Formel Eins

Die wichtigsten Fragen vor der neuen Saison

Kann Sebastian Vettel wieder siegen? Und wieviel Unordnung bringt der neue Qualifikationsmodus? Der Start verspricht viel Spannung.

Auch dieses Jahr ein interessanter Zweikampf: Sebastian Vettel im Ferrari vor Weltmeister Lewis Hamilton bei Testfahrtenn in Barcelona

Auch dieses Jahr ein interessanter Zweikampf: Sebastian Vettel im Ferrari vor Weltmeister Lewis Hamilton bei Testfahrtenn in Barcelona

Foto: ALBERT GEA / REUTERS

Melbourne.  Längst ist es Ritual geworden für Sebastian Vettel, vorm Saisonstart der Formel 1 den Kosenamen seines Dienstwagens zu präsentieren. Margherita nennen sie diesmal den Ferrari, den der Deutsche am Sonntag (6 Uhr, RTL und Sky) erstmals in einem Rennen chauffiert. Das klingt seriös wie „Eva“ im Vorjahr und erneut langweiliger als „Kinky Kylie“ oder „Randy Mandy“, mit denen Vettel einst bei Red Bull Weltmeister wurde.

Was viele verwundert, geht es für die Scuderia doch darum, nach zwei Jahren totaler Mercedes-Dominanz die Langeweile aus der kriselnden Königsklasse zu verteiben. „Ganz sicher ist unser Ziel, die Wende herbeizuführen“, versicherte Vettel denn auch nach Ankunft in Australien und erklärte den Namenansatz genauer.

Es ist weder eine Hommage an die Pizza, noch ein Cocktail, wie Vettels Ex-Kollege Daniel Ricciardo lästerte. „Margherita war eine italienische Königin (Ende des 19. Jahrhunderts, d.Red.)“, sagte Vettel: „Und wir hoffen, dass wir dem Auto am Ende auch eine Krone aufsetzen können.“

Unterschiedliche Fahrersituation

Die Wintertests gaben Anlass zur Hoffnung, allerdings wurden die Bestzeiten in Barcelona auf weicheren Reifen erzielt, als sie Mercedes dort aufgezogen hatte. Und zu oft schon waren die Roten bei den Generalproben stark und fielen dann in der Premiere ab.

„Vorstandszeiten“ werden glanzvolle Testergebnisse genannt, da sie Ruhe im eigenen Lager schaffen. Immerhin traut Titelverteidiger Lewis Hamilton seinem Rivalen Vettel inzwischen mehr zu als die drei Siege aus dem Vorjahr. „Sie haben etwas in der Hinterhand“, munkelte der Brite am Donnerstag in Melbourne.

Der größte sichtbare Unterschied zwischen den beiden Topteams liegt bislang in der Fahrersituation. Bei den Silbernen will Hamilton den Hattrick im Mercedes (und den vierten Titel der Karriere), während Nico Rosberg endlich erstmals Champion sein will.

Beide gehen mit ausreichend Selbstvertrauen ins neue Rennjahr: Hamilton mangelte es daran sowieso nie, und der Wiesbadener will den Schwung aus seiner tollen Spätform von 2015 (Siege in den letzten drei Rennen) mitnehmen. Die Rivalität innerhalb des Teams sehen die Konkurrenten als eine Chance, dass die Weltmeister instabil werden könnten.

Diese Probleme wird Ferrari mit Sicherheit nicht bekommen. Denn Vettel ist dort – wenn auch nicht expressis verbis – die Nummer eins, und dem Heppenheimer werden (fast) alle Wünsche erfüllt.

Er wusste auch genau, warum er sich im Vorjahr für einen Verbleib Kimi Räikkönens stark machte: Der Finne ist ein Schönwetterpliot, der in einem Topauto Glanzleistungen bringen kann, aber kein Pusher, wenn es einmal nicht nach Plan läuft.

