Olympiasieger

Sven Fischer: „Björndalens Ehrgeiz ist unverständlich“

Der vierfache Olympiasieger Sven Fischer spricht über Norwegens Biathlon-Star, die WM in Oslo und deutsche Frechheiten.

Der 42-jährige Norweger Ole Einar Björndalen bewann bereits 19 WM-Titel und acht Mal Olympiagold

Der 42-jährige Norweger Ole Einar Björndalen bewann bereits 19 WM-Titel und acht Mal Olympiagold

Foto: Karl-Josef Hildenbrand / dpa

Oslo.  Vier Olympiasiege und sieben WM-Titel heimste Sven Fischer (44) einst als Biathlet ein, die WM in Oslo verfolgt der Thüringer nun als TV-Experte. Ein Gespräch über seine besondere Beziehung zu Norwegen, Superstar Ole Einar Björndalen und deutsche Medaillenhoffnungen.

Berliner Morgenpost: Herr Fischer, was verbinden Sie mit dem Holmenkollen?

Sven Fischer: Schöne Erfolge. Und eine ganz spezielle Atmosphäre. Dieses Großstadt-Flair hat man sonst nirgendwo, es besitzt einen eigenen Charme. Zu vergleichen wäre es in etwa, wenn man eine Biathlon-Strecke am Rande von Berlin bauen würde. Läuft man auf dem Holmenkollen Ski, hat man zudem eine herrliche Aussicht über Oslo und kann sogar im Fjord die einlaufenden Schiffe beobachten. Und irgendwie steht die ganze Stadt unter Spannung.

Ihnen schienen die Strecken dort zu liegen, wie zwei WM-Siege 1999 belegen.

Fast immer. Zur WM 2000 lief es bei mir gar nicht. Dafür war es im Jahr zuvor besser. Damals fielen ja die Wettkämpfe wegen der Kälte in Kontiolahti aus und wurden in Oslo nachgeholt. Ich konnte den Einzel- und den Massenstart gewinnen. Auch die große Kugel für den Gesamtweltcup durfte ich damals entgegennehmen. Die schönen Erinnerungen überwiegen also.

Auch wegen der neun Audienzen bei König Harald V.?

Das sind natürlich auch Momente, die man nicht vergisst. Bei ihm hat man gemerkt, dass er selbst Sportler und als Segler bei Olympischen Spielen war. Er hat die Empfänge nie als lästige Pflicht angesehen, sondern war interessiert. Zumindest war dies mein Eindruck in den paar Minuten, in denen wir uns abseits des Protokolls unterhalten haben.

Was werden wir diesmal für Weltmeisterschaften erleben?

Es war schon häufig so, dass ein später Saison-Höhepunkt eine Reihe von Überraschungen gebracht hat. Dann ist es nach den extremen Belastungen eines langen Winters eine Kraftfrage. Gerade junge Athleten, die bis dahin unbekümmert losgestürmt waren, merkten plötzlich, dass der Akku leer ist. Ich könnte mir vorstellen, dass in Oslo nicht unbedingt jene Sportler vorn landen werden, die bislang die Saison dominiert haben.

War es deshalb richtig, dass die Deutschen nicht alle Weltcups bestritten haben?

Absolut. Laura Dahlmeier hatte lange mit ihrem Fuß Probleme, Franziska Preuß mit der Hand. Simon Schempp plagte zuletzt eine Bronchitis. Da bringt es nichts, das volle Programm durchzuziehen. Die Pausen können sich jetzt auszahlen. Ole Einar Björndalen hat auch nicht ohne Grund die Übersee-Weltcups weggelassen.

Apropos Björndalen. Der Altmeister ist mit 42 nur zwei Jahre jünger als Sie. Verstehen Sie seinen ewigen Erfolgshunger?

Dieser Ehrgeiz hat ihm nicht nur Sympathien, sondern auch Neider eingebracht. Doch das stört ihn nicht. Er zieht sein Ding durch, und letztlich gibt ihm der Erfolg ja auch recht. Obwohl ich schon eine Weile mit dem Leistungssport aufgehört habe, spüre ich diese Laufunruhe noch; diesen Drang nach Bewegung, der beispielsweise auch einen Frank Ullrich noch immer antreibt. Da verstehe ich Ole. Was seinen Hunger nach immer mehr Siegen betrifft, allerdings nicht. Da wirkt er fast wie ein Getriebener; einer, der nie zufrieden ist. Trotz aller Erfolge.

Wird die WM seine Abschiedsvorstellung?

Das weiß man bei ihm nie. Selbst wenn er jetzt sagen würde, er hört am Saisonende auf, kann man sich nicht sicher sein, dass er im Sommer wirklich nicht noch einmal neu angreift.

Ist mit norwegischen Festspielen rechnen?

Im Biathlon gibt es nicht selten den Heim-Nachteil. Der Erwartungsdruck ist für die Norweger riesig, weil für ihre Landsleute nur der Sieg zählt.

Was erwarten Sie vom deutschen Team?

In der Summe stellt Deutschland für mich die stärkste Nation. Sowohl die Männer als auch die Frauen können nach dem bisherigen Saisonverlauf mit breiter Brust antreten. Von Hochrechnungen halte ich aber nichts.

Wie werden sich der schwere Sturz von Arnd Peiffer in Presque Isle und die heftige Erkältung von Simon Schempp auf deren Leistung auswirken?

Optimal ist das nicht. Solche Handicaps können aber durchaus auch positiv sein, weil dadurch die Erwartungshaltung geringer ist.

In den letzten beiden Jahren trumpfte der Oberhofer Erik Lesser bei den Höhepunkten auf. Was zeichnet ihn aus?

Er besitzt die Lockerheit und auch die nötige Frechheit – und nutzt oft seine Chance, wenn sie sich ihm bietet. Bezeichnend war sein Weltcup-Sieg im Massenstart in Ruhpolding. Da rutschte er als 30. gerade so rein und rollte dann das Feld von hinten auf. Wenn die Schneebedingungen schwierig sind, kommt ihm das zugute. Dann ist er auch in Oslo zu allem fähig.

Und was ist mit den deutschen Frauen?

Laura Dahlmeier besitzt das Zeug zum ganz großen Wurf. Auch Franziska Hildebrand hat sich ein Laufniveau erarbeitet, das sie zu den Favoriten zählen lässt. Insgesamt wird von den Frauen mehr erwartet, das sorgt für größeren Druck. Dagegen wissen sie mittlerweile aber auch, dass sie in der Lage sind zu gewinnen.

Im Vorjahr erwarben Sie die C-Lizenz. Wollen Sie den Job als TV-Experte für eine Trainerkarriere eintauschen?

Es gibt keinen Zeitplan. Aber ich will irgendwann in die Trainer-Richtung gehen, Erfahrungen weitergeben. Trainer zu sein, ist eine Passion; aber auch gut für den Expertenjob. Theoretische Kenntnisse helfen bei der Analyse von Leistungen. Das Bauchgefühl als ehemaliger Athlet reicht nicht immer.