Beachvolleyball

Baggern wie auf einem anderen Planeten

Die Beachvolleyball-Weltserie gastiert erstmals im Iran, obwohl der Frauen aus Sportstadien verbannt. Das hat Folgen für den Spielplan.

Foto: imago/Kuess

Berlin/Kisch Island.  Auf den ersten Blick könnte Kisch kaum weltoffener sein. Für die Einreise auf die iranische Insel in der Provinz Hormozgan ist kein Visum nötig, sofern man nicht länger als zwei Wochen verweilen möchte. Kisch ist zudem Freihandelszone und damit ein Einkaufsparadies für Iraner und Touristen.

Jetzt soll die knapp 92 Quadratkilometer große Insel im Persischen Golf als Versuchslabor für Beachvolleyball dienen. Zum ersten Mal hat der Volleyball-Weltverband FIVB ein Turnier der Weltserie an den Iran vergeben.

Nur Männer dürfen teilnehmen

Von Dienstag bis Freitag baggern 32 Teams um 75.000 US-Dollar Preisgeld, der Sieger erhält zudem 500 Weltranglistenpunkte. Nationalspieler Markus Böckermann (30, Hamburg) und sein Partner, der gebürtige Berliner Lars Flüggen (25), sind topgesetzt.

Genau wie beim Open-Turnier in Doha (4. bis 8. April) dürfen im Iran nur Männer teilnehmen. „Das ist ungerecht“, findet Karla Borger, WM-Zweite von 2013. So können die Männer bei 13, die Frauen nur noch bei elf Turnieren Punkte für die Olympia-Qualifikation sammeln.

Der Ausschluss von Frauen geht im Iran allerdings weit übers Spielfeld hinaus. Seit der Revolution 1979 dürfen Frauen nicht mehr bei Fußballspielen zuschauen, 2012 wurde dieses Verbot auf den Volleyball ausgeweitet, der sich auch durch die Erfolge der iranischen Männer zum Nationalsport Nummer zwei entwickelt hat.

Falsche Kleidung beim Training

2014 wurde die Iranerin Ghontscheh Ghawami in Teheran zu einer Haftstrafe verurteilt, nachdem sie ein Spiel der Hallenvolleyballer besuchen wollte. Bei der Weltliga 2015 in Teheran durften Frauen keine Tickets kaufen, obwohl es zunächst hieß, das sei ihnen erlaubt.

Im November 2015 versprach die FIVB, keine Turniere mehr in den Iran zu vergeben, bis die Verbannung von Frauen aus den Sportstadien offiziell aufgehoben würde. „Eine Grundvoraussetzung für die Vergabe des Turniers nach Kisch war, dass Menschen aller Geschlechter und Altersgruppen zusehen dürfen“, begründete FIVB-Pressesprecher Richard Baker die Entscheidung. „Wir gehen davon aus, dass das auch passiert.“

Bei der Qualifikation am Montag war das Gelände um den Center Court zum ersten Mal frei begehbar. Vorher sei man nur durch einen bewachten Eingang an den als „Men’s Beach“ beschilderten Strand gelangt, verrät Alexander Huber (30).

Der österreichische Nationalspieler reiste mit Partner Robin Seidl (26) bereits am Sonnabend vom Trainingslager aus Dubai an, seine dortige Gastgeberin, Sara Nabiewa (Name geändert), kam spontan mit. „Sie ist großer Beachvolleyball-Fan und dachte, das wäre eine tolle Möglichkeit zuzuschauen“, erzählt Huber.

Am Flughafen von Kisch wurde sie direkt abgefangen und aufgefordert, sich ein Kopftuch umzubinden. Als sie am Sonnabend das Training von Huber/Seidl ansehen wollte, hat man sie nicht zu den Feldern gelassen. „Es hieß, sie trug die falsche Kleidung“, sagt Huber.

Zuschauen dürfen Frauen nur, wenn sie verhüllt sind

Nabiewas Kleid reichte bis über die Knie. Im Hotel wurde ihr gesagt, die Polizei werde sie aufgreifen, sofern sie die Kleidervorschriften missachte. Inzwischen hat sie sich weitere Kleidung gekauft, um sich von Kopf bis Fuß zu bedecken.

„Ich komme mir vor, als wäre ich auf einem anderen Planeten“, sagt Nabiewa. Verhüllt konnte auch sie am Montag den iranischen Männern zuschauen, die in Shorts und ärmellosen Trikots bei 25 Grad am Strand spielten.

Auch Böckermann/Flüggen haben auf der Tribüne Frauen gesehen. „Ich glaube, dass es Einheimische waren“, sagt Böckermann. Huber allerdings glaubt, dass er die drei iranischen Pressevertreterinnen gesehen hat, die mit ihm im Shuttle saßen.

Volleys-Geschäftsführer Kaweh Niroomand ist skeptisch

Reporterinnen dürfen zu Männer-Volleyballspielen, das heißt nicht, dass iranische Zuschauerinnen erlaubt sind. „Ich glaube, im Iran kann derzeit kaum jemand etwas versprechen, das eine Nachhaltigkeit garantiert“, sagt Kaweh Niroomand. Der 63-Jährige Geschäftsführer des Volleyball-Bundesligisten BR Volleys ist im Iran aufgewachsen.

In der damaligen Schahzeit gab es noch keine islamischen Kleidervorschriften. In den 1960er-Jahren konnten Frauen im Bikini ins Meer springen – in aller Öffentlichkeit – und nicht an einem eingemauerten Strandabschnitt wie heutzutage auf Kisch.

„Im Iran sind diese Einschränkungen aber nicht aus Tradition gewachsen“, sagt Niroomand. „Man muss vollkommen unterscheiden zwischen der offiziellen, politisch bedingten und der wirklichen Seite. Eigentlich sind viele Menschen sehr fortschrittlich und offen.“

Irans Volleyball-Präsident will Land öffnen

So seien viele Iraner daran interessiert, eine Öffnung des Landes herbeizuführen. Zu diesen Verfechtern gehört auch Reza Davarzani. Der Präsident des iranischen Volleyball-Verbandes hat viel investiert, um das Beachvolleyball-Event nach Kisch zu holen.

Dazu gehören neben dem Preisgeld auch die Kosten für den Aufbau der Arena, die Unterkünfte für Spieler, Schiedsrichter und die Verantwortlichen der FIVB, die die Organisation vor Ort unterstützen. „Wir wollen, dass Beachvolleyball hier genauso populär wird wie Volleyball“, sagt Luciano Barbora. Seit einem Monat ist der Brasilianer Trainer der iranischen Beachvolleyball-Nationalteams.

Sport kann ein wirkungsvoller Hebel sein – finanziell und politisch, deshalb will der iranische Verband die Wettkämpfe im Land haben. „Wir wollen dem Sport hier die Tür öffnen, um ihn den Menschen zu zeigen“, sagt Barbora. Bleibt zu hoffen, dass damit alle Menschen gemeint sind.