Schwimmen

Junge Syrerin und ihr großer Traum von Olympia

Vor fünf Monaten floh Yusra Mardini von Syrien nach Berlin. Nun hofft sie, in Rio an den Olympischen Spielen teilzunehmen.

In ihrem Element: Yusra Mardini nimmt Schwung in ein neues Leben. Und für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro

In ihrem Element: Yusra Mardini nimmt Schwung in ein neues Leben. Und für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro

Foto: Alexander Hassenstein / Getty Images for IOC

Am Anfang scheint es, als sei diese junge Frau für das riesige Interesse überhaupt nicht geschaffen. Mehr als 100 Journalisten haben sich angemeldet, um Yusra Mardini zu sehen und ihre Geschichte zu hören. Eine zierliche 18-jährige Syrerin, die im September mit ihrer älteren Schwester Sara nach einer wahren Odyssee in Berlin gelandet ist.

Die hier den Wunsch äußerte, einen Verein für sie zu finden, der mit den Wasserfreunden Spandau bald gefunden war. Und die nun, kaum dem Krieg in ihrer Heimat entkommen, unverhofft vor der Erfüllung ihres Traumes steht: im August bei den Olympischen Spielen in Rio zu starten.

Österreicher wollten ihr Teddybären schenken

Yusra Mardini betritt mit ihrem Trainer Sven Spannekrebs die Bühne des Coubertin-Saales beim Landessportbund Berlin. Schnell wird klar: Sie ist weder scheu noch zerbrechlich. Die junge Frau, die eine eigene Facebook-Fanpage hat, über Instagram kommuniziert, Markenklamotten mag und Ohrringe trägt, genau wie junge Europäerinnen, wird in den folgenden zwei Stunden geduldig immer wieder erzählen, wie sie aus Damaskus über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich nach Deutschland kam. Fröhlich lachend erinnert sie sich an die netten Menschen in Wien, die sie immerfort drücken und ihr Teddybären schenken wollten. Fast überall seien die Menschen freundlich gewesen. Sie ist sehr selbstbewusst. Ihr fließendes Englisch und wie sie sich auszudrücken versteht, lassen vermuten, dass es ihr in ihrer Heimat gut gegangen ist. Bevor der Krieg alles zerstörte. Auch ihr Zuhause.

Natürlich fehlt nicht die Geschichte von der dramatischen Flucht über die Ägäis. Das Boot mit den 20 Insassen drohte zu sinken. Weil Sara und Yusra zur syrischen Schwimm-Nationalmannschaft gehörten, konnten sie es bis in den Hafen von Lesbos schieben und ziehen. Das Schlimmste war verhindert, niemand ertrank. Was ihr durch den Kopf schwirrt, wenn sie sich daran erinnert? „Weil ich Schwimmerin bin“, antwortet sie, „lebe ich noch.“ Ach ja, auch dies: „Das Wasser war sehr kalt.“ Jetzt lacht sie wieder.

Die Familie ist inzwischen wieder vereint

Vieles hat sich zum Positiven gewendet, seit Vater Ezzat sie und Sara auf die gefährliche Reise schickte. Inzwischen sind er, die Mutter und die jüngere Schwester in Berlin, die Familie ist also vereint. Nicht ganz, die drei leben in einer Flüchtlingsunterkunft, während die Schwestern ein Zimmer bei den Wasserfreunden bezogen. Anders ließe sich Yusras Leben gar nicht führen. Um sieben Uhr steht sie auf, frühstückt. Danach folgen zwei bis drei Stunden in der Poelchau-Eliteschule, zwei Stunden Training, 45 Minuten Mittagspause, noch einmal Schule, die nächste Trainingseinheit. Dann ist der Tag schon vorbei. „Sie ist ein Vorbild“, sagt Coach Sven Spannekrebs, „immer sehr fokussiert. Yusra hat Ziele. Dafür gibt sie alles. Und sie gibt niemals auf.“

Die Ziele haben sich schlagartig verändert. Eigentlich war die Überlegung, die Olympischen Spiele 2020 in Tokio in Angriff zu nehmen. Doch die Geschichte von Yusra Mardini sprach sich herum – bis hinauf zum Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Dort wurde die Entscheidung gefällt, angesichts der 60 Millionen Flüchtlinge weltweit, bereits in Rio ein „Team der Refugees“ unter der IOC-Fahne an den Start zu schicken. Sie werden im olympischen Dorf wohnen. Fünf bis zehn Athleten und Athletinnen sollen dazugehören. Aktuell stehen 43 Menschen auf einer Liste, die infrage kommen. Yusra Mardini steht auch drauf.

Ihre Bestzeit muss sie um acht Sekunden steigern

Noch ist sie nicht qualifiziert. Die Zeit, die sie über 200 Meter Freistil erreichen muss, ist 2:03 Minuten. Ihre Bestzeit, die sie in Deutschland schon mehrfach verbessert hat, liegt bei 2:11 Minuten. Acht Sekunden sind im Schwimmen über diese Distanz immer noch eine kleine Ewigkeit. Wenigstens nah herankommen muss sie an den Richtwert, dann wird das IOC sie sicher nominieren. Eine bessere Botschafterin kann es nicht geben.

„Ich werde alles versuchen, will Teil der Olympischen Spielen werden und möchte die anderen Flüchtlinge stolz auf mich machen“, sagt Yusra Mardini, „ich möchte ihnen Mut machen, dass wir Großes erreichen können, auch wenn wir aus schweren Situationen gekommen sind.“ Besser kann kein Funktionär formulieren, wofür die Aktion gedacht ist, abgesehen davon natürlich, dass es dem Sport ganz gut tut, nach so vielen negativen Schlagzeilen wieder ein paar positive zu schreiben.

Ihr Idol ist Michael Phelps – ein Olympiasieger

Vor ein paar Tagen ist sie 18 geworden, hat mit ihren neuen Freundinnen aus dem Team der Wasserfreunde gefeiert. Seit 15 Jahren schwimmt sie jetzt, fast ihr ganzes Leben. Ihr Idol ist Michael Phelps, der 18-malige Olympiasieger, im Schwimmen, natürlich. Kann sie sich vorstellen, später einmal für Deutschland zu starten? „Vielleicht baue ich mir hier meine Zukunft auf“, sagt sie, „und wenn ich dann eine alte Dame bin, kehre ich vielleicht nach Syrien zurück, um meine Erfahrungen weiterzugeben. Aber es ist für mich nicht wichtig, deutsch oder syrisch zu sein. Wichtig ist, im Wasser zu sein.“