Biathlon

Warum Laura Dahlmeier die neue Magdalena Neuer ist

Im Massenstart holt die 22-Jährige mit Silber ihre fünfte Medaille im fünften Rennen. Ihre Bilanz am Holmenkollen ist herausragend.

Laura Dahlmeier präsentiert alle ihre fünf Medaillen nach dem Massenstart in Oslo

Laura Dahlmeier präsentiert alle ihre fünf Medaillen nach dem Massenstart in Oslo

Foto: Vegard Wivestad Grott / dpa

Oslo.  Gerald Hönig musste sich eine Freudenträne wegwischen. „Einfach nur toll, das Mädchen“, sagte der Frauen-Bundestrainer und schüttelte leicht den Kopf. Als könnte er sein Glück kaum fassen.

Soeben hatte Biathletin Laura Dahlmeier im Massenstart-Rennen über 12,5 Kilometer die Finnin Kaisa Mäkäräinen beim Zielsprint bezwungen und mit Silber ihre insgesamt fünfte WM-Medaille in Oslo gesichert. Nur die als Einzige fehlerlos schießende Siegerin Marie Dorin Habert aus Frankreich (sechs WM-Medaillen) war noch erfolgreicher.

„Ein großer Traum ist wahr geworden. Einfach phänomenal“, sagte Dahlmeier. „Meine Ski waren so unglaublich schnell. Ohne sie hätte ich Kaisa wohl nicht überholen können.“ Selbst hatte sich die 22-Jährige tags zuvor bewusst abgeschottet, nahezu alle Anfragen abgelehnt – und stattdessen die Stille in den verschneiten Wäldern gesucht.

Ein Rezept, das schon während der Saison aufging – wenn auch nicht ganz freiwillig. Dreimal hatte Dahlmeier krankheitsbedingt einen Weltcup auslassen müssen. Stets war sie umso stärker zurückgekommen. Auch diesmal gab ihr die Ruhe Kraft. Sehr zur Freude von Karin Orgeldinger. Die Sportdirektorin im Deutschen Skiverband (DSV) war zufrieden: „Wir konnten unsere Ziele erreichen und beweisen, dass wir eine gute Mannschaft beieinander haben.“ Sieben Medaillen in elf Wettbewerben sind mehr, als im Vorfeld ins Auge gefasst worden war.

Tiefpunkt von Sotschi brachte die Wende

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da stand die Zukunft des TV-Quotenrenners in den Sternen. Magdalena Neuner war 2012 zurückgetreten – mit ihr schien die Garantie auf Gold und Geld dahin. Das erste medaillenlose Abschneiden bei Olympia 2014 verstärkte die Befürchtung, in der Versenkung zu verschwinden. Hönig musste danach sogar kurz um seinen Job bangen.

Doch der Tiefpunkt von Sotschi avancierte zum Schlüsselerlebnis. Das Ende der Dauererfolge zwang die Verantwortlichen zum Umdenken. Alles kam auf den Prüfstand. Trainerteams wurden neu aufgestellt, Skitechniker und Physiotherapeuten ausgetauscht, frische Ideen und ein individuelleres, altersgerechtes Training eingeführt. Zudem forcierte der Verband die Verzahnung von Männer- und Frauenmannschaft.

„Wir sind enger zusammengerückt und haben viel Spaß zusammen“, beschreibt Hönig: „Das gab es vorher so nicht.“ Bereits ein Jahr nach der Sotschi-Pleite waren seine Frauen zurück in der Weltspitze. Zwei WM-Einzelmedaillen durch Laura Dahlmeier und Franziska Preuß sowie der Triumph mit der Staffel hatten für einen glänzenden Neuanfang im finnischen Kontiolahti gesorgt. Weil auch die Männer dank Erik Lesser und der Staffel Gold schürften, jubelte das Team über fünfmal Edelmetall.

Treffsicherheit von 90 Prozent

Dass die deutschen Skijäger nun auf dem Holmenkollen ihr Ergebnis von 2015 verbesserten, zeugt von der Richtigkeit des Weges. Zu verdanken haben sie es vor allem Dahlmeier. Immer wenn die kleine Frau mit dem großen Kämpferherzen ins Rennen ging, sprang Edelmetall heraus.

Längst gilt sie als neue Magdalena Neuner. Ein Vergleich, der auf dem ersten Blick durchaus zutreffend sein mag. Dahlmeier kommt wie Neuner aus der Werdenfelser Biathlon-Schule von Bernhard Kröll. Sie ist ebenso ehrgeizig, fokussiert und strahlt trotz ihrer Jugend eine ähnliche Reife wie ihr Vorbild aus.

Doch sie stellt die komplettere Biathletin dar; eine sichere Schützin mit einer Treffsicherheit von über 90 Prozent und eine Skaterin, die gezielt an Technik und Form feilt – und wie der Massenstart erneut gezeigt hat, zu den Schnellsten in der Loipe zählte.

Franzose Fourcade im letzten Einzelrennen erstmals besiegt

Hönig wird dennoch nicht müde zu mahnen: „Die Erfolge sind kein Selbstläufer. Die Mädels stehen immer noch am Anfang ihrer Entwicklung. Wir tun gut daran, ihnen immer wieder Pausen zu geben, damit sie regenerieren können“, sagte der Thüringer und will von dieser Vorgehensweise auf dem Weg nach Pyeongchang 2018 nicht abweichen.

Olympia zählt. Auch bei den Männern, die in Oslo ohne die angestrebte Einzelmedaille geblieben waren; sich aber am Sonnabend im Staffelrennen geschlossen stark präsentierten und hinter den bärenstarken Norwegen Zweiter wurden.

Einmal in Fahrt gekommen, verdarben die Gastgeber am Sonntag auch Martin Fourcade den historischen Triumph. Noch nie war es einem Biathleten gelungen, bei einer WM alle vier Individualtitel zu gewinnen.

Nachdem der Franzose bereits dreimal Einzelgold geholt hatte, erwies sich Johannes Tignes Bö beim Massenstart auf den letzten Metern als der Stärkere. Platz drei belegte Altmeister Ole Einar Björndalen (42), der seine 44. Medaille holte und sagte: „Ans Aufhören denke ich momentan nicht.“ Arnd Peiffer wurde Fünfter.