München –

Wundersame Bayern

Foto: Alexander Hassenstein / Bongarts/Getty Images

München.  Was für ein Comeback, was für ein Fight des FC Bayern München. Nach einem der spannendsten Europacup-Spiele der vergangenen Jahre erreichte das Team von Pep Guardiola doch noch das Viertelfinale der Champions League. 4:2 (2:2, 0:2) nach Verlängerung gegen Juventus Turin: ein unglaublicher Kraftakt, vielleicht ein Meilenstein auf dem Weg zum Titel. Wer weiß? Nach diesem Nervenkrimi ist den Bayern alles zuzutrauen.

Lange sahen sie wie der sichere Verlierer aus, bezwungen und gedemütigt von Juventus, das mit einer Klasseleistung Bayern nach dem 2:2 vom Hinspiel in Turin in die Seile drückte, lediglich auf den Knockout, das 3:0 schielte. Doch das Aus im Achtelfinale vor Augen drängten und drückten die Bayern, angeführt vom überragenden Arturo Vidal, und erzwangen in der ersten Minute der Nachspielzeit durch Thomas Müllers Kopfballtreffer die Verlängerung. 2:2. Wie im Hinspiel.

Frühjahrs-Depression gerade eben noch verhindert

Und so konnten die Bayern gerade noch eine Frühjahrs-Depression vermeiden. Mit einer Pleite gestern Abend gegen Juventus Turin wäre der negative Höhepunkt der „Pep-Ära“ erreicht worden, zuletzt war eine Bayern-Mannschaft 2011 in einem Champions-League-Achtelfinale ausgeschieden, damals mit 2:3 gegen Inter Mailand.

Im Hinspiel hatte man laut Guardiola noch „eines der besten Spiele meiner Karriere als Trainer gesehen“ von seiner Mannschaft. Der Ertrag, das 2:2 nach 0:2, war dürftig, aber eine gute Ausgangsposition. Juventus mit Coach Massimiliano Allegri überrumpelte die Bayern mit aggressivem Pressing. Nur hinten reinstellen und abwarten? Von wegen, sie attackierten früh. Schlauer Plan. Und dann half Bayern auch noch. Nach sechs Minuten patzte David Alaba, der einen Ball falsch einschätzte. Konfusion im Bayern-Strafraum, Manuel Neuer verließ seine zentrale Position, so konnte Paul Pogba nach Querpass von Stephan Lichtsteiner locker einschieben – das 0:1. Genau dies durfte nicht passieren: früher Rückstand.

Die Bayern danach angeknockt, agierten hektisch, teils fahrig, in jedem Fall: zu ungenau. Schnellstmöglich wollten sie den Ausgleich. Juve zog sich zurück, nun konnten die Italiener ihren Stiefel runterspielen. Missverständnisse, Abspielfehler – Bayern wurde noch nervöser. Sie spielten jetzt nicht nur gegen Juve, sondern auch gegen die Zeit. In Minute 28 der nächste Schock. Mandzukic-Ersatz Alvaro Morata spielte sich durch das gesamte Bayern-Mittelfeld, ließ alle stehen, passte zu Juan Cuadrado, der den Ball zum 0:2 (28.) verwandelte. Keine Grätsche, kein taktisches Foul – wie Schuljungen sahen die Bayern-Profis aus. „Wir haben sie durch unsere Fehler 2:0 nach vorn gebracht“, klagte Neuer.

Trainer Guardiola wechselt genau die richtigen Spieler ein

Es wurde hektisch. Dass eine Guardiola-Mannschaft einmal über den Kampf zum Spiel kommen musste, hätte man nie erwartet. Pause – und die wichtigste Kabinenansprache in Guardiolas Bayern-Zeit. Noch besserte sich nichts. Zeitweise spielte Juve, organisiert von einem überragenden Pogba, die Münchner her als wäre dies eine andere Liga, ein Klassenunterschied. Schneller, fitter, taktisch clever. Ein Debakel für Bayern. Nur: Juve vergaß, das 3:0 zu machen.

Denn nach 73 Minuten traf Robert Lewandowski per Kopf nach Costa-Flanke, das 1:2. Nun begann ein Powerplay, ein Spiel auf Luigi Buffons Tor. Das Aufbäumen belohnte Müller mit seinem Kopfballtor zum 2:2 in der Nachspielzeit. In der Verlängerung belauerte man sich lange, bis der in Minute 100 eingewechselte Thiago zum 3:2 traf (109.) traf. Kingsley Coman vollendete kühl einen Konter zum 4:2. Am Ende hat Pep Guardiola doch alles richtig gemacht. Vor allem mit seinen Einwechslungen Bernat, Coman und Thiago. Neuer meinte: „Die Mannschaft, die den besseren Fußball spielt, ist weitergekommen.“