Berlin –

Und jetzt auf nach Sibirien

Neue Morgenpost-Serie über Berlins ungewöhnlichste Fans: Bernd Paul war schon 213 Mal mit den BR Volleys auf Reisen

Berlin.  Sonnabend spielt Bernd Pauls Sohn Thimo mit seinem Tischtennis-Team vom Charlottenburger TSV um die Berliner Pokalmeisterschaft. Paul hat diese Mannschaft mit aufgebaut, ist Abteilungsleiter im Verein. Sonnabend bestreiten die BR Volleys aber auch das Finalrückspiel im CEV-Pokal bei Gazprom-Ugra Surgut in Sibirien. Ein schwerer Terminkonflikt für Paul. Es dauerte Tage, bis sich der größte Fan der Volleys entschieden hatte: Auf nach Sibirien! „Dieses Spiel kann ich mir nicht entgehen lassen. Mein Sohn hat Verständnis, er kennt mich ja.“ Morgen hin, Sonntag zurück, insgesamt fast 7500 Flugkilometer. Kosten: 800 Euro. Reisende Volleys-Fans: Paul und ein Mitstreiter.

213 Auswärtsspiele vom SC Charlottenburg/BR Volleys hat der 62-Jährige gesehen, allein 31 Mal war er in Friedrichshafen. „Wegen der vielen Play-off-Spiele“, sagt Paul. Von Finnland bis in die Türkei, von Frankreich bis Nowosibirsk in Russland – Paul war immer dabei. Auswärtsspiel 214 soll mit dem ersten Europacuptitel der Vereinsgeschichte enden. Die Chancen stehen nicht schlecht nach dem 3:2 im Hinspiel in der Max-Schmeling-Halle.

Die Leidenschaft hat einiges mit einer Begegnung in einem kleinen Hotel in Dachau zu tun. Pauls erste Auswärtsfahrt, im Jahr 2002. Günter Trotz, damaliger Geschäftsführer des SCC, sagte zu Trainer Mirko Culic: „Ich möchte dir einen neuen Fan vorstellen.“ Culics Antwort hat Paul nicht vergessen: „Das freut mich. Gehen wir spazieren?“ 45 Minuten liefen beide durchs Industriegebiet beim Hotel. „Danach kannte ich seine ganze Lebensgeschichte“, sagt Paul. Später fuhr er im Mannschaftsbus mit zum Spiel, der SCC gewann im Play-off-Viertelfinale 3:1 beim ASV Dachau. Schon vor dem ersten Ball war es in Sachen Volleyball-Liebe „endgültig um mich geschehen“, sagt Paul. Vor allem wegen Culics Herzlichkeit.

Erstmals war er anderthalb Jahre vorher beim SCC gewesen. Paul ist wie Volleys-Manager Kaweh Niroomand in der IT-Branche tätig, beide kennen sich lange. „Komm doch mal zum Volleyball“, sagte Niroomand immer wieder. Im Jahr 2000 schaffte es Paul endlich, mit seiner Frau Astrid ein Heimspiel zu besuchen. An den Gegner kann er sich nicht mehr erinnern. Aber daran, dass ihn Athletik, Schnelligkeit und die Nähe zum Feld packten.

VIP-Raum mit Würstchen und Schrippen vom Supermarkt

Heimspiele in der Sömmeringhalle waren fortan feste Termine. Dann kam die Fahrt nach Dachau. Paul wuchs in die – seinerzeit noch sehr kleine – SCC-Familie hinein. Er lernte die Spieler kennen, spendierte das Buffet im VIP-Raum, Würstchen und Schrippen vom Supermarkt gegenüber. Später ließ er Platten von einem Caterer kommen. Schnell stieg er mit seiner Firma als Sponsor ein. Die Summe machte sich im Etat deutlich bemerkbar.

Als der SCC 2003 in Wuppertal erstmals nach zehn Jahren wieder Meister wurde, feierte Paul bis zum nächsten Morgen in einem griechischen Restaurant mit. Paul und der SCC – das war längst mehr als eine normale Verein-Fan-Beziehung. Und ist es bis heute.

Die Professionalisierung des Klubs mit Umbenennung und Umzug hat daran wenig geändert. Paul sieht darin vor allem Vorteile. Statt zehn Leute wie früher sind bei jedem Spiel in der Schmeling-Halle über 150 im Fanblock. Viele sind durch Paul zum Volleyball gekommen. Am Aufbau des Fanclubs „7. Mann“ war er zusammen mit Günter Trotz maßgeblich beteiligt. Inzwischen bestehen enge Freundschaften zu Anhängern anderer Vereine, beim „Moskitos Fanclub Düren“ ist er Ehrenmitglied. Einen „angenehm Verrückten“ nennt ihn der ehemalige SCC-Geschäftsführer Trotz.

Block D, Reihe 5, Platz 9 ist Pauls Stammplatz bei Heimspielen. Er hat eine feste Ausrüstung: Turnschuhe, schwarze Jogginghose, Schal, Shirt und Basecap. Läuft es nicht, nimmt er Schal und Cap ab: „Dann dreht sich das Spiel“, sagt Paul. Pause. „Glaube ich zumindest.“ Und wenn nicht? „Dann setze ich die Sachen wieder auf.“

Bei Mannschaftsfeiern ist er eingeladen, zu vielen ehemaligen Spielern hält er Kontakt. Teilweise auch zu deren Eltern. Als Außenangreifer Scott Touzinsky den Verein 2015 verließ, schenkte er Paul ein Trikot mit der Widmung: „Für den besten Fan der Welt.“ Bei seinem 200. Auswärtsspiel überreichte ihm die Mannschaft in Düren auf dem Parkett Geschenke. Paul verdrückte eine Träne.

Eine solche Nähe wäre im Fußball, wo zum Teil ihrem Team hinterher reisen, kaum möglich. Paul war über ein Dutzend Mal im Europapokal auswärts der einzige Berliner Fan. Anfangs war es ein komisches Gefühl, allein hinter dem Banner mit der Aufschrift „7. Mann on Tour“. Mit der Rassel in der Hand, seinem Markenzeichen: „Wenn du das erste Mal rasselst, guckt die ganze Halle. Ab dem zweiten Mal ist es egal.“ Manchmal gibt es sogar Applaus von den Zuschauern des Gegners. So wie in Trento (Italien), als Paul in einem Moment völliger Stille laut „BRV“ rief. Da waren sie zu zweit angereist. In Ljubljana (Slowenien) „waren wir sogar 13“.

Im Garten seines Hauses in Staaken fällt sofort die Papiertonne im Volleys-Design auf. Die wahren Schätze finden sich in einer Vitrine im Keller: Zum Beispiel ein goldener Ball als Präsent zum 150. Auswärtsspiel, mit den Spielterminen, alle handschriftlich vermerkt. Daneben steht ein Fotobuch über Ex-Trainer Mark Lebedew, angefertigt von Paul und seiner Frau.

Die Wände im Keller sind recht kahl, „wir bauen derzeit um“, sagt Paul. Danach sollen seine wichtigsten Stücke wieder einen Ehrenplatz bekommen: die Medaillen von allen Erfolgen. Wenn der Verein etwas gewinnt – unter anderem fünf Meisterschaften, seit er dabei ist – bekommt Paul auch eine Medaille. Bald soll die für den Sieg im CEV-Cup dazukommen.