Segeln

Berlinerinnen segeln mit Leichtigkeit zu WM-Bronze

Victoria Jurczok und Anika Lorenz haben ein Problem, das andere gern hätten: Sie sind eigentlich zu leicht, um erfolgreich zu segeln.

Victoria Jurczok und Anika Lorenz vom Verein Seglerhaus am Wannsee halten Kurs auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro

Victoria Jurczok und Anika Lorenz vom Verein Seglerhaus am Wannsee halten Kurs auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro

Foto: Jacques Papillon/STG / BM

München.  Mit ihrem Spitznamen „Püppi“ hat Victoria Jurczok schon so manch einen in die Irre geführt. Die zierliche, aber zähe Steuerfrau zählt mit nur 1,62 Metern in ihrem Sport zu den kleinsten, aber auch besten Seglerinnen der Welt. Das hat sie mit Vorschoterin Anika Lorenz bei der Weltmeisterschaft der neuen olympischen Gleitjollen namens 49erFX in Florida mit dem Gewinn der Bronzemedaille bewiesen.

Die Konkurrenz bringt mehr Kilos auf die Kante

Gerade einmal 125 Kilogramm bringen die Berlinerinnen auf das kippelige Boot, das von seiner Crew artistische Fähigkeiten und viel Gleichgewichtsgefühl fordert. Der 49erFX sieht aus wie ein überbreites Surfbrett mit großen Ohren und feiert im August vor Rio de Janeiro olympische Premiere. Die Konkurrenz bändigt ihre Boote mit durchschnittlich zehn bis 13 Kilogramm mehr auf der Kante.

Einfache Grundformel: Mehr Gewicht ergibt ein beim Segeln aufrechteres Boot und dadurch eine höhere Geschwindigkeit. Vicky Jurczok und Anika Lorenz gleichen diesen Leichtgewicht-Nachteil mit gutem taktischen Gespür und perfekt exerzierten Manövern erfolgreich aus.

Zuckerwatte in Rosa ist erst der Anfang

„Die beiden haben vor allem im letzten halben Jahr extrem hart gearbeitet, sich eine tolle Technik angeeignet und ein sehr, sehr gutes Bootsgefühl“, attestiert Trainer Max Groy seinen Schützlingen vom Verein Seglerhaus am Wannsee, die sich bei der WM nur der spanischen Matchrace-Olympiasiegerin Tamara Echegoyen mit Berta Betanzos sowie den dänischen Schwestern Maiken Foght Schütt und Anne-Jolie Schütt geschlagen geben mussten.

Im ständigen Kampf um mehr Gewicht langen die Berlinerinnen im Fitness-Studio und auch beim Essen fleißig zu. Gerade erst hat Victoria bei Facebook wieder ein Bild mit riesiger rosa Zuckerwatte gepostet, die sie sich Biss um Biss einverleibt. Um ihre Probleme bei der Gewichtszunahme wird Jurczok von vielen beneidet, während sie selbst damit zu kämpfen hat. Zum maximal möglichen Idealgewicht von insgesamt 130 Kilogramm fehlen dem Duo trotz aller Bemühungen noch fünf Kilogramm, die sie bis zu den Olympischen Spielen schwerer sein möchten.

Vor Mallorca fällt die Olympia-Entscheidung

Für die laufende nationale Ausscheidung im Kampf um nur eine Olympia-Fahrkarte für fünf starke deutsche 49erFX-Teams verbuchten Jurczok und Lorenz mit WM-Bronze 25 wertvolle Punkte. Mit insgesamt 39 Punkten und 20 Zählern Vorsprung vor dem bayerisch-schleswig-holsteinischen Team Tina Lutz und Susann Beucke sind die Sportsoldatinnen ihrem Traum vom Olympiastart ganz nah. Die Entscheidung fällt bis zum 2. April beim spanischen Regattaklassiker Trofeo Princesa Sofía vor Mallorca.

Dort müssten Lutz/Beucke schon Erste (25 Punkte) oder Zweite (22 Punkte) werden und Jurczok/Lorenz dürften gleichzeitig entsprechend wenig Punkte kassieren oder gar nicht in die Top 20 segeln, wenn die Rivalinnen ihnen noch die Fahrkarte zu den Olympischen Spielen entreißen wollen. Nach den aktuellen Leistungen ist ein solches Szenario nur schwer vorstellbar, doch bei unvorhersehbaren Ereignissen wie Krankheiten oder Unfällen immerhin theoretisch möglich.

Auch Jurczoks Freund Erik Heil kämpft ums Rio-Ticket

Auf dem Wasser haben Jurczok und Lorenz in den vergangenen zwei Jahren immer wieder gezeigt, dass sie mit ihrer Nervenstärke bei Großereignissen das Team der Wahl sind. „Eine unserer Stärken ist, dass wir dann gut sind, wenn es wirklich zählt“, sagt Vicky Jurczok bescheiden, aber bestimmt.

Für die in Kiel lebende und dort mit Anika Lorenz am Bundesstützpunkt im Olympiazentrum Schilksee trainierende 26-Jährige könnte es sogar eine ganz besondere Olympia-Premiere werden: Ihr Berliner Lebensgefährte Erik Heil kämpft im 49erFX-Pendent der Männer ebenfalls um seinen ersten Olympia-Start. Gemeinsam mit Vorschoter Thomas Plößel führt der WM-Achte die nationale Olympia-Ausscheidung der 49er-Segler an. Der Vorsprung von Heil/Plößel vor den Kieler Europameistern Justus Schmidt und Max Boehme fällt mit nur vier Punkten allerdings deutlich kleiner aus als der von Freundin Victoria.