Eisschnelllauf-WM

Raus aus Pechsteins Schatten

Bente Kraus geht neue Wege, trainiert nicht mehr in Berlin, sondern in Erfurt. Bei der WM in Russland soll sich das auszahlen.

Bente Kraus will in Kolomna unter die besten Zehn

Bente Kraus will in Kolomna unter die besten Zehn

Foto: dpa Picture-Alliance / Oryk HAIST/SVEN SIMON / picture alliance / Sven Simon

Berlin.  Wenn Claudia Pechstein ihre Ambitionen herunterfährt, dann bleibt der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) nicht mehr viel. Für die Weltmeisterschaften auf den Einzelstrecken, die am Donnerstag in Kolomna bei Moskau beginnen, fehlt damit so etwas wie die Garantie auf Edelmetall. Denn von jeder WM brachte die Berlinerin seit 1996 bislang immer eine Medaille mit. Jetzt ist es nicht etwa das Alter, das die 43-Jährige von Spitzenleistungen abhält, eine Erkältung macht ihr schwer zu schaffen.

Pechsteins Laune ist arg strapaziert. „Da bereitet man die ganze Saison das große Ziel vor, ist heiß auf den Höhepunkt – und dann so was. Es ist wirklich sehr bitter“, sagt die Berlinerin. Seit zwei Wochen lässt sie die Erkranung nicht los, tagelang konnte sie nicht aufs Eis. Die Vorzeichen für das Wochenende sind denkbar schlecht.

Pechstein stark gehandicapt

Bei Bente Kraus sieht es dagegen freudvoll aus. Endlich wieder. „Ich bin mit einem sehr guten Gefühl angereist. Denn der Glaube war immer da, dass ich wieder zu alter Stärke finde“, sagt die 26-Jährige. Sie plagte sich in der ersten Saisonhälfte mit Erkrankungen. „Ich war ein bisschen vom Pech verfolgt“, erzählt sie. Dadurch schaffte sie es bislang nicht, auf den langen Strecken in der A-Gruppe zu laufen.

Das erste WM-Rennen am Donnerstag über 3000 Meter ist ihr Höhepunkt der Saison. Es ist eine Saison der Veränderung, der neuen Wege, in der Kraus steckt. Vergangenen Sommer orientierte sich die Berlinerin nach Erfurt um. Zu Hause kündigten sich neue Strukturen an. Die Trainingsgruppe um Claudia Pechstein, zu der sie gehörte, wurde von Uwe Hüttenrauch als Coach übernommen, André Unterdörfel in den Nachwuchs versetzt. Kraus hätte gern so weitergemacht wie bisher, doch Pechstein favorisierte den Trainerwechsel.

Mit Hüttenrauch aber gibt es Differenzen, die ihren verstorbenen Vater betreffen, den ehemaligen Eisschnelllauftrainer Alfred Kraus. „Die Erfurter Variante war aus persönlichen Gründen für mich die bessere“, sagt Kraus. Die Fortsetzung ihrer Karriere in Berlin kam unter den gegebenen Umständen nicht in Frage.

Stavanger macht Mut

In Thüringen trainiert sie jetzt bei Peter Wild, den sie schon seit Juniorenzeiten kennt. „Ich habe dort ein Superumfeld gefunden, das Klima in der Trainingsgruppe ist sehr motivierend“, erzählt Kraus. Nur ließ sich das wegen der Krankheiten nicht an den Ergebnissen ablesen. Erst Mitte Januar, bei der Mehrkampfmeisterschaft in Berlin, wurden die Resultate besser. Vor zwei Wochen dann, beim Weltcup in Stavanger, lief Kraus nur eine Sekunde langsamer als Pechstein auf den 3000. Das Selbstvertrauen kehrte zurück, auch der Mut, an die Leistungen des Vorjahres anknüpfen zu können, als sie auf dieser Strecke den sechsten Platz bei der WM belegte.

Die Übungsinhalte sind in Erfurt ähnlich wie vorher. Aber Kraus widmet sich jetzt auch mehr den kurzen Strecken, weil sie zu lange braucht, bis sie richtig in Fahrt kommt. Genau wie Stephanie Beckert (27). Die war mal Pechsteins große Rivalin, fiel dann in ein noch größeres Loch und findet den Weg heraus nicht mehr. Jetzt ist sie die Trainingspartnerin von Kraus.

Beckert als neue Partnerin

Wenig begeistert von ihrer Entscheidung war Pechstein. Ihr fiel eine gute Partnerin weg. Darunter litt das Verhältnis. „Es ist sicherlich nicht so, wie es mal war, aber wir respektieren uns. Jeder muss halt seinen Weg finden“, sagt Kraus. Eines bleibt für sie dennoch unverrückbar: „Claudia ist das beste Vorbild, das man haben kann. Sie bringt in ihrem Alter immer noch die Leistungen, an die wir gern ranwollen.“ Vielleicht schaffen das Kraus und Beckert jetzt gemeinsam. Zumindest bezüglich des Alters liegen sie näher beieinander. Die Chemie zwischen beiden stimmt.

In Erfurt hat Kraus ihre Kollegin, die in Kolomna auch über 3000 Meter startet, noch einmal neu kennengelernt. „Steffi ist ein sehr introvertierter Mensch. Wenn wir jetzt tagtäglich zusammen sind, öffnet sie sich auch. Wir haben gut miteinander harmoniert und viel gesprochen. Das war in den letzten Jahren nicht so der Fall. Das hat uns auch dichter zusammengebracht“, erzählt Bente Kraus.

Warten auf die Planungen

Ob die Partnerschaft in Erfurt fortgesetzt wird, weiß sie dennoch nicht. Denn die DESG hat in Jan van Veen zur neuen Saison einen neuen Bundestrainer für den Mehrkampf verpflichtet. Noch weiß niemand, was der Holländer vorhat, wie bei ihm die Strukturen aussehen sollen. „Aber ich bin optimistisch, weil wir Input aus dem Land bekommen, wo man richtig weiß, wie es geht. Darauf freue ich mich“, sagt Kraus, die damit vor der nächsten großen Veränderung und dem dritten Trainer in drei Jahren steht.

Auch Pechstein justierte jüngst kräftig nach. Ihre Bedingungen in Berlin genügten ihren Ansprüchen nicht. Seit Januar arbeitet sie deshalb mit dem Star-Trainer Peter Mueller zusammen. Die ersten Resultate ließen auf eine gute WM hoffen. Besonders die 5000 Meter, auf denen sie im Vorjahr Dritte wurde, am Freitag lagen in Pechsteins Fokus. „Ich habe keine Illusionen“, sagt die Berlinerin inzwischen.