Berlin –

Der Spätberufene

Mit 29 Jahren steht Spandau-Torwart Höhne bei der Olympia-Qualifikation der Wasserballer vor dem Karrierehöhepunkt

Berlin.  Am Donnerstag ist das deutsche Wasserballteam der Männer zur Olympia-Qualifikation nach Triest (Italien) aufgebrochen, wo ab Sonntag die letzten vier Rio-Tickets vergeben werden. Die jeweils vier Besten der zwei Sechsergruppen erreichen das Viertelfinale und spielen die Halbfinalisten aus, die mit der Runde der letzten Vier auch den Auftritt am Zuckerhut in der Tasche haben. Die Mannschaft von Bundestrainer Patrick Weissinger trifft in den Gruppenspielen zunächst auf Südafrika, Kasachstan, Spanien, die Niederlande und Italien.

Im 13-köpfigen deutschen Aufgebot stehen sieben Akteure von Rekordmeister Spandau 04. Einer davon ist Tim Höhne, den auch eingefleischte Berliner Fans nicht permanent in Aktion sehen, denn er ist der zweite Torwart der Hauptstädter hinter dem ungarischen Stammgoalie Laszlo Baksa. 29 Jahre alt ist der 1,92 Meter große Schlussmann mit der Kappennummer 13, das klingt nach reifem Sportleralter. Doch Höhne ist für die meisten Beobachter der Szene immer noch so etwas wie ein Neuling, ein ewig junger Nachwuchsmann, ein Aufstrebender, ein Talent und Zukunftsversprechen im Wasserball.

Das liegt daran, dass er oft in seinen Vereinen und in den Auswahlteams Leute vor sich hatte, die die Nummer eins beanspruchen durften. Höhne nahm dies stets klaglos hin. Mit Demut und Dauerbereitschaft, was ihn in Kombination mit dem zweifellos vorhandenen Torwarttalent immer wertvoller machte. Mit zehn Jahren begann er mit regelmäßigem Training, machte später am Coubertin-Sportgymnasium das Abitur. Wasserball lag ihm sozusagen im Blut, denn Vater Lutz war einst für Lok Schöneweide aktiv, der Opa sogar DDR-Nationalspieler.

Zur Saison 2010/2011 kam Tim zu Spandau 04, nachdem er zuvor bei der SG Neukölln (2002-2005) und dem SC Wedding (bis 2010) den Kasten gehütet hatte. Für die DSV-Juniorenauswahl bestritt er in jungen Jahren 64 Länderspiele, wurde 2006 in Oradea (Rumänien) EM-Siebter, 2007 in Long Beach (USA) WM-Achter. „Die 87er und 88er Jahrgänge waren eine gute Truppe damals. Heute ist das der Kern der Nationalmannschaft, und das macht gute Stimmung.“ Nach diesen Championaten aber übersahen ihn die Auswahl-Verantwortlichen trotz guter Klubauftritte geflissentlich, was wohl auch dem Außenseiter-Status der Vereine geschuldet war, für die er spielte.

Erst im Januar 2015 erhielt Höhne seine erste Berufung ins Nationalteam. Zehn Länderspiele hat er seitdem bestritten. Die Nominierung als zweiter Torwart in den Kader für die Olympiaqualifikation in Triest neben Roger Kong (Hannover) anstelle des bis dato stets vorgezogenen Duisburgers Moritz Schenkel wurde als Überraschung gewertet. Die, die den Keeper näher kennen, sehen das anders. „Dass ich genügsam bin, meine Motivation nicht verliere, sondern aus der Zugehörigkeit zum Team Energie ziehe, selbst, wenn ich nicht im Wasser bin, sind Faktoren, die für die Gesamtchemie in der Mannschaft eine wichtige Rolle spielen können“, sagt Höhne.

Seine schlimmste Zeit habe er unter Spandau-Trainer Andras Gyöngyösi erlebt, „der mir das Gefühl gegeben hat, dass ich nicht Teil der Mannschaft bin“. Das war für ihn „die größte Strafe“, damals sei er kurz davor gewesen, hinzuschmeißen und sofort aufzuhören. Dann übernahm Manager Peter Röhle als Interimscoach, und nun ist der Montenegriner (und Franzose) Petar Kovacevic der Verantwortliche. „Im Moment kann ich nicht klagen, es läuft gut für mich. Ich kann mich immer noch weiterentwickeln, habe Ziele, Ehrgeiz und Motivation. Mit der Qualifikation für Rio würde sich ein Traum erfüllen. Ich bekomme jetzt schon Gänsehaut, wenn ich mir vorstelle, wie ich mit meinen Spandauer Freunden ins Olympiastadion einmarschiere.“

Berliner studiert Elektrotechnik an der Beuth-Hochschule

Alles, was in seiner Macht stehe, werde er tun, um diesen Moment zu erleben. Schafft das Nationalteam die Qualifikation, gilt es danach, einen der beiden Torwartplätze in der Mannschaft zu behaupten. „Dafür bin ich guter Dinge – ich kann, ich will und ich werde das schaffen. Ich bin voller positiver Emotion. Ich habe gute Qualitäten im Wasser, aber nicht nur dort, sondern auch Drumherum“, sagt der Student der Elektrotechnik an der Beuth-Hochschule und lacht dabei so ansteckend, dass sich jeder Zweifel verbietet.