Tennis

Angelique Kerber steht vor dem Spiel ihres Lebens

Die Tennisspielerin aus Kiel steht am Sonnabend im Finale der Australian Open in Melbourne. Dabei wollte sie 2011 eigentlich aufhören

Lächelnd posiert Angelique Kerber vor der Skyline von Melbourne. Am Sonnabend trifft sie im Finale auf die favorisierte Serena Williams

Lächelnd posiert Angelique Kerber vor der Skyline von Melbourne. Am Sonnabend trifft sie im Finale auf die favorisierte Serena Williams

Foto: Graham Denholm / Getty Images

Melbourne.  Das „Schleswig Holstein-Magazin“ des NDR hat dieser Tage mal tief im Archiv nachgeforscht. Und da fand sich unter dem Stichwort „Angelique Kerber“ eine kleine Kostbarkeit, ein Filmchen aus den Teenagertagen der deutschen Tennis-Frontfrau. Auf den Spuren der Nachwuchshoffnung drehte das TV-Team 2003 auch in Kerbers Jugendzimmer, bei den Hausaufgaben der fleißigen Realschülerin.

Dann kam die Sprache auf Kerbers Tennisambitionen, und erstaunlicher Weise formulierte die 15-jährige nicht nur ein für deutsche Talente naheliegendes Ziel, einen Coup auf dem Heiligen Rasen von Wimbledon, sondern auch diesen Traum: „Natürlich will ich mal die Australian Open gewinnen.“

Dazu hat Kerber nun tatsächlich Gelegenheit am Sonnabend (9.30 Uhr, Eurosport) in der Rod Laver-Arena zu Melbourne – und irgendwie hängt nun an diesem lange herbeigesehnten Tag alles mit allem zusammen in der Final-Dramaturgie. Und zwar nicht nur zwischen den beiden Hauptdarstellerinnen dieses letzten „Falles für Zwei“ bei den Australian Open 2016, zwischen Kerber (28) und der Amerikanerin Serena Williams (34), der überragenden Nummer 1 der Welt.

Denn auch die letzte Deutsche, die jemals ein Major-Turnier gewann, die alte Meisterin Steffi Graf, kommt in ­vielerlei Beziehung ins Spiel hinein.

Serena Williams hat noch gegen Steffi Graf gespielt

Graf war eines der Jugendidole von Kerber, wurde später zur Mentorin der aktuell besten Deutschen im Tenniszirkus. Graf war aber auch die Spielerin, deren Fitness und Professionalität stets einem gewissen Richard Williams imponierten, dem Vater von Venus und Serena Williams. Oft spielte Daddy Richard seinen beiden Töchtern in Kinder- und Jugendjahren Videos von „Fräulein Vorhand“ vor.

„Es war eine unglaubliche Erfahrung, dann noch selbst gegen sie gespielt zu haben“, sagt Serena Williams. Oft habe sie sich in ihrer Laufbahn gewünscht, „so zielstrebig und fokussiert“ wie Graf zu sein, so Williams, „geschafft habe ich das aber erst ganz spät.“ Und tatsächlich: Die effektivste Grand-Slam-Ausbeute schaffte Williams jenseits der Dreißig, in einem Alter, in dem Graf schon längst im Ruhestand war. Die deutsche Graf-Erbin Kerber ist nun die Letzte, die vorerst verhindern kann, dass Serena Williams Grafs Titelrekord für die moderne Tennisära einstellen kann – mit dem 22. großen Pokalgewinn. „Ich weiß, dass es eine ganz schwere Aufgabe wird“, sagt Williams.

Die Kielerin Kerber ist bereit für das bisher größte Spiel in ihrem Leben: „Ich weiß, was ich kann. Ich muss mich vor niemandem mehr verstecken.“

Glamour und Glitzer sind nicht Kerbers Sache

Anders als an einem späten Junitag im Jahr 2011, als sie als Erstrunden­verliererin aus Wimbledon zurückkam. Geschlagen und niedergeschlagen. „Sie war total am Boden. Und dann sagte sie ohne lange Vorrede: Ich mache Schluss mit dem Tennis. Ich habe keinen Bock mehr. Ich quäle mich, ich rackere pausenlos, und es kommt nichts rum. Das ist kein Sport mehr für mich“, erinnert sich ihre Mutter Beata Kerber. Zum Glück machte Angelique weiter.

Sie braucht das ganze Drumherum nicht, Glamour und Glitzer sind nichts für sie. „Am schönsten für Angie ist es, wenn sie den Platz betreten kann, dort fühlt sie sich am wohlsten“, sagt Mutter Kerber.

Nur kleinere Extravaganzen leistet sich die tüchtige Single-Frau: Den Tick, „so an die hundert Paar Schuhe zu besitzen“. Und die Lust am schnellen Autofahren: „200 Stunden­kilometer auf der Autobahn, die sind nicht ungewöhnlich für mich.“