Berlin –

Berlin dreht am großen Rad

Sechstage-Chef Darbon will künftig viele Stars verpflichten. Sieg für Belgier de Ketele/de Pauw

Berlin. Die Zuschauer tobten, als die Sieger im mit 11.000 Radsportfans nahezu ausverkaufen Velodrom am Dienstag kurz vor Mitternacht über den Zielstrich sausten. Die Belgier Kenny de Ketele und Moreno de Pauw ließen sich strahlend feiern für ihren Erfolg vor dem Berliner Duo Roger Kluge und Marcel Kalz. Insgesamt kamen 70.000 Zuschauer zum 105. Berliner Sechstagerennen. Kein Wunder also, dass Mark Darbon, der Chef der Veranstaltung, sehr zufrieden war, als ihn die Berliner Morgenpost zu einem bilanzierenden Gespräch traf.

Schmal geschnittene Jeans, grauer Pullover über dem hellblauen Hemd. Eine Entschuldigung für eine kleine Verspätung, und dann sitzt Darbon ganz unprätentiös, fast bescheiden in den Katakomben im Velodrom an der Landsberger Allee auf einem Holzstuhl. Und doch plant der Geschäftsführer der Londoner Madison Sports Group das ganz große Rad zu drehen.

„Wir wollen so schnell wie möglich den Berlinern Tour-de-France- oder Giro-Sieger, Goldmedaillengewinner und Weltmeister auf der Sechstagebahn präsentieren. Das sind wir unserem Anspruch und dem künftigen Publikum schuldig, es ist quasi eine Verpflichtung. Und ich denke, wir können das schaffen.“ Gerüchte, sein Arbeitgeber würde das gerade gekaufte Berliner Rennen sofort wieder verkaufen wollen, kontert der smarte Brite kurz und knapp. „Das werden wir nicht tun.“ Darbon, 35 Jahre alt, kommt schnell auf Touren. Die Berlin-Premiere für das britische Unternehmen hat ihn, legt man seine verbale Begeisterung zugrunde, restlos überzeugt. „Wir wussten, dass es hier eine lange Tradition gibt. Wir wussten, dass das Rennen bei den Fans einen festen Stellenwert hat. Aber was ich in den letzten Tagen hier gesehen habe, hat meine Erwartungen weit übertroffen. Jeden Abend eine volle Halle und durchweg tolle Stimmung. Für mich als Höhepunkt der Familiensonntag, wo tausende Kinder und Jugendliche, unser künftiges Publikum, ihren Spaß hatten.“

Die Technik soll deutlicher in den Mittelpunkt rücken

Als Vergleich dient Darbon das letzte Sechstagerennen in London, gleichzeitig seine Premiere bei einem Rundenspektakel über knapp eine Woche. Zuvor hatte er die Bahnradwettbewerbe bei den Olympischen Spielen 2012 und ein Weltcuprennen in der englischen Hauptstadt betreut. „London war für uns ein gelungener Auftakt, aber Berlin hat gezeigt, wie es besser, geht. Wir haben schnell gemerkt, wie reibungsarm eine eingespielte Organisation arbeitet.“

Bei aller Begeisterung ist Mark Darbon aber ein erfolgsorientierter Profi im Geschäft mit dem Sport. Sein Augenmerk liegt unter anderem auf technischen Möglichkeiten, die für ein Sechstagerennen nach seinem Verständnis deutlich stärker genutzt werden müssen. Da schwingt dann ein Hauch von Kritik mit.

„Die Technik macht das Rennen für die Fans transparent. Die Leute müssen das teilweise komplizierte Regelwerk verstehen. Sie brauchen kurze, eingängige Informationen. Wir müssen die Fahrer als Menschen präsentieren, die Fans müssen sehen, wer sich unter dem jeweiligen Helm verbirgt. Die Fahrer können auf einer Bühne präsentiert werden. Schließlich kann niemand besser erklären, was läuft.“

Darbons Sprechtempo taugt kurzfristig für einen Rundengewinn. Zum Thema Technik gehört das Thema Fernsehen. Der neue Sechstage-Chef ist optimistisch „vielleicht schon 2017“ auch via TV potenzielle Kundschaft erreichen zu können. Zurück zur Technik. „Es muss möglich sein, zum Beispiel beim Rundenrekordfahrer, den Fans auf der Videowand zu zeigen, wie die Fahrer mit jeder Pedalumdrehung schneller werden. Gerade bei diesem kurzen Wettbewerb steigert das die Spannung und die Aufmerksamkeit.“ In vereinfacher Form konnten die Berliner Zuschauer bereits in diesem Jahr diese Informationen abrufen.

An der momentanen Vielfalt der Wettbewerbe will Darbon, zumindest vorläufig, nichts verändern. „Ich habe in Berlin erstmals ein Steherrennen live gesehen. Unglaublich. Die Motorräder auf der Bahn, der unglaubliche Sound, das Tempo und die Begeisterung der Fans in den letzten Runden. Das ist sensationell. Für mich gehört auch ein Frauenrennen ins Programm und die Sprinter sowieso“, sucht Darbon die Balance zu finden zwischen seinem Job als Verkäufer eines Sportevents und echter Begeisterung. Was ihn nicht daran hindert, über eine Straffung des Geschehens nachzudenken. Darbon benutzt dafür den Begriff „Stromlinienförmiger“.

Worauf sich die Berliner Zuschauer definitiv einstellen können ist die Rückkehr zu Live-Musik. „Du brauchst einen guten DJ, aber du brauchst auch gute Musiker in der Arena. Ein Sechstagerennen sollte Platz für einen guten Show-Teil haben“, so Darbon.

Sein Ziel: „Wer als Zuschauer die Halle verlässt, muss heiß darauf sein, am nächsten Abend oder spätestens im nächsten Jahr wiederzukommen.“