Innsbruck/Igls

Zwei Welten auf einem Podest

Zweierbob-Weltmeister Francesco Friedrich ist eine Legende, während sein Vize zweite Liga fährt

Innsbruck/Igls.  Von Traurigkeit keine Spur, auch wenn ein paar Tränen kullerten. Johannes Lochner und Joshua Bluhm lagen sich in den Armen, hüpften übermütig wie kleine Jungs. Ausgelassen freute sich das Duo vom Bob-Club Stuttgart-Solitude im Ziel über Silber bei der Weltmeisterschaft. Wie im Vorjahr in Winterberg. Den Titel holte sich Francesco Friedrich mit seinem Anschieber Thorsten Margis. Ebenfalls wie 2015. „Sensationell“, jubelte Bundestrainer Christoph Langen, „die gleiche Reihenfolge wie in Winterberg. Franz hat seinen Titel verteidigt, und Hansi wird wieder sensationell Zweiter.“

Trotzdem war alles ein wenig anders. Dies empfand zumindest Johannes Lochner so. „Ich fand’s schwerer als letztes Jahr“, sagte der Bayer, „im letzten Jahr hat keiner etwas von mir erwartet, jetzt hatte ich schon ein wenig Druck.“ Dem musste der 25-Jährige letztlich auch Tribut zollen.

Auf die Hundertstelsekunde waren Lochner und Friedrich zeitgleich vor dem finalen vierten Durchgang gelegen. Als Erster musste der Junioren-Weltmeister Lochner in den Innsbrucker Eiskanal. Und legte fulminant los. 5,00 Sekunden – die schnellste Startzeit des gesamten Wettbewerbs. Doch dann leistete er sich eine kleine Unachtsamkeit. Plötzlich stand sein Bob quer. Das kostete wertvolle Zeit. „Du sitzt dann im Bob vorne drin und weißt: Jetzt wird es ganz knapp, sogar um den dritten Platz“, beschreibt Lochner seine Gedanken. „Hansi wollte heute zu viel“, sagte Trainer Langen, „hat deshalb den Bob zu sehr geführt, hat ihn nicht richtig laufen lassen.“ 17 Hundertstelsekunden haben Lochner am Ende zum Titel gefehlt. Damit war’s zumindest deutlich enger als vor Jahresfrist. Damals betrug Friedrichs Vorsprung mehr als eine Sekunde. „Beide haben sich auf demselben Niveau bekämpft“, sagte Langen. Und freute sich.

Ansonsten trennen Francesco Friedrich und Johannes Lochner Welten. Obwohl beide 25 Jahre alt sind. Der Sachse stieg mit seinem dritten WM-Titel hintereinander zu einem elitären Zirkel auf. Denn diese Leistung war lediglich dem Italiener Eugenio Monti sowie Christoph Langen selbst gelungen. „Als Legende sehe ich mich noch nicht“, wehrte Friedrich entsprechende Lobpreisungen ab. Bei 60 Starts im Weltcup gewann er neun Mal.

Johannes Lochners Onkel war 1991 Bob-Weltmeister

Zwei Silber-Medaillen hat Johannes Lochner gewonnen, kann dagegen gerade einmal auf vier Weltcup-Starts verweisen. Damit gilt er als Mann für die großen Ereignisse. In dieser Saison wurde der Späteinsteiger zuerst im Europacup eingesetzt, um zu lernen. „Ab der Hälfte der Saison hätte ich im Weltcup starten sollen“, erklärte er, „falls einer der Piloten geschwächelt hätte.“ Doch das haben weder Friedrich noch Maximilian Arndt oder Nico Walther getan. Also blieb er in der zweiten Liga, gewann dort die Gesamtwertung sowohl im Zweier als auch im Vierer. Nebenbei holte er auch noch beide Titel bei der Junioren-WM.

Während Francesco Friedrich über die Leichtathletik zum Bob kam, wäre es bei Johannes Lochner nur logisch gewesen, wenn er schon früh mit dem Rodeln begonnen hätte. Schließlich wuchs er in Schönau in unmittelbarer Nachbarschaft zum Eiskanal aus. Und sein Onkel Rudi war 1991 Bob-Weltmeister geworden, hatte im Jahr darauf bei den Olympischen Spielen in Albertville Silber gewonnen. Doch erst als der junge Mann 20 Jahre alt war, sagte der Onkel: „Jetzt gehst du mal zum Bobfahren, das wird Dir schon gefallen.“ Und er täuschte sich nicht. Johannes Lochner war sofort infiziert.

Zu viel Zeit wollte er jedoch nicht investieren. Erst stand das Abitur an. Deshalb sprang er lediglich ab und zu als Anschieber ein. Im Winter darauf absolvierte er die Bobschule. „Aber nur so nebenbei.“ Denn in München hatte er bereits sein Studium in Elektrotechnik begonnen. Das Ziel war klar. Als Ingenieur sollte er das Elektrogeschäft seines Vaters Hans übernehmen. Doch Bundestrainer Christoph Langen war das große Talent schon aufgefallen. Danach war der Weg vorgezeichnet.

Spätestens nach diesem Erfolg wird Johannes Lochner Ansprüche auf einen Startplatz im Weltcup stellen. Bundestrainer Christoph Langen ist sich dessen durchaus bewusst, bezeichnet es als Luxusproblem. „Wir werden eine knallharte Selektion fahren müssen, anders komme ich nicht aus“, kündigte er an. Er habe vier Weltklassepiloten. Der beste unter ihnen ist Francesco Friedrich. Dessen Vorbereitung auf den Saisonhöhepunkt war geprägt von einer Adduktorenverletzung. „Was die nervliche Belastung und die Vorbereitung betrifft, war es das schwierigste Rennen meiner Karriere“, bekennt der Weltmeister. Entsprechend unsicher ging er in den Wettkampf. Erst vor dem dritten Lauf stellte Heimtrainer Gerd Leopold fest: „In ihren Augen habe ich gesehen: Die sind wieder voll auf Angriff gepolt.“ Entsprechend emotional reagierten Friedrich und Margis im Ziel. Der Anschieber, ein Hüne von 1,91 Meter und 102 Kilogramm, hatte Tränen in den Augen, sprach von einer „geisteskranken Saison“. Aber sie hatte ein Happy End.