Berlin –

Das Schlüsselspiel

Das Duell zwischen Hertha und Wolfsburg hat für beide Mannschaften wegweisenden Charakter. Die Berliner hoffen auf das Gesetz der Serie

Berlin.  Den interessantesten Teil hatte Pal Dardai verpasst. Die Champions-League-Partie von Herthas nächstem Gegner VfL Wolfsburg habe er sich am Mittwochabend zwar angeschaut, allerdings nicht bis zum Ende. „Da habe ich schon geschlafen“, gestand der Cheftrainer der Berliner mit einem schelmischen Lächeln. Geflunkert war das wohl nicht. Als Gast im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF hatte Dardai erst kürzlich verraten, dass er zum obligatorischen Torwandschießen sonst schon im Bett liegt.

Der VfL hat nur eins seiner jüngsten acht Spiele gewonnen

Das Dranbleiben, es hätte sich gelohnt für den Ungarn, schließlich offenbarte Wolfsburg in den letzten zehn Minuten gegen KAA Gent erstaunliche Schwachstellen. Bis dahin hatten die Niedersachsen ja recht eindrucksvoll einen 3:0-Vorsprung herausgeschossen, doch in der Schlussphase wackelte der VfL – und das bedenklich. Dem 1:3 der Belgier folgten drei weitere Schusschancen, ehe eine Minute vor Ende der regulären Spielzeit noch der Anschlusstreffer fiel.

Gut vorbereitet fühlt sich Dardai trotzdem. „Wir wissen auch so, dass Wolfsburg ein guter Gegner ist“, sagte er. Einer mit „internationaler Erfahrung“ und „individueller Qualität“. Aber in dieser Saison eben auch einer mit fehlender Konstanz.

In der Tabelle der Fußball-Bundesliga stehen die Wolfsburger momentan auf Tabellenplatz acht. Vor dem jüngsten 2:0 gegen den FC Ingolstadt blieb der amtierende DFB-Pokalsieger und Vizemeister sieben Spiele lang ohne Sieg – vier Partien gingen gar verloren. Zu wenig für ein Team, das vor ein paar Monaten noch als einziger ernsthafter Konkurrent des FC Bayern Münchengalt und dessen erklärtes Ziel es ist, sich langfristig in der Königsklasse zu etablieren. Um die Chance auf die Champions League zu wahren, benötigt Wolfsburg am Sonnabend (15.30 Uhr, Olympiastadion) dringend drei Punkte. Bei einem Sieg würde der VfL wichtigen Boden gutmachen, der Rückstand auf Hertha – noch immer Tabellenvierter – würde auf zwei Punkte zusammenschrumpfen. Gewinnen aber die Berliner, beträgt der Rückstand ganze acht Zähler.

Für Hertha wäre ein Erfolgserlebnis nicht weniger wichtig. Drei Unentschieden und eine Niederlage weist die Bundesligastatistik des Jahres 2016 aus. Ergebnisse, die eine Handvoll Zweifel in die bislang grandiose Saison gestreut haben. Für Dardai hat die Partie gegen Wolfsburg deshalb richtungsweisenden Charakter. „Ich habe schon im Winter betont, dass irgendwann ein Loch kommen wird“, sagte der Trainer der Morgenpost. „Diese Saison wird dadurch entschieden, wie schnell wir rauskommen. Sonnabend wird sich zeigen, ob wir weiter in das Loch reinrutschen oder ob wir richtig etwas anfangen mit dieser Saison.“

Am Donnerstag war Dardai bemüht, den Druck nicht noch künstlich zu erhöhen. Wenn Hertha verliert, sagte er flapsig, sei niemand gestorben. Tatsächlich aber ist die Partie für die Berliner genauso ein Schlüsselspiel wie für ihre Gegner.

Hoffnung macht Hertha einerseits die Physis und zum anderen das Gesetz der Serie. Beim jüngsten 0:2 in Stuttgart wirkten die Hauptstädter ungewohnt müde. Das Pokalspiel in Heidenheim drei Tage zuvor hatte Spuren hinterlassen. Nun sind es die Wolfsburger, die eine Englische Woche in den Beinen haben. Hinzu kommt: Auf Niederlagen hatte Hertha in dieser bislang stets eine passende Antwort. Nach jeder der fünf Nullrunden folgte ein Sieg. „Immer, wenn wir uns eine ganze Woche in Ruhe vorbereiten konnten, hat das nächste Spiel ordentlich ausgesehen“, sagte Dardai.

Positive Signale von Weiser, Kalou weiterhin fraglich

Michael Preetz hatte noch einen weiteren Faktor ausgemacht. In Spielen gegen die sogenannten Großen habe Hertha im Laufe der Saison spürbar zugelegt, sagte der Manager. Tatsächlich folgten auf fünf Niederlagen gegen Topteams zuletzt ein Sieg gegen Leverkusen und einen Unentschieden gegen Borussia Dortmund.

Unklar ist noch, ob Dardai am Sonnabend wieder auf Salomon Kalou und Mitchell Weiser zurückgreifen kann. Beide waren zuletzt mit Muskelverletzungen ausgefallen. „Bei Mitch sieht es sehr gut aus“, sagte der Hertha-Coach; bei Kalou wollte er keine Prognose abgeben. Ein Einsatz von Julian Schieber ist nach dessen Sprunggelenksverletzung ebenfalls fraglich. Fest steht hingegen: Wolfsburg wird auf Sebastian Jung verzichten müssen. Der Rechtsverteidiger erlitt einen Kreuzbandriss.

Ob mit oder ohne Toptorjäger Kalou – an Motivation wird es am Sonnabend niemandem mangeln. Dafür steht zu viel auf dem Spiel.