Champions League

Gareth Bale - leiser Siegertyp an Reals schrillem Königshof

Gareth Bale hat im dritten Jahr bei Real Madrid seinen Platz gefunden. In Wolfsburg will der Waliser erneut den Unterschied machen.

Gareth Bale wechselte im Sommer 2013 von Tottenham Hotspur zu Real Madrid

Gareth Bale wechselte im Sommer 2013 von Tottenham Hotspur zu Real Madrid

Foto: Juan Medina / REUTERS

Barcelona.  Gareth Bale spricht immer noch kein Spanisch. Aber nett und höflich ist er, wenn er nach den Spielen zum Plausch vorbeikommt. Ganz der unkomplizierte Bursche, als den ihn Nahestehende beschreiben. Auch wenn er mal 100 Millionen Euro gekostet hat.

Man hat diesen Tag noch vor Augen, im Spätsommer 2013: die Präsentation im Estadio Santiago Bernabéu, das kindliche Gesicht mit der gegelten Tolle, der Satz, zu seinem Traumklub wäre er auch für einen Cent gekommen.

Ein naiver Satz, natürlich. So einfach ist das nicht, wenn einer der teuersten Fußballer aller Zeiten ist. 100 Millionen Euro. Das Etikett hat ihn lange beschwert, es drohte ihn zu erdrücken. Die Erwartungen, dazu: fremdes Land, fremde Sprache, fremder Fußball. Platzhirsch Cristiano Ronaldo.

„Ich fühlte mich ausgeschlossen“

Die erste Saison war noch aufregend, Bale überzeugte nicht regelmäßig, schoss aber entscheidende Tore in den Finals von Pokal und Champions League. Die zweite Saison war trist. „Ich fühlte mich ausgeschlossen“, sagte er im Blick zurück, denn das Martyrium ist jetzt vorbei: Gareth Bale aus Cardiff ist endlich angekommen in Madrid.

„Ich bin glücklich und genieße meinen Fußball“: Die Haare sind länger geworden, die Gesichtszüge markanter – und sein Spiel reifer, konkreter, irgendwie: spanischer. 15 Tore und 13 Assists in 22 Spielen hat er auf dem Konto.

In der gesamten Vorsaison waren es 17 und 12 aus 48. Aber es sind nicht nur die Zahlen, es ist auch die größere Einbindung ins Team, die neue Balance zwischen diesen urgewaltigen Sprints und den subtileren Aspekten des Fußballs.

Auch: das Gespür für die Momente einer Partie. Beim Clasico-Coup in Barcelona (2:1) legte er Ronaldo das Siegtor auf. Zuvor war ihm ein Kopfballtor fälschlicherweise aberkannt worden, sonst hätte er die Titelseiten geziert.

Transferpanne und Trainerwechsel

So bleibt es eine eher leise Erfolgsgeschichte, ungewöhnlich leise für den schrillen Königshof, wo die Glocken vor dem Champions-League-Viertelfinale am Mittwoch beim VfL Wolfsburg (20.45 Uhr, ZDF und Sky) süß klingen.

Der in den letzten Monaten aber auch übliche Krisen gesehen hat und noch mehr: Transferpanne, Pokalausschluss, Fifa-Sperre. Trainerwechsel von Benítez auf Zidane, Capricen bei Ronaldo, Erpressungsaffäre von Benzema.

Vielleicht war auch das ein Vorteil für Bale: dass er ein wenig unter dem Radar durchlief. Dass alles nicht sofort an ihm festgemacht wurde, wie in den Jahren zuvor, als er quasi täglich über seine taktische Unbedarftheit und mangelnde Implikation lesen durfte.

Als ihm Ronaldo mit abfälligen Handbewegungen vermeintlichen Egoismus vorhielt, als die Zuschauer murmelten und die Spötter lästerten, er habe zweifelsohne enorme athletische Begabungen, stehe aber nur auf dem Platz, weil der Gesichtsverlust für Präsident Florentino Pérez angesichts seiner Ablöse sonst zu groß wäre.

Als Abwanderungsgründe die Runde machten

Diese Saison ist Bale plötzlich: die Lösung. Wenn er mitmacht, erzielt die Mannschaft über drei Tore im Schnitt – ohne ihn sind es nur 2,3. Die sieben Punkte, die Real in der Rückrunde bisher verlor und die in der Meisterschaft auf Barcelona fehlen – allesamt in Partien, bei denen er verletzt aussetzte. Seit er zurück ist – nur Siege.

Es heißt, dass er das Leben in Spanien schon immer geschätzt hat. Im Job war es schwieriger, das Verhältnis zu Carlo Ancelotti, dem Trainer seiner ersten Jahre: überschaubar. Alles war auf Ronaldo ausgerichtet, Bale verlor das Vertrauen in sein Spiel.

Abwanderungsgerüchte machten die Runde. Besorgt trug Präsident Pérez dem neuen Trainer Benítez auf, den langfristig anvisierten Übergang in der Obergalaktischen-Rolle von Ronaldo (31) auf Bale (26) zu beschleunigen.

Als Zidane, ehemaliger Assistent Ancelottis, im Januar auf Benítez folgte, fürchtete Bale die Rückkehr zum Paria. Doch der Franzose eröffnete mit einem Liebesbeweis („Ich werde ihm alle Zuneigung geben, die er braucht“) und hat es vorerst geschafft, den vermeintlichen Antagonismus zwischen den Angriffsstars zu beenden.

Ronaldo hat erkannt, dass er für Titel einen starken Partner braucht. Und Bale kann ja sowieso noch nicht den Platzhirsch geben. Dafür muss er erst mal Spanisch sprechen.