Las Vegas

Arthur Abraham trainiert zwischen Hausfrau und Freefighter

Arthur Abraham verteidigt in Las Vegas seinen WBO-Titel. In den USA trainiert er bescheiden - und sein Trainer vermisst Rotkohl.

Arthur Abraham und sein Trainer Ulli Wegner beim Training auf der Hotelterrasse, hier sind sie noch ganz unter sich

Arthur Abraham und sein Trainer Ulli Wegner beim Training auf der Hotelterrasse, hier sind sie noch ganz unter sich

Foto: Björn Jensen / BM

Nur kurz schauen die schwitzenden Menschen auf, als der berühmte Gast aus Deutschland den Raum durchschreitet, dann schlagen sie weiter auf die Sandsäcke ein, angefeuert von einem gnadenlosen Trainer, der im Stil eines Drill Seargants seine Anweisungen bellt.

Arthur Abraham trainiert zwischen Hausfrau und FreefighterErst als nach getaner Trainingsarbeit doch ein paar der Hobbysportler um ein gemeinsames Foto mit Arthur Abraham bitten, wird deutlich, dass der Besuch eines Profiboxweltmeisters im Fight Capital Gym dann doch nicht alltäglich ist.

Ein ganz gewöhnliches Boxgym in der Glitzerstadt

Seit Abraham am vorvergangenen Sonntag in der Zockermetropole in der Wüste Nevadas eingeschwebt ist, um dort an diesem Sonnabend seinen WBO-WM-Titel im Supermittelgewicht gegen den Mexikaner Gilberto Ramirez zu verteidigen, ist das Kampfsportstudio etwas abseits der Glitzerwelt des Las Vegas Strips seine temporäre Heimat.

Jeden Nachmittag lässt sich der 36 Jahre alte Wahl-Berliner in Begleitung von Cheftrainer Ulli Wegner und Physiotherapeut Ralf Lewandowski von seinem Hotel „The Signature“ in den unscheinbaren Flachbau chauffieren, der von innen so riecht und aussieht, wie ein gewöhnliches Boxgym eben riecht und aussieht.

Sparingspartner ist perfekter Imitator

Dass der Champion sich die 21 Sandsäcke mit einer Mischung aus übergewichtigen Jugendlichen, drahtigen Hausfrauen und ambitionierten Freefightern teilen muss, stört ihn überhaupt nicht. „Ich kann mich sehr gut auf alle Begebenheiten einstellen. Es ist ein gutes Gym, wir haben hier alles, was wir brauchen“, sagt er.

Sogar ein erstklassiger Sparringspartner war dabei. Samy Anouche, ein 30 Jahre alter Franzose, den Trainer Wegner durch Internetrecherche entdeckt hatte, konnte den 189 Zentimeter langen, technisch und athletisch top ausgebildeten Rechtsausleger Ramirez perfekt imitieren. Am Montag schlugen sich beide zum Sparringsabschluss über vier Runden noch einmal sehr intensiv, ehe Wegner die Stabilisationsphase einläutete.

„Wäre schwer enttäuscht, wenn er den Kampf verlieren würde“

„Wir haben alles getan, was möglich war. Drei Wochen Höhentrainingslager in Bulgarien, danach die spezielle Arbeit in Kienbaum, und wenn der Kampf beginnt, hatte Arthur zwei Wochen Zeit, sich auf die neun Stunden Zeitunterschied einzustellen. Insofern wäre ich schwer enttäuscht, wenn er den Kampf verlieren würde“, sagt Trainerfuchs Wegner, der die morgendliche Tatzenarbeit am liebsten auf der Terrasse im kühlen Schatten der Hoteltürme absolviert.

In den verbleibenden Tagen will er im strategischen Bereich noch Abrahams Angriffsverhalten nach eigenen Treffern optimieren, „da muss er noch besser nachsetzen, die Beine mehr nutzen“. Ständige Wiederholungen zermürben zwar den nach Abwechslung lechzenden Boxer, doch der Coach, von Abraham immer wieder liebevoll als „Diktator“ beschimpft, bleibt hart.

Trainer vermisst die gute Mecklenburger Küche

Der 73-Jährige gibt sich aber natürlich alle Mühe, seinen Sportler bei Laune zu halten. Es wird viel geredet und gelacht, auch wenn Wegner selbst sich in den USA nicht wirklich wohlfühlt. Die Mentalität der Amerikaner möge er nicht sehr, außerdem fehle ihm die gute Mecklenburger Küche.

Im Juni 2008, als er mit Abraham zum ersten Mal in den USA – in Hollywood (Florida) gegen Edison Miranda – antrat, da aß er eine Woche lang nur Erbseneintopf, den er sich selbst aufwärmte. Jetzt gibt er sich immerhin mit Nudeln beim Italiener zufrieden. „Aber ein Schnitzel, Königsberger Klopse oder Rotkohl, das fehlt mir schon“, sagt er. Und dann ist da noch die Sprachbarriere. Englisch hat Wegner nie gelernt, doch mit seinem Charme kommt er mit allen irgendwie zurecht.

Nach dem Kampf eine Woche Urlaub in Las Vegas

Abraham ist da ähnlich. Als alle Fotos gemacht sind, verlässt er das Gym so unauffällig, wie er es betreten hatte. Die Sporttasche geschultert, ein Handtuch über den nass geschwitzten Glatz-kopf gelegt.

An diesem Donnerstag muss er noch die offizielle Pressekonferenz überstehen, am Freitag das Wiegen, dann ist die quälende Zeit der Vorbereitung vorbei. „Ich freue mich auf die Chance, als erster Deutscher in Las Vegas einen WM-Kampf zu gewinnen“, sagt er.

Nach dem Kampf will der gebürtige Armenier eine Woche in Las Vegas urlauben und die Stadt genießen. Im Fight Capital Gym werden sie dann wieder ohne ihn auskommen müssen.