Toronto –

Die große Krise im Mutterland des Eishockeys

Kanadas sieben NHL-Klubs droht Saison ohne Play-off

Toronto.  Die Hymne des zweitgrößten Staates der Erde heißt „O Canada“! Gesungen wird sie voller Stolz. Doch derzeit würden sich viele lieber die Hände vor das Gesicht halten und leise dazu schluchzen: „O, o Canada“. Die Fans trauern, die Kneipenbesitzer zittern um ihre Umsätze, die Fernsehbosse um ihre Quoten: In Kanada wird das Horrorszenario real – das Play-off um den Stanley Cup könnte erstmals seit 46 Jahren ohne die NHL-Klubs aus dem Eishockey-Mutterland ausgespielt werden, wenn nicht noch ein Wunder geschieht. Einen Monat vor Ende der Hauptrunde sind die sieben kanadischen Teams im Rennen um die 16 Plätze für die Meisterrunde praktisch chancenlos. Am besten liegt noch der Hauptstadtklub Ottawa Senators im Rennen, dem fünf Punkte zum letzten Wild-Card-Rang fehlen.

„Für die Leute hier wäre es ein Tritt in den Hintern“, sagt Mike Zeisberger, Kolumnist bei der Tageszeitung „Toronto Sun“: „Hier herrscht immer noch die Haltung vor, dass es unser Spiel ist.“ Aktuell nicht: Die sieben kanadischen Klubs liegen auf den letzten elf Rängen der 30er-Liga. Im vergangenen Jahr hatten bis auf die Edmonton Oilers mit dem deutschen Leon Draisaitl und die Toronto Maple Leafs alle Teams das Play-off erreicht. Und das Medienunternehmen Rogers, das für die kanadischen TV-Rechte umgerechnet 3,5 Milliarden Euro über zwölf Jahre bezahlt, jubilierte. Nachdem aber in der zweiten Runde Rekordmeister Montreal Canadiens und die Calgary Flames als letzte Klubs ausgeschieden waren, brachen die Quoten ein. Das Finale zwischen den Chicago Blackhawks und Tampa Bay erreichte in Kanada die schlechteste TV-Resonanz seit 2009, insgesamt schalteten während der Meisterrunde 20 Prozent weniger Zuschauer ein als im Vorjahr.

Erst einmal fand der Titelkampf ohne kanadische Teams statt

Auch die NHL ist aufgeschreckt, denn Rogers zahlt deutlich mehr als der Fernsehsender NBC für die US-Rechte (1,8 Milliarden Euro für zehn Jahre). „Ist es ideal, wenn wir im kanadischen Markt nicht vertreten sind? Nein“, sagte der Liga-Vize Bill Daly. Der kanadische Sender CBC, der einen Teil der Spiele für Rogers ausstrahlt, beschäftigte sich bereits mit den Auswirkungen des Horrorszenarios. „Ich werde lange weinen“, sagte ein Canadiens-Fan während einer Übertragung und sprach damit den meisten Kanadiern aus der Seele. Ein Besitzer mehrerer Sportbars in Montreal klagte: „Ich bin nervös wegen April, Mai und Juni.“

Auch die Spieler bedauern das drohende historische Debakel, selbst wenn sie in den USA spielen. Devan Dubnyk aus Regina/Saskatchewan, der bei den Minnesota Wild im Tor steht, erinnert sich, wie Fans aus dem ganzen Land Calgarys Siegeszug bis ins Stanley-Cup-Finale 2004 bejubelten: „Alle haben sich zusammengeschlossen und sie angefeuert, es hat eine Menge Spaß gemacht, dabei zu sein.“

Viel Grund zum Jubeln hatten Kanadas Fans in den letzten Jahren im NHL-Play-off aber nicht. Seit 1993, als die Canadiens ihren 24. und bislang letzten Titel gewannen, ging der Stanley Cup nicht mehr ins Eishockey-Mutterland. Seit 2011, als die Vancouver Canucks mit Christian Ehrhoff im siebten Endspiel gegen die Boston Bruins mit Dennis Seidenberg verloren, hat kein kanadisches Team mehr das Finale erreicht. Zuvor waren Edmonton (2006) und Ottawa (2007) im Finale gewesen.

Gar nicht erst die K.o.-Runde zu erreichen, wäre allerdings ein historischer Tiefpunkt. Das gab es nur 1970, als Montreal und Toronto vorzeitig scheiterten. Damals waren sie die einzigen kanadischen Klubs in der Zwölfer-Liga. Genau wie damals stellen die Kanadier immer noch den größten Anteil an Spielern in der NHL, das Land setzt die Maßstäbe im Eishockey, gewann die beiden jüngsten Olympiaturniere. Doch das alles hilft jetzt nichts. Zur möglichen Play-off-Absenz schrieb übrigens der „Toronto Star“ mit Bezug auf 1970: „Die Welt hat sich trotzdem weitergedreht.“