Vettel hatte ihn stets „im Griff“ und 2016 wird nun die letzte Saison Räikkönens sein, und je nach Ergebnis wird die Nachfolgediskussion einsetzen – eine Aussicht, die dann auch Unruhe bei Ferrari auslösen könnte.

Immerhin wird es bei den Italienern sonst kaum Störfunk geben: Fiat-Boss Sergio Marchionne hat großes Vertrauen in den von ihm eingesetzten Teamchef Maurizio Arrivabene, der nach der überraschenden Bestellung den Turnaround mit Vettel geschafft hat.

Doch die Überraschungssiege von 2015 verpflichten: Marchionne und die Fans wollen mehr. Ferrari also ein Titelkandidat? Nach einzelnen Runden in den Tests sah es ein wenig danach aus, doch ein Grand Prix führt über 305 Kilometer, und die Konstanz von Mercedes muss erst einmal erreicht werden.

Fahrer müssen in dieser Saison wieder mehr selbst entscheiden

Zumal viel Neues auf die Teams einprasselt. Am Sonnabend (7 Uhr MEZ) feiert ein neuer Qualifikationsmodus Premiere, bei dem in allen drei Abschnitten jeweils nach rund der Hälfte der Zeit alle 90 Sekunden der langsamste Fahrer ausscheidet - was insbesondere am Anfang Hektik garantiert.

Erst recht, wenn auch noch Regen hinzukommt. „Es kann viele Fehlentscheidungen geben, weil niemand Erfahrungswerte hat“, unkt Force-India-Pilot Sergio Perez. Kritisch äußert sich Mercedes-Aufsichtsrat Niki Lauda über die Qualifikation: „Die ist idiotisch.“

Auch kann die größere Auswahl an Reifenmischungen (nun drei pro Wochenende statt bisher zwei) Turbulenzen im Rennverlauf verursachen – vor allem deshalb, weil sich die Teams mehrere Wochen vor dem jeweiligen Rennen beim Weltverband Fia auf die drei Sorten Trockenreifen festlegen müssen.

Und dann wird auch noch die Fernsteuerung aus der Box stark eingeschränkt. Das Team darf dem Fahrer nicht mehr mitteilen, welche Reifen er beim Stopp erhält. Auch Informationen über den Benzinverbrauch und die Motoreinstellungen sind verboten.

Die Fahrer müssen selbst dafür sorgen, dass sie mit ihren 100 Kilogramm Benzin das Rennen absolvieren können. Anweisungen vom Renningenieur dürfen nun lediglich im Fall einer tatsächlichen Gefahr kommen, um Schäden und Unfälle zu vermeiden.

„Ich finde, das ist eine schöne Herausforderung“, sagte Mercedes-Pilot Nico Rosberg: „Die Fahrer sind nicht ferngesteuert, sondern auf sich alleine gestellt.“ Auch Force-India-Fahrer Nico Hülkenberg freut sieht über „viel mehr Verantwortung für die Fahrer. Ich finde das spannend. Der Fahrer spielt eine große Rolle, wir müssen das Rennen selbst managen“.

Williams und Force India brilllierten in der Vorbereitung

Ob das alles mehr Spektakel bringt und so den Rückgang des Zuschauerinteresses stoppen kann, wird sich erst zeigen müssen. „Die TV-Quote lebt ganz maßgeblich von der Spannung. Und wir sind optimistisch, dass die in dieser Saison deutlich steigt“, sagte RTL-Sportchef Manfred Loppe.

Auch hinter den Topteams? Überraschungen im Vorderfeld sind am ehesten dem Vorjahresdritten Williams und Force India mit Nico Hülkenberg (und beide mit Mercedes-Motor) zuzutrauen, die in der Vorbereitung brillierten.

Allerdings lenkten Letztere zuletzt Sorgen um Mitbesitzer Vijay Mallya ab, der ins Visier indischer Gerichte geriet. Red Bull wird trotz Verbesserung des Renault-Antriebs weiter auf den fünften WM-Titel warten müssen. Auf Renault wartet nach der Rückkehr durch die Übernahme von Lotus nur ein Übergangsjahr.