Handball-EM

Deutschland spielt mit der Kraft der Geschlossenheit

Die deutschen Handballer überzeugen bei der EM als eingeschworenes Team und träumen vom Titel. Große Fan-Party in Berlin geplant.

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Breslau.  In roten Pullovern und grauen Jogginghosen saßen alle Spieler der deutschen Handball-Nationalmannschaft am Donnerstagmorgen in Mannschaftshotel in Breslau und warteten auf den Bus, der sie nach Krakau bringt. Dieses einheitliche äußere Auftreten – auch abseits des Spielfeldes – bezeichnen andere Nationen gern mit einem Augenzwinkern als „typisch deutsch“. Welcher Sportler kennt sie nicht, diese Teams, die einem durch ihr professionelles Äuftreten Angst und Bange machen – bis sie das Feld betreten und der Schein verblasst. Bei den deutschen Handballern ist das anders. Sie leben die spürbare Geschlossenheit wirklich, die ihnen auf dem Spielfeld eine besondere Kraft verleiht.

Als verschworene Einheit haben die Handballer es bei der Europameisterschaft in Polen bis ins Halbfinale geschafft, wo sie am Freitag in Krakau auf Norwegen treffen (18.30 Uhr, ZDF). Jeder lebt fürs Team, seien es die verletzten Uwe Gensheimer und Patrick Groetzki, die nicht mitspielen konnten, aber trotzdem zum Zuschauen nach Breslau kamen. Oder Kai Häfner und Julius Kühn, die erst Montag nachreisten, um Steffen Weinhold und Christian Dissinger zu ersetzen, die trotz ihrer Verletzungen mit dem Team nach Krakau reisten. „Gleich als ich hier ankam, habe ich gemerkt, dass die Jungs ein eingeschweißtes Team sind, und ich bin stolz darauf, jetzt auch Teil davon zu sein“, sagte Häfner.

Auch die verletzten Spieler unterstützen das Team

Gemeinsam mit seinem Zimmerkollegen Kühn, der beim 25:23-Sieg gegen Dänemark am Mittwoch auch gleich helfen konnte, lag er nach dem Spiel im Zimmer und sinnierte darüber, wie unglaublich es sei, jetzt im EM-Halbfinale zu stehen. Für die deutschen Handballer ist es das erste Halbfinale seit 2008. Damals wirkte es noch nach, das Wintermärchen von 2007, als Deutschland im eigenen Land den WM-Titel gewann. Kurz darauf verschwand der deutsche Handball für einige Zeit von den großen Bühnen. Jetzt geht wieder eine Welle der Euphorie durch das Land.

„Ich bin total begeistert von den Jungs, sie geben nie auf, sind unbekümmert, haben eine tolle Einstellung. Genauso wie wir stellt auch Dagur Sigurdsson das Team in den Mittelpunkt, jeder kämpft für den anderen“, sagte Fußball-Bundestrainer Joachim Löw und bezeichnete die jungen Handballer als „tolle Botschafter für Deutschland“. Die deutsche Auswahl mit 16 EM-Debütanten ist das jüngste Team bei den Titelkämpfen in Polen. „Es ist für unsere Sportart so wichtig, dass wir mit der Nationalmannschaft Erfolg haben“, sagte Torhüter Carsten Lichtlein, der als Einziger des EM-Kaders auch schon 2007 beim WM-Sieg dabei war.

Bundestrainer Sigurdsson ist der Baumeister des Erfolges

Den größten Anteil an diesem Erfolg hat das Team selbst. „Ich glaube, dieser Mannschaft beim Handball zuzugucken, macht vielen Spaß“, sagte Lichtlein. So erging es auch Kapitän Weinhold, der am Mittwoch zum ersten Mal bei der EM ein Spiel von der Tribüne aus verfolgte. „Ich glaube, ich habe meinen Kaugummi im Achteltakt gekaut, da ist man schon nervöser als auf der Platte“, sagte er. Bei aller Freude über den Halbfinaleinzug machte er aber auch deutlich, wie wichtig es jetzt sei, diese sich bietende Chance zu nutzen. „Klar ist mit den Spielern, die wir haben, in den kommenden Jahren einiges möglich, aber wir müssen jetzt diesen Moment nehmen, man kann nie wissen, wann man diese Chance wieder bekommt.“

Denn auch, wenn alle Beteiligten in Richtung 2020 schauen zum öffentlich ausgegebenen Ziel Olympia-Gold und die Erwartungen bei dieser EM schon als übertroffen gelten, so will doch keiner mit einem vierten Platz nach Hause fahren. „Wenn wir jetzt nicht sagen, dass wir Europameister werden wollen, dann sind wir fast bescheuert“, sagte der bislang überragende Torhüter Andreas Wolff. „Jetzt fehlen uns nur noch zwei Schritte, um uns die europäische Krone aufzusetzen.“

Beim EM-Sieg wäre die deutsche Auswahl für Olympia qualifiziert

Wenn Deutschland das Endspiel erreicht, wäre die Mannschaft direkt für die WM 2017 in Frankreich qualifiziert. „Dann brauchen wir auf jeden Fall keine Wild Card wie 2015“, sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning. Sollte Deutschland sogar den Titel holen, wäre das Team auch ohne Umwege bei Olympia 2016 dabei.

Einen großen Anteil an der positiven Entwicklung des Handballs hat Bundestrainer Dagur Sigurdsson, der das Team mit seiner Unaufgeregtheit und analytischen Stärke von Sieg zu Sieg führt. „Das Schwierigste ist, einen komplizierten Spielplan möglichst einfach zu erklären. Gegen Dänemark hatte ich ein wenig Sorge, das waren schon sehr viele Sachen, die die Spieler da umsetzen mussten“, sagte er. Nun sei er sehr glücklich, aber auch schon wieder fokussiert, fügte er an. Schließlich braucht er am Freitag schon wieder einen neuen Matchplan.

Beim Titelgewinn soll es eine große Fanparty in Berlin geben

„Jetzt kommt ein großes Wochenende auf uns zu, wir wollen das Maximale rausholen und dann zufrieden nach Hause reisen“, sagte Sigurdsson. Vielleicht auch dann gemeinsam: Abhängig vom Abschneiden sind inzwischen Festivitäten in Berlin geplant, verriet Hanning. Sollte Deutschland den Titel gewinnen oder zumindest das Endspiel erreichen, wird es am Montag in der Hauptstadt einen großen Empfang geben. Holt das Team Bronze, würde die Feier kleiner ausfallen und soll am Flughafen stattfinden. Genaue Details müssen noch geklärt werden.