Schach

Für den Wahlberliner Aronjan liegt in der Ruhe die Kraft

Der gebürtige Armenier kämpft in Moskau um ein Ticket für ein Duell gegen Weltmeister Magnus Carlsen. Der Auftakt war vielversprechend.

Lewon Aronjan wird in der Weltrangliste auf Rang sieben geführt

Lewon Aronjan wird in der Weltrangliste auf Rang sieben geführt

Foto: imago/ZUMA Press

Berlin.  Schach hat keinen leichten Stand in der Berichterstattung deutscher Medien, und das hat einen Grund: Es fehlt schon seit Jahrzehnten ein deutscher Spieler, der in der Weltspitze konkurrenzfähig wäre.

Als Magnus Carlsen, noch keine 23 Jahre alt, im November 2013 dem Inder Viswanathan Anand in dessen Heimatstadt Chennai den Weltmeistertitel abkämpfte, löste das in seinem Heimatland Norwegen einen Boom der Sportart aus, der bis heute anhält. In Deutschland fehlt eine solche Leuchtturmfigur, der derzeit beste deutsche Spieler auf der Rangliste des Weltverbands Fide heißt Georg Meier, Platz 80.

Aber wenigstens ist ein Wahlberliner beim Kandidatenturnier in Moskau dabei. Lewon Aronjan, geboren 1982 im armenischen Jerewan, lebt seit 2001 mit seiner Familie in Berlin. Er und noch sieben weitere Spieler streiten sich derzeit und noch bis zum 28. März im Central-Telegraph-Gebäude an der Twerskaja-Straße um die Chance, Magnus Carlsen im November in New York den Titel streitig machen zu dürfen.

Ist Anand zu alt?

Der Spielplan ist denkbar einfach: Jeder Spieler spielt gegen jeden, einmal mit Weiß, einmal mit Schwarz. Wer am Ende die beste Bilanz vorweisen kann, gewinnt – bei Punktgleichheit nach Stichkampf mit Schnellpartien.

Und Aronjan darf sich, wenn er die Nerven behält, durchaus Chancen auf den ersten Platz ausrechnen. Denn es gibt in diesem Turnier keinen klaren Favoriten, zu dicht liegen Erfolgsbilanz und Spielstärke der Konkurrenten beieinander.

Mit dem Ex-Weltmeister Anand mag der vielleicht größte Name dabei sein – aber schon bei seiner Niederlage gegen Carlsen 2013 wurde das Lebensalter des 1969 geborenen Inders als mögliche Schwäche ins Feld geführt. In den oft mehr als fünfstündigen Partien erwies sich für jedermann sichtbar der genuin sportliche Charakter des Schachspiels: Ein Mittzwanziger ist über diese Strecke schon aus körperlichen Gründen einfach leistungsfähiger als ein Mittvierziger.

2002 wurde Aronjan Junioren-Weltmeister

Aronjan hat sich über eine Wildcard für die Achter-Runde qualifiziert. Nach welchen Kriterien diese vergeben wurde, ist nicht ganz klar – aber es dürfte wohl kaum schierer Zufall sein, dass der Hauptsponsor des Kandidatenturniers, die Tashir Immobilien-Gruppe, Eigentum des einflussreichen armenischen Milliardär Samuel Karapetian ist.

Ein Kompromisskandidat ist Aronjan dennoch bei weitem nicht. Seit er mit neun Jahren das Schachspiel erlernte, hat er mit seiner Ausnahmebegabung immer wieder auf sich aufmerksam gemacht. 2002 wurde er Junioren-Weltmeister bei den unter 20-Jährigen, bevor ihm vier Jahre später im spanischen Traditionsturnier von Linares ein wichtiger Einzelsieg gelang.

Sein letzter großer Sieg datiert aus dem Jahr 2015, als er im amerikanischen St. Louis den Sinquefield Cup gewann. Er wird in der Fide-Weltrangliste momentan auf Platz sieben geführt. Kenner bescheinigen ihm einen ruhigen, ausgeglichenen Spielstil, der aggressive Attacken meidet und auf langfristige Vorteile spekuliert.

Konkurrenten aus den USA, Italien und den Niederlanden

Und die anderen Kandidaten? Der bereits genannte Anand vermochte zuletzt kaum zu überzeugen. Bei der Schnell- und Blitzschach-Weltmeisterschaft, die im vergangenen Jahr in Berlin stattfand, verspielte er schnell seine Chancen auf einen vorderen Platz.

Sein im Vergleich vorgerücktes Alter bietet ihm jedoch auch den Vorteil der größten Erfahrung in Moskau. Er kennt den Stress der Spitzenturniere wie kein anderer Spieler.

Zu den großen Namen des Kandidatenturniers zählen auch der risikofreudige Amerikaner Hikaro Nakamura, Jahrgang 1987, und der 1992 geborene Fabiano Caruana mit italienischer und US-Staatsbürgerschaft.

Sie belegen die Plätze sechs und drei der Weltrangliste und dürften nicht nur in Aronjan, sondern auch im 22-jährigen Niederländer Anish Giri (Platz vier) zähe Gegner finden. Für Aronjan gelang der Start ins Turnier: In seinen ersten beiden Spielen gegen Giri und Anand spielte er Remis.

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