Snooker

Zu Gast am schönsten Tisch der Welt

Vom Snooker-Turnier im Tempodrom schwärmen die Stars sogar nach Niederlagen. Ein Besuch beim German Masters unterm Zirkuszelt.

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Berlin.  Es war 22.52 Uhr, als die pinkfarbene Kugel von Mark Selby heftig am Loch klapperte anstatt hineinzufallen und ein lautes Raunen durchs gutgefüllte Tempodrom ging. Und es war 22.55 Uhr, als Stephen Maguire die braune Kugel im Mittelloch versenkte, die knapp 2000 Zuschauer aufstanden und den Sturz des Titelverteidigers feierten.

Mit 5:3 hatte der feurige Schotte Maguire (Spitzname: „on fire“) Mark Selby, den smarten 32-Jährigen aus Leicester, im Achtelfinale aus dem German Masters im Snooker gekegelt. Dieses hochklassige Duell war beste Werbung für den Snooker-Sport und bislang der Höhepunkt der noch bis Sonntag dauernden German Masters. Spannend, schnell, dramatisch.

Wie der Igel den Hasen hatte Selby zunächst seinen unbequemen schottischen Herausforderer, gegen den er zuletzt in der dritten Runde der Champions League verloren hatte, vor sich hergehetzt. Hatte mit starken Breaks von 90, 87 und 103 jeweils vorgelegt, Maguire konnte jeweils nervenstark mit Breaks von 68, 74 und 83 antworten.

Im siebten Frame schnappte Maguire zu

Beim Stand von 3:3 schnappte Maguire im vorentscheidenden siebten Satz (Frame) zu: Sortierte das unaufgeräumte Bild, das ihm Selby hinterlassen hatte, sorgfältig auf und hatte Glück, dass Selby seinen leichten Fehler mit Rot nicht ausnutzte. Mit 64 Punkten ging Maguire 4:3 in Führung und legte im achten Frame Selby die roten Kugeln eiskalt und unerreichbar an die Bande.

Und der Brite, sonst am stärksten, wenn er unter Druck ist, zeigte kurz, warum er „The Decider“ („der Entscheider“) genannt. Griff wie ein Hasardeur bei einem nahezu aussichtslosen Rückstand von 67 Punkten die schlecht gelegene, aber wichtige Rote an – und nahm sich dann jene verhängnisvolle Kugel in Pink, die partout nicht ins Loch wollte. Triumph, Sieg für Maguire!

„Ich wollte nach den ersten sechs Frames unbedingt erstmals in Führung gehen, um den Druck auf Mark zu erhöhen“, sagte ein sichtlich erleichterter Stephen Maguire nach dem Match der Morgenpost. „Das ist mir gelungen, und ich habe meine Chance genutzt.“

Jetzt ist er der Logik des Spiels zufolge der große Favorit. Doch für ihn war das Viertelfinale gegen seinen Landsmann Graeme Dott Endstation. Maguire unterlag am Freitagabend mit 1:5. Das Finale am Sonntag, das er nach seinem Sieg gegen Selby, den Titelverteidiger und zugleich auch Weltranglistenersten im Blick hatte, ist außer Reichweite.

Vier Favoriten flogen gleich zu Beginn raus

Das passt aber auch irgendwie zu den German Masters, deren Verlauf momentan alles andere als logisch ist. Nicht nur, dass sich gerade mal acht der 16 besten Spieler der Welt für dieses hochklassige Tournier der Main Tour qualifizieren konnten, so fehlt auch Superstar Ronnie „The Rocket“ O’Sullivan, der ab Sonnabend lediglich ein Berliner Gastspiel als Kommentator bei Eurosport gibt.

Nein, mit Mark Williams, Shaun Murphy, Marko Fu und Mark Allan haben sich gleich zu Beginn vier der Top 16 aus dem Feld verabschiedet, weswegen jetzt alle Blicke auf Weltmeister Stuart Bingham gehen, der sich im ersten Spiel aber schwer tat gegen den unbequemen Iren Fergal O`Brien, ehe er ihn nach drei zähen Stunden mit 5.2 niedergerungen hatte.

„Ich habe mich am Anfang über zwei leichte Fehler geärgert und die Konzentration verloren“, sagte er danach der Morgenpost. Freitagnachmittag hat es ihn dann selbst erwischt: 3:5-Niederlage im Achtelfinale gegen Ryan Day, Kein gutes Thema. Lieber schwärmt er von der Atmosphäre. „Berlin hat weltweit die besten Fans und den schönsten Spielort.“

„Boys are back in town“

In der Tat: Man muss diesen Snooker-Zirkus unter dem Zirkusdach des Tempodrom einmal erlebt haben. Wie Eurosport-Moderator Rolf Kalb die Spieler als großer Direktor ankündigt („Da geht die Tür auf, ist ja fast wie Weihnachten“) und die Profis mit schwarzer Fliege an edlem Schwarz, Grau oder Weinrot mit den weiß behandschuhten Schiedsrichter unter Thin Lizzys Rocksong „The boys are back in town“ die Manege betreten.

Wie sie an die symmetrisch aufgestellten vier Tische am Rande und den Mitteltisch treten, der fürs Fernsehen gemacht ist, und die Kameraleute in Schwarz ihre schweren Geräte hin- und herschieben, Wie im sehr fachkundigen Publikum gehüstelt und geklatscht, jejohlt („Come on, Mark“) und ein breites „Ooooh“ durch die Reihen geht, wenn die entscheidende Rote vor dem Loch liegenbleibt.

Fän-Stände mit Tassen, T-Shirts und Kuscheldecken

„Es gibt nur wenige Schauplätze, die diese Zirkusatmosphäre haben“, sagt Thomas Cesal, weshalb der fränkische Promoter das Turnier 2011 erstmals nach Berlin geholt hat. 15.000 Zuschuaer sind seitdem jedes Jahr gekommen, haben zwischen 18 und 250 Euro für die Tickets bezahlt und sich Autogramme der Stars oder die handsignierte Autobiographie von Ronnie O’Sullivan (32 Euro) geholt.

Es gibt Fan-Stände mit Postern, Tassen, Kuscheldecken, T-Shirts, Kapuzenshirts oder Queue-Sets zwischen 99 und 1000 Euro eines Berliner Billardfachhändlers. Alles für den Sport am grünen Tisch, der sich für fünf Tage in Berlin von der Kneipe in den Manegen-Bauch des Tempodroms verlagert – und die Männer mit den langen Stöcken zu nahbaren Zauberern und Zampanos werden lässt.