Hamburg –

Es begann in Altona

Wie in Hamburg aus Jonathan Tah ein Profiauf dem Sprung zum Nationalspieler wurde

Hamburg.  Die alten Flutlichtmasten an der Adolf-Jäger-Kampfbahn leuchten im Abendnebel. Jürgen Trapp steht etwas verträumt am Rande der legendären Sportanlage an der Griegstraße. In wenigen Minuten beginnt sein Training mit der Kreisligamannschaft von Altona 93. Trapp, der Trainer, ist in Gedanken im Jahr 2000. Genauer gesagt denkt er an Jonathan Tah, den Abwehrspieler von Bayer Leverkusen, der am Sonnabend gegen England erstmals für die deutsche Nationalmannschaft spielen könnte. "Ich bin unheimlich stolz auf den Jungen", sagt Trapp.

Der 50-Jährige gilt als erster großer Förderer des kleinen Tah. Vor 16 Jahren hat er den Jungen in der F-Jugend von Altona 93 das erste Mal trainiert. Heute ist dieser Tah 20 Jahre alt und der erste Nationalspieler aus Hamburg seit Max Kruse. "Dass es so schnell geht, hätte ich mir nicht mal erträumen können", sagt Tah. Bundestrainer Joachim Löw kündigte an, Tah entweder gegen England oder am Dienstag in München gegen Italien von Beginn an aufzustellen. Spricht man mit den früheren Wegbegleitern des Supertalents, war dieser Moment nur eine Frage der Zeit. "Ich habe schnell gesehen, das wird einer, den gebe ich nicht wieder her", sagt Trapp. Fast neun Jahre trainierte er Tah in Altona, ehe er ihn dann doch Richtung HSV ziehen lassen musste.

Er musste erst lernen, auf dem Platz seinen Mund aufzumachen

Aufgefallen war Tah bereits in seinem Kindergarten. Die Schwester des heutigen HSV-Nachwuchskoordinators Sebastian Harms entdeckte das Talent und schickte den Jungen in die Spielgruppe von Altona 93. "Schon damals ist er durch seine irre Dynamik und sein Kopfballspiel aufgefallen", sagt Trapp.

Auch der HSV wurde schnell auf Tah aufmerksam. Der damalige Jugendscout Mete Öztunali, Schwiegersohn von Klublegende Uwe Seeler, stellte schon früh Kontakt zu Altona 93 her. Gemeinsam mit der Familie (Mutter Deutsche, Vater Ivorer) entschied man, Tah in seinem Altonaer Umfeld aufwachsen zu lassen. Erst 2009, im Alter 14 Jahren, wechselte er von Altona 93 zum HSV.

Tah musste früh lernen, sich durchzusetzen und selbstständig zu leben. Trotz seiner Körpergröße – heute misst der Abwehrhüne 1,93 Meter – gehörte er in seinen Mannschaften immer zu den Jüngsten. Mit 15 Jahren nominierte ihn der ehemalige HSV-Jugendtrainer Torsten Fröhling bereits für die U17-Mannschaft. "Man konnte erkennen, dass er etwas Außergewöhnliches hat", sagt Fröhling. Er erinnert sich an einen Jungen, der "immer normal geblieben ist". Fast schon ein wenig zu normal. "Er musste lernen, auf dem Platz seinen Mund aufzumachen und seine Mitspieler zu coachen", erzählt Fröhling.

Noch gut in Erinnerung ist ihm der Vormittag im August 2011, als Tah beim 2:0-Sieg bei RB Leipzig in seinem zweiten Spiel sein erstes Tor für die U17 machte. Das zweite Tor erzielte Levin Öztunali, der Enkel von Uwe Seeler, neben Tah das wohl größte Talent der HSV-Jugend in den vergangenen Jahren. "Beide Jungs waren etwas Besonderes, sowohl fußballerisch als auch menschlich", sagt Fröhling.

Heute eint Tah und Öztunali nicht nur ihre gemeinsame Vergangenheit beim HSV, sondern auch ihre Zugehörigkeit zu Bayer Leverkusen. Aus unterschiedlichen Gründen gelang es dem HSV nicht, die beiden Talente langfristig an sich zu binden. Zwei Verluste, die dem Verein jetzt wehtun. Für Tah bekam der HSV im vergangenen Sommer zwar acht Millionen Euro. Doch sein Marktwert dürfte sich in naher Zukunft bereits mehr als verdoppeln.

Das wussten auch die Berater, die sich schon in jungen Jahren um Tah stritten. In seinem ersten Jahr bei den HSV-Profis wechselte Tah dreimal seinen Agenten. "Jonathan musste viele äußere Einflüsse aushalten, das war nicht einfach. Aber er ist immer ruhig geblieben", sagt Fröhling.

Wenn Jonathan Tah möglicherweise schon am Sonnabend gegen England sein Debüt in der deutschen A-Nationalmannschaft gibt, wird seine Karriere ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht haben. Jürgen Trapp, sein erster Förderer bei Altona 93, wird sich das Spiel in jedem Fall vor dem Fernseher in Hamburg anschauen und sich an den kleinen Tah von damals erinnern.

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