Motorradsport

„Ich führe ein priviligiertes Leben – und will es behalten“

MotoGP-Pilot Stefan Bradl aus Zahling spricht über den Start der Motorrad-WM in Katar und das Ende der Ausreden.

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Berlin.  Beim Nachtrennen in Katar beginnt am Sonntag die Motorrad-WM mit fünf deutschen Piloten in den drei Klassen (Start 16, 17.20 und 19 Uhr, Eurosport), in der Königsklasse MotoGP startet mit Stefan Bradl (26) aus Zahling aber wieder nur ein Deutscher.

Berliner Morgenpost: Herr Bradl, bei einer Wahl der schönsten Rennmaschine hätte ihre Aprilia gute Chancen auf einen Podestplatz. Wie weit sind Sie auf der Piste davon entfernt, nachdem Sie beim letzten Test Langsamster waren.

Stefan Bradl: So weit, wie Deutschland von Katar entfernt liegt. Das Motorrad ist komplett neu, jedes Schräubchen. Uns fehlen sechs Testtage zur Konkurrenz, die ihre Motorräder nur weiterentwickeln musste. Das macht aber nichts, denn das Motorrad ist schon jetzt deutlich besser als im Vorjahr. Ein kleiner Vorteil könnte werden, dass der Spielraum für Verbesserungen an einem neuen Motorrad dann etwas größer ist.

Viel Zeit, die angestrebten Top-Ten-Plätze zu erreichen, werden Sie und Kollege Alvaro Bautista aber nicht bekommen. Wann endet der Welpenschutz?

Die Saison beginnt außerhalb Europas (Katar, Argentinien, USA, d.R.). Ende April steht Jerez auf dem Programm. Da wollen wir sicher in die Punkte fahren.

„MotoGP ist die Krone im Motorradsport“

Ihr Fahrervertrag läuft am Saisonende 2016 aus. Wie hoch ist der Leistungsdruck?

Der ist immer gleich hoch. MotoGP ist die Krone im Motorradsport. Es gibt momentan 24 Fahrerplätze, aber wahrscheinlich 100 Interessenten. Und man darf nicht vergessen, dass wir ein wirklich privilegiertes Sportlerleben führen. Das will man behalten.

Wie viel Druck können Sie im Kopf kompensieren, und wie viel kann man nur auf der Strecke abbauen?

Man muss ehrlich zu sich selbst sein, dann kann man im Vorfeld eines Rennens im Kopf an einer persönlichen Strategie arbeiten. Da hilft Erfahrung, weil man dann die Umstände um einen herum ganz gut einordnen kann. Das gilt für Dinge rund ums Motorrad als auch für die eigene Person.

Sind Sie immer ehrlich zu sich selbst?

Wenn es gut läuft: sofort. Ansonsten spätestens am Tag nach dem Rennen. Außerdem macht die moderne Technik mit TV-Bildern oder Datenaufzeichnungen Ausreden ziemlich unmöglich.

2015 endete die WM mit einem Eklat, als Valentino Rossi beim Finale in Valencia aus der letzten Startreihe starten musste. Vorausgegangen waren Scharmützel mit dem Spanier Marc Marquez. Fürchten Sie eine Fortsetzung des Kampfes?

Beide werden sich auf ihren Job konzentrieren. Das Valencia-Finale war kein schöner Abschluss für diese Megasaison. Obwohl alle Fahrer Rossi keine Steine beim Überholen in den Weg legten, bis er Vierter war, konnte er zu keiner Sekunde wirklich um den Titel kämpfen. Jorge Lorenzo, Marquez und Dani Pedrosa waren vorn schon zu weit weg. Das soll nicht heißen, dass Lorenzo nicht ein würdiger Champion ist.

Die MotoGP erreichte mit ihren vielen Überholmanövern in Deutschland ein Zuschauerplus, die Formel 1 schreibt Verluste.

Das darf man aber nicht überbewerten. Die Formel 1 thront weiter deutlich über allen anderen Motorsportarten. Trotzdem freue ich mich über unseren Aufschwung.

Wie viel Anteil haben Sie daran?

Nur ein paar Prozent. Ich habe ja mitten in der Saison das Team wechseln müssen und einige Rennen verpasst, aus Sicht der Fans konnte ich nicht so viel reißen. Die Rennen aller Klassen waren eng, Jonas Folger hat als Deutscher in der Moto2 zwei Grands Prix gewonnen. Sandro Cortese holte in der Moto2 Podestplätze und Philipp Oettl in der Moto3. Die standen also eher im Mittelpunkt als ich. Und vor allem: Die sensationelle Leistung von Valentino Rossi in seiner 20. WM-Saison.

„Kein Unterschied, ob der Gegner aus Deutschland kommt“

Jonas Folger ist erst 23 Jahre alt. Ihm wird der baldige Sprung in die MotoGP zugetraut. Für Sie ein Grund sich zu freuen?

Jonas ist schnell, kann kämpfen und hat ganz sicher noch viel Potenzial. Für mich macht es aber keinen Unterschied, ob ein Gegner aus Deutschland kommt oder nicht. Mein Ziel muss immer sein, ihn zu bezwingen. Das wäre bei Jonas nicht anders. Gönnen würde ich ihm den Aufstieg, genau wie Sandro Cortese.

Was ist für Sie mit einem echten MotoGP-Motorrad (die zuvor eingesetzte Aprilia war ein verbessertes Superbike, d.R.) 2016 denn erreichbar?

Auf ein Rennen begrenzt: Ein Platz unter den besten Fünf. Auf die ganze Saison gesehen: Ein Top-Ten-Platz.

Und wer wird Champion?

Wenn ich mich unbedingt festlegen muss (zögert): Jorge Lorenzo.