man sich an Watzkes Wort halten wird. Thomas Tuchel (42), Klopps Trainernachfolger in Dortmund, glaubt an einen „warmherzigen Empfang. Aber vom Moment des Anpfiffs an will er gewinnen, das wollen wir auch.“ Schon in Mainz hatte Tuchel Klopp beerbt, deshalb ist es am Abend „das sechste Mal, dass ich ihn bei seinem alten Klub begrüßen darf“. Insofern weiß Tuchel um das Geschick seines Gegenübers im verbalen Vorgeplänkel. Klopps Feststellung, der BVB sei der Favorit, konterte Tuchel gekonnt: „Er hat schon vor jedem Spiel mit Dortmund in Mainz gesagt, dass Mainz Favorit ist. Und Sie haben es jedes Mal geglaubt.“ Tatsächlich verlor Klopp nur eines von zehn Spielen (sieben Siege). Tuchel weiß: „Er gibt seinem Team diese Außenseiter-Rolle, um ihm zu einer gewissen Leichtigkeit und Handlungsschnelligkeit zu verhelfen.“ Alte Dortmunder Schule eben.

Die neue Dortmunder Schule kokettiert nicht mit irgendwelchen Bürden. Jedenfalls hat Tuchel die Goliath-Rolle nicht abgelehnt. Im Gegenteil: „Was wir jetzt sind, sind wir auch nur, weil Jürgen Klopp hier vorher Trainer war. Wir haben unsere Aufgabe immer darin gesehen, die Mannschaft weiterzuentwickeln und auf ein höheres Niveau zu heben“, sagte Tuchel. Stand jetzt, fast genau ein Jahr nach Klopps Ankündigung, den BVB zu verlassen, ist ihm das gelungen.

Und Klopp? Der hat bereits angekündigt: „Ich werde bei Toren auch jubeln.“ Bei Toren seiner Liverpooler, wohlgemerkt. „Das ganze Drumherum auszublenden, dürfte aber schwer werden. Selbst die Parkplatzwächter kenne ich noch. Das löst bei mir ein bisschen Stress aus, wie ich das handhaben soll“, offenbarte Klopp seine innersten Gedanken. Noch immer besitzt er drei BVB-Dauerkarten. „Mein Sohn nutzt sie und ist oft im Stadion. Ich habe diesen Ort geliebt, ich habe dort einige der besten Momente meines Lebens erlebt. Aber ich hasse den Hype, den es um meine Person geben wird“, offenbarte Klopp. Jenen Hype mit Livetickern im Internet von seiner Ankunft in Dortmund, mit der „Klopp-Cam“, die Sport1 während des Spiels einsetzen will. Oder mit den schwarz-gelben Bannern, die die Stadt Dortmund an drei Fußgängerbrücken aufgehängt hat: „Lieber Jürgen Klopp, zu Hause auf’m Platz sind Auswärtsniederlagen am besten.“ So viel zur Romantik